Trainer Oscar Tabarez : Uruguays Maestro

Oscar Tabárez ist schwer krank. Was ihn nicht hindert, Uruguay zu einem gefürchteten und fairen Gegner zu formen. Seine Spieler verehren den alten Mann dafür.

Niklas Levinsohn
Oscar Tabarez' Erkrankung hindert ihn nicht daran, sein Team zurück in die Weltspitze zu führen.
Oscar Tabarez' Erkrankung hindert ihn nicht daran, sein Team zurück in die Weltspitze zu führen.Foto: AFP PHOTO / Pascal GUYOT

Uruguays Nationaltrainer ist nicht für sein aufbrausendes Gemüt bekannt. Auf Pressekonferenzen doziert der ehemalige Geschichtslehrer mit ruhiger Stimme und philosophischem Einschlag über die Feinheiten des Fußballs. Doch einmal wurde Oscar Tabárez laut. „Nichts ändert sich für meinen Job oder im Umgang mit den Spielern! Ich werde weitermachen, solange die Ergebnisse stimmen“, fuhr er vor zwei Jahren einen Medienvertreter an. Der hatte den damals 69-Jährigen gefragt, ob er darüber nachdenken würde, sein Amt niederzulegen.

Tabárez hatte damals der Öffentlichkeit mitgeteilt, am Guillain-Barré-Syndrom erkrankt zu sein. Eine Schädigung des Nervensystems, die unter anderem Muskelschwäche zur Folge hat. Nur widerwillig redet der Coach der Südamerikaner über seine Krankheit. Ein Geheimnis macht der dienstälteste Übungsleiter dieser Weltmeisterschaft aber nicht daraus. Wie sollte er auch? Zum Trainingsgelände lässt sich „El Maestro“ – so nennen ihn seine Spieler ehrfürchtig – mit einem Golfwagen fahren. Steht Tabárez von seiner Trainerbank auf, um von der Seitenlinie Anweisungen zu erteilen, nutzt er einen Arm zum Gestikulieren. Den anderen stützt er auf einen Krückstock.

Einst war Uruguays Nationalmannschaft als Tretertruppe verschrien

Seiner Autorität tut das keinen Abbruch. Suarez, Cavani & Co. folgen ihrem Trainer aufs Wort. Sie kennen es nicht anders. Seit zwölf Jahren ist Tabárez für die „Celeste“ verantwortlich. 20 Spieler aus dem aktuellen Kader feierten unter ihm ihr Nationalmannschaftsdebüt. Die Haare des „Maestros“ sind inzwischen dünner geworden. Das früher wohlgenährte Gesicht sieht fast ein wenig ausgemergelt aus. Bloß seine Lehren zeigen keinerlei Abnutzungserscheinungen. Im Gegenteil. Sie sind es, die Uruguay wieder zu einem fußballerisch gefürchteten Gegner machen.

Gefürchtet war Uruguay auch früher. Allerdings aus üblen Gründen. In den 80er Jahren waren die Himmelblauen als Tretertruppe verschrien. Die Symbolszene des schlechten Rufs: José Batistas Platzverweis im Vorrundenduell mit Schottland bei der WM 1986. Nach gerade mal 52 Sekunden wurde der Verteidiger für eine üble Grätsche gegen Gordan Strachan vom Feld geschickt. Nie sah ein Spieler bei einer WM-Endrunde schneller die Rote Karte. Schuld an der überharten Gangart war „garra charrua“. Sozusagen die fußballerische DNA Uruguays, die in Anlehnung an das indigene Volk der Charrua diesen Namen trägt. Die im 19. Jahrhundert ausgerotteten Charrua galten als gefürchtete Krieger.

Was jedoch einst für den unbändigen Siegeswillen stand, der Uruguay zwei WM-Titel in der Frühphase des Fußballs beschert hatte – 1930 und 1950 –, pervertierte zunehmend zu einer Lizenz zum Treten. Dafür waren die Auftritte der Südamerikaner an spielerischer Armut kaum zu überbieten. Bis Tabárez kam, der seinen Schützlingen immer noch unermüdlich vorbetet: „Wir fangen mit elf Mann an und mit elf Mann hören wir auch wieder auf.“

Ohne Tabarez verkam die "Celeste" zu einem zahnlosen Tiger

Als Nationaltrainer ist es bereits seine zweite Amtszeit. Von 1988 bis 1990 leitete er schon einmal die Geschicke der „Celeste“. Bei der Weltmeisterschaft in Italien führte er sie bis ins Achtelfinale, dann versuchte Tabárez sein Glück auf Vereinsebene. Uruguay war nach seinem ersten Intermezzo zwar nicht mehr der rüpelhafte Haufen vergangener Tage. Allerdings verkam die Nationalmannschaft in seiner Abwesenheit zu einem zahnlosen Tiger. Lediglich eine von vier möglichen WM-Teilnahmen stand zu Buche. 2002 schied Uruguay bereits in der Vorrunde aus. Das kleine Land mit dreieinhalb Millionen Einwohnern, das schon immer mehr als andere südamerikanische Schwergewichte um seinen Platz im Weltfußball kämpfen musste, hatte den Anschluss verloren.

„Wir konnten gar nicht spielen. Meine Vorgänger haben ja nicht einmal Freundschaftsspiele austragen lassen“, erinnert sich Tabárez an seine Rückkehr ins Traineramt im Februar 2006. Der 71-Jährige gestaltete den Nachwuchsbereich neu und installierte ein Scouting-Netzwerk, um sich einen besseren Überblick über die Talente des Landes zu verschaffen. Vielversprechenden Nachwuchsleuten legte er einen Wechsel nach Europa nahe, weil er die heimische Liga für zu schwach befand. Eine gute Jugendarbeit war für Tabárez schon immer zwingend: „Für jeden großen Spieler, den Uruguay rausbringt, bringt Brasilien 20 raus und Argentinien zehn.“

Im Trainingszentrum ließ er eine Bücherei einrichten

Einer dieser großen Spieler könnte José Maria Giménez werden. Der Innenverteidiger von Atletico Madrid wurde 2013 WM-Finalist mit Uruguays U20 und debütierte noch im gleichen Jahr für die „Celeste“. Im Sommer darauf stand er als 19-Jähriger bei der WM in Brasilien in drei von vier Spielen über die volle Distanz auf dem Platz. Nun erzielte der Abwehrpartner von Diego Godin gleich im ersten Vorrundenspiel gegen Ägypten den 1:0-Siegtreffer per Kopf.

Ihren Kopf sollen Tabárez Schüler auch außerhalb des Platzes benutzen. Seine Arbeitsweise ist stark von seiner pädagogischen Ausbildung geprägt. Lesen statt Handyspiele. Im Trainingszentrum außerhalb von Montevideo ließ er sogar eine Bücherei einrichten. „Wir haben großen Respekt vor ‚El Maestro‘ und wir lernen jeden Tag von ihm“, versichert Kapitän Godin. „Wir sind nun schon so lange zusammen. Zwischen uns besteht eine besondere Verbindung.“ Fast scheint es, als ob die gemeinsame Bewunderung für ihren Trainer Uruguays Nationalmannschaft zusammenschweißt.

Frei nach den Worten Che Guevaras: Sei hart zum Gegner und herzlich zueinander

Denn bisher präsentieren sich die Himmelblauen als würdiger Vertreter des inzwischen verlorengegangenen „garra charrua“. Uruguay verteidigt als Kollektiv kompakt und unnachgiebig. Wenn es sein muss, stehen bei gegnerischen Eckbällen alle zehn Feldspieler im eigenen Strafraum. Die Südamerikaner spielen leidenschaftlich, aber nicht unfair. Rodrigo Bentancur hat die bisher einzige Gelbe Karte für Uruguay gesehen. Vorne verfügt die „Celeste“ über das vielleicht beste Sturmduo dieses Turniers, in Szene gesetzt von vielversprechenden Mittelfeldtalenten wie Lucas Torreira (Sampdoria Genua) und dem oben genannten Bentancur (Juventus Turin).

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Und an der Seitenlinie? Dort ist Frankreichs Viertelfinalgegner gesegnet mit einem Trainer, der eine Mannschaft geformt hat, die aus dem Stoff der größten Erfolgsgeschichten des uruguayischen Fußballs gemacht ist. Hart zum Gegner und herzlich zueinander. Frei nach den Worten Che Guevaras, die eine Wand in Tabárez Eigenheim in Montevideo zieren: „Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren.“

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