Verspielte Chance des Berliner Derbys : Hertha feiert den Mauerfall – Union die Abgrenzung

30 Jahre nach dem Mauerfall hätte das Derby mehr sein können als ein Fußballspiel. Doch die Chance wurde vertan. Ein Kommentar.

Es war einmal einmal. 2010 spielten Union und Hertha in der Zweiten Liga gegeneinander.
Es war einmal einmal. 2010 spielten Union und Hertha in der Zweiten Liga gegeneinander.Foto: dpa

Gleich zu Beginn muss endlich dieses Vorurteil abgeräumt werden. Es stimmt eben nicht, dass Berlin nichts auf die Reihe kriegt, wie es viele so klagend wie feixend gerne behaupten. Nein, die Hauptstadt ist erstklassig, und das sogar gleich doppelt. Erstmals seit mehr als 40 Jahren spielen in dieser Saison wieder zwei Fußballklubs aus Berlin in der Bundesliga. Das ist doch nicht nichts. Oder?

Das Problem liegt darin, dass die Kraft des Sports gemeinhin immer noch gerne noch unterschätzt wird. Aber wenn am Samstag das erste Duell zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC auf höchster deutscher Fußballebene ansteht, dann könnte es sich wieder zeigen: Welch wahnsinnige Wirkung dieses scheinbar simple Spiel mit dem Ball entfalten kann.

Das Berliner Fußball-Derby bringt schließlich seine ganz eigene Geschichte mit sich. Da ist der einst kleine Klub aus Köpenick, der sich auch mit Hilfe seiner Fans selbst wieder großgemacht hat. Und da ist der größere Verein aus Charlottenburg, der oft noch größer sein wollte als er ist, jedoch viele Berliner und Zugezogene nicht erreicht.

Inzwischen sind sich Union und Hertha nicht nur tabellarisch nähergekommen. Auch die Köpenicker kommen im Fußball der Neuzeit nicht mehr ohne kräftige Finanzhilfen aus – und sehen sich selbst als Teil des Geschäfts, auch wenn das Image vom etwas anderen Verein weiter- und weitergetragen wird. Gerade vor diesem Hintergrund und dem anstehenden Jubiläum zu Mauerfall hätte das Derby das Potenzial gehabt für eine noch bessere Geschichte.

Alles rund um das Derby:

In Zeiten, in den die Fans von Dynamo Dresden mit dem Schlachtruf „Ost-Ost-Ost-Deutschland“ durch die Republik ziehen, wäre es die Chance gewesen, zu zeigen, dass 30 Jahre später Ost und West gerade in Berlin nur noch geografische Kategorien sind. Und dass es sich lohnt, nicht nur gegeneinander zu spielen, sondern auch miteinander und nicht übereinander zu reden.

Besondere Kampagne hier, Abgrenzung dort

Doch während Hertha sogar eine Kampagne anlässlich des besonderen Datums aufgesetzt hat und die Idee hatte, das Derby am 9. November auszutragen, setzt der Klub, für den der Mauerfall wahrscheinlich eine echte Befreiung bedeutete, ganz bewusst auf Abgrenzung. Unions Präsident Dirk Zingler hat vor der Saison sogar in bester DDR-Manier den „Klassenkampf“ ausgerufen.

Natürlich leben Derbys von Konkurrenz und gegenseitiger Abneigung. Doch das Berliner Duell auf einen Ost-West-Vergleich zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Ganz Fußball-Deutschland wird an diesem Abend nach Köpenick schauen auf ein besonderes Spiel. Alle werden sehen, was Berlin für Stimmung erzeugen kann. Wie leidenschaftlich der Fußball gespielt werden kann, wenn es wirklich um etwas geht. Was es für Menschen bedeutet, ihren Verein dieses eine Mal vorne zu sehen. Dass noch viel mehr drin gewesen wäre, werden sie nicht mitbekommen.

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