• Typologie aus Sicht einer Schauspielerin: Wer bei Alba Berlin welche Rolle innehat

Typologie aus Sicht einer Schauspielerin : Wer bei Alba Berlin welche Rolle innehat

Manchmal ist Basketball wie ein Film. Und weil das so ist, hat sich eine Schauspielerin das Team von Alba Berlin mal genauer angeschaut.

Minh-Kai Phan-Thi
Vom Stoiker bis zum Rookie. Schauspielerin Minh-Kai Phan-Thi hat sich die Alba-Spieler mal genauer angesehen.
Vom Stoiker bis zum Rookie. Schauspielerin Minh-Kai Phan-Thi hat sich die Alba-Spieler mal genauer angesehen.Foto: Imago

Seit 20 Jahren spiele ich hauptsächlich Kommissarinnen oder Polizistinnen. Es sind ernste, unterkühlte Rollen. Kürzlich habe ich in einem Schnulzenfilm, offiziell „Herzkino“, eine Tänzerin gespielt, eine ganz normale Person, die ganz normal redet. Wunderbar. Bei Alba Berlin sitze ich seit 2009 regelmäßig unter den Zuschauern. Ich sehe dann nicht nur Siege oder Niederlagen, ich sehe auch Typen.

Sasa Obradovic, der Trainer, als was könnte man den besetzen? Als den charmanten Mafia-Boss, der andere die Drecksarbeit machen lässt? Oder Coach Aito. Klassischer Kommissar, alte Schule, eine Art Derrick, auf jeden Fall immer ruhig und mit einem Trenchcoat gekleidet. Ich will an dieser Stelle versuchen, aus der Sicht einer Schauspielerin eine kleine Typologie für Basketballspieler zu entwickeln.

Der Stoiker
Den brauchst du im Team, er zieht unabhängig von Spielstand, Pfiffen oder Zeitdruck seinen Stiefel durch. Gesichtsausdruck: immer gleich. Er redet wenig. Der Stoiker brummt wie eine Maschine. Prüfungsangst kennt er nicht, gib ihm ruhig den letzten Wurf. Wenn es sein muss, geht er mit dem Kopf durch die Wand. Dragan Milosavljevic war so einer, Rokas Giedraitis sehe ich so. Das Äquivalent in Hollywood? Peter Falk als Columbo oder Daniel Craig als James Bond.

Der Schlüsselspieler
Er verkörpert in einer Mannschaft das, was man unbedingt will. Um ihn herum wird das Ganze gebaut. Der Schlüsselspieler ist nicht unbedingt auffällig, er veredelt das Spiel und lässt dabei andere glänzen. Er hebt durch seine Klasse seine Nebenleute auf ein ganz anderes Niveau. Zwei Namen: Reggie Redding und Luke Sikma. Beim Film ist das auch so, da ist der große Held, einer wie Götz George, und beim Casting wird geguckt, passt du zu dem?

Gute Filme und gute Basketballspiele leben von ihren Schlüsselspielern. Albas Luke Sikma ist so einer.
Gute Filme und gute Basketballspiele leben von ihren Schlüsselspielern. Albas Luke Sikma ist so einer.Foto: Andreas Gora/dpa

Der Clown
Das Publikum mag ihn einfach. Er ist nicht unbedingt der beste Spieler, er ist der, der die Ohrfeige kriegt. Über den alle lachen können. Der wichtig für die Stimmung ist. Er darf auch einen tiefen Fall erleben, einen Schicksalsschlag, er verliert seine Familie, er baut Scheiße, aber er hat Hemingway gelesen: Du darfst fallen, aber du musst wieder aufstehen. Der Clown steht wieder auf und grinst, und alle lachen mit ihm. Drehbücher sind so, Geschichten gehen so. Armin Rohde und Jürgen Vogel sind so. Und Denis Clifford schmeißt vor dem Spiel den Albatros um und trommelt sich wie King-Kong auf die Brust. Sehr sympathisch.

Der Rambo
Die reine Körperlichkeit. Ein Hulk. Ein Stier. Oder der Beißer aus den James-Bond-Filmen. Er polarisiert wahnsinnig, die Frage ist nur: Ist er sympathisch oder hat er auch noch eine Hack-Fresse? Der Gegner hat Angst vor ihm, denn er tut weh, und er möchte auch wehtun. Dass er dabei selbst etwas abbekommt, stört den echten Rambo nicht. Wird besetzt durch Vladimir Stimac und Javier Bardem als 007-Bösewicht.

Der Trash-Talker
Er labert und labert seinen Gegenspieler voll. Noch ein Spruch und noch ein blöder Spruch, bis der total genervt ist. Ich hätte gerne ein Mikro und wüsste, was da auf dem Court abgeht. Der Trash-Talker spielt ein Spiel im Spiel, er hat seine ganz eigene Inszenierung laufen. Ihm ist deshalb bei keinem Spielstand langweilig. Akeem Vargas war so einer. Und warum ist beim WM-Finale 2006, Italien gegen Frankreich, Zinedine Zidane derart ausgerastet? Weil er irgendwas wie „deine Schwester oder Mutter ist doch eine…“ gehört hat. Am Set gibt es Schauspieler, die reden jede Szene zugrunde. Ich würde dann gern sagen: Halt's Maul!

[Der Spielbericht zum Sieg von Alba Berlin in der Euroleague.]

Der Zocker
Er sagt sich: Wenn du nichts riskierst, kannst du nicht gewinnen. Er spielt unorthodox. Der Zocker hat geniale Momente, und Sekunden später denke ich: Um Himmels Willen, jetzt doch nicht, das doch nicht! Er reißt dich mal vom Stuhl vor Begeisterung, und dann wieder geht er dir auf den Zeiger. Alex Renfroe habe ich so in Erinnerung. Alexander Scheer, der den „Gundermann“ gespielt hat, ist so einer. Als Schauspieler immer überraschend.

Der Coole
Nicht zu verwechseln mit dem Stoiker. Cool ist eine Frage der Ausstrahlung, des Stils, der Haltung und immer verbunden mit etwas Lässigem. Peyton Siva ist cool. Nur Mark Waschke kann so Auto fahren, dass es cool wie bei den US-Amerikanern aussieht. Frauen verlieben sich in den Coolen und heiraten den Stoiker, weil er zuverlässig ist. Du bist froh, wenn du den Stoiker in deiner Mannschaft hast, doch zum Zuschauen ist mir der Coole lieber.

Der Coole: Peyton Siva (r.).
Der Coole: Peyton Siva (r.).Foto: Andreas Gora/dpa

Ihm fällt alles zu. Selbst wenn er verwirft, sieht der Wurf immer noch verdammt elegant aus. Richtig cool ist es, wenn sich der Coole seiner Coolheit nicht bewusst ist. Robert Downey Junior ist verdammt cool – auch als Ironman. Und der zeitlose Robert Redford ist bis heute cool.

Der Veteran
Er weiß alles, er hat alles erlebt, er hat alles gesehen, er hat vielleicht sogar alles gewonnen. Der Veteran sieht uralt aus, ausgezehrt, die vielen Reisen, die vielen Schlachten, jede Menge Verletzungen. Er ist nicht viel älter als 30 und ein alter Mann. Name gefällig? Kresimir Loncar. Diese Typen bekommen keine lange Spielzeit mehr, doch wenn sie den Court betreten, verändern sie die Atmosphäre. Sie wissen ja, wie's geht und was der Trainer will, sie sind sein verlängerter Arm. Barbara Auer ist so eine Kollegin, die durch ihre Aura junge, aufgeregte Schauspieler runterbringt. Also das Gegenteil von …

Der Rookie
So ein junger Welpe stößt sich beim Rumrennen hie und da den Kopf an. Der Rookie ist total heiß, er hat etwas Unverbrauchtes, er traut sich unkonventionelles Zeugs, mal will er zu viel und verdribbelt sich heillos. Jonas Mattisseck ist so. Und plötzlich schmeißt er einen Dreierregen in den Korb, fünf von fünf Versuchen – so was Geiles!

Aufgezeichnet von Norbert Thomma.

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