• Vor dem ersten Skispringen in Oberstdorf: Die erstaunliche Wandlung der Vierschanzentournee

Vor dem ersten Skispringen in Oberstdorf : Die erstaunliche Wandlung der Vierschanzentournee

Seit sieben Jahrzehnten fasziniert die Vierschanzentournee. Dabei hat das Event unglaubliche Geschichten geschrieben – und sich extrem verändert.

Erik Otto
Letzter Jubel. Sven Hannawald ist der bis dato letzte deutsche Gesamtsieger.
Letzter Jubel. Sven Hannawald ist der bis dato letzte deutsche Gesamtsieger.Foto: dpa

Begonnen hat diese einmalige Erfolgsgeschichte am Neujahrstag des Jahres 1953. An der Olympiaschanze von Garmisch- Partenkirchen versammelten sich neben den besten Skispringern aus den Gastgebernationen Deutschland und Österreich auch fünf Slowenen, vier Schweden sowie je drei Norweger und Schweizer zum ersten Springen der Vierschanzentournee. Es siegte vor 20 000 begeisterten Fans der Norweger Asgeir Dölplads mit Sprüngen auf 78,5 und 81 Meter. Die erste Tournee endete am 11. Januar in Bischofshofen mit dem Gesamtsieg des Österreichers Sepp „Buwi“ Bradl.

In den 67 Jahren seitdem hat sich viel gewandelt. Ob nun der Flugstil (statt paralleler Skiführung mit teils vogelwild kreisenden oder nach vorn gereckten Armen wird jetzt im V-Stil geflogen), die Zahl der Teilnehmer (bei dieser Auflage sind es 71) oder die Weiten der Sprünge (bis zu 146 Meter in Bischofshofen).

2007/2008 wurde erstmals ein Tournee-Springen abgesagt

Die Begeisterung für das allwinterlich stattfindende Event in Oberstdorf, Garmisch- Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen ist jedoch gleich geblieben. Ob bei den Fans an den Schanzen und vor dem Bildschirmen oder den Springern. „Die Tournee ist Tradition pur. Ich habe sie schon als Kind im Fernsehen gesehen und es war immer mein Traum, um den goldenen Adler zu kämpfen“, hat der Norweger Daniel Andre Tande in diesen Tagen vor dem ersten Springen am Sonntag (17.30 Uhr/live in der ARD) gesagt.

So ging es schon vielen Springern vor ihm, und über inzwischen bald sieben Jahrzehnte haben sich rund um den Jahreswechsel schon viele unglaubliche Geschichten ereignet. Zum Beispiel bei der zweiten Tournee 1953/54, die am 28. Dezember eigentlich wegen Schneemangels abgesagt wurde. Als jedoch Frau Holle im neuen Auftaktort Oberstdorf doch noch ihre Wolkenbetten öffnete, ging an alle Skiverbände telegrafisch die Nachricht heraus, dass die Tournee nun doch stattfinden kann.

Die Fluggesellschaft SAS verschob sogar einen Flug um einen halben Tag, damit auch die skandinavischen Skispringer rechtzeitig zum Auftaktspringen vor Ort sein konnten. Die Aktion lohnte sich: Mit Olaf Björnstad gewann ein Norweger das Auftaktspringen und die gesamte Tournee. Es dauerte übrigens bis zur Tournee 2007/2008 bis tatsächlich erstmals ein Tournee-Springen wegen schlechten Wetters abgesagt werden musste. Stattdessen gab es bei der einzigen „Dreischanzentournee“ der Geschichte einmalig zwei Springen in Bischofshofen.

In den Anfangsjahren soll auch „Flugbenzin“ eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Hemmo Silvenoinen zum Beispiel durchzechte die Silvesternacht zum Jahr 1956, obwohl das dem finnischen Team ausdrücklich verboten worden war. Sein Mannschaftsführer wollte ihn deshalb von der Startliste streichen lassen. Allerdings setzten sich alle Teamkollegen für Silvenoinen ein und so wurde die Strafe vertagt.

Das Neujahrsspringen der Tournee hat Kultstatus

Der Flieger bedankte sich mit dem Sieg beim Neujahrsspringen. Genau wie beim Thema Alkohol nahm man es damals auch mit dem Wind nicht so genau: In Oberstdorf stand zum Beispiel der ehemalige Skispringer und Schanzenbauer Heini Klopfer am Schanzentisch und gab mit einer roten Fahne den Start frei. Auch bei einer steifen Brise: Klopfer tauchte die Fahne einfach in Wasser ein, damit sie nicht flattern konnte.

Heutzutage ist dagegen (fast) alles bei der Vierschanzentournee professionalisiert. Seien es der Windfaktor, der in die Berechnung der Gesamtpunktzahl für die Springer einfließt, oder die TV-Übertragungen. Was 1956 mit der Übertragung des Neujahrsspringens im Bayerischen Rundfunk begann, ist heute bei allen vier Tournee-Springen in bis zu 25 Ländern ein internationales Topevent auf der Mattscheibe.

Kultstaus hatte zum Beispiel das Neujahrsspringen 1979. Damals hatte ein riesiger Temperatursturz den Bakken in Partenkirchen in einen riesigen Eisblock verwandelt. Es konnte an diesem Tag nicht gesprungen werden, also unterhielt der berühmte ZDF-Sportreporter Brundo Moravetz („Wo ist Behle“) die TV-Zuschauer vier Stunden lang mit Anekdoten.

Das Fernsehen hat die Tournee jedoch nicht nur zu einem Event gemacht, über das rund um den Jahreswechsel in Deutschland Millionen von Menschen reden. Es hat auch mit dafür gesorgt, dass die Tournee zu einem der reizvollsten Sportevents für Sponsoren wurde. Der Deutsche Skiverband (DSV) und der Österreichische Skiverband (ÖSV) kassieren mittlerweile jeweils geschätzte zwei Millionen Euro von Vermarkter Infront, mit dem der Vertrag bis 2022 läuft. Seit vergangenem Jahr ist eine Sportbekleidungsfirma Presenting Sponsor. Dazu kommen vier weitere große Firmen als Hauptsponsoren der Vierschanzentournee.

Tat es Hannawald gleich. Der Japaner Ryoyu Kobayashi ist Titelverteidiger der Tournee.
Tat es Hannawald gleich. Der Japaner Ryoyu Kobayashi ist Titelverteidiger der Tournee.Foto: Georg Hochmuth/dpa

Es wird also jede Menge Geld verdient beim Skisprung-Grand-Slam, wovon bei den Hauptakteuren jedoch vergleichsweise wenig ankommt. Für einen Sieg bei einem Tournee-Einzelspringen gibt es wie bei allen anderen Weltcup-Stationen 10 000 Schweizer Franken (gut 9000 Euro). Für den Gesamtsieg zusätzlich zur Adler-Trophäe „nur“ 20 000 Schweizer Franken. Zum Vergleich: Der Sieger beim Abfahrts-Weltcup von Kitzbühel kassiert in diesem Winter stolze 100 000 Euro. „Ganz klar: Der Gesamtsieger der Tournee sollte als Prämie mindestens 100 000 Euro bekommen. Die Stadien sind voll und es sitzen Millionen vor dem Fernseher“, sagt Sven Hannawald.

Der Überflieger von einst war 2001/2002 der letzte deutsche Gesamtsieger bei der Tournee. Damals kassierte er insgesamt etwa 330 000 Euro an Preisgeldern und Prämien vom DSV, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Vor allem in Erinnerung geblieben ist jedoch, dass er vor inzwischen 18 Jahren als erster Skispringer alle vier Springen bei einer Tournee gewann. Seither taten es ihm Kamil Stoch aus Polen (2017/18) und zuletzt der Japaner Ryoyu Kobayashi gleich.

Genau diese historischen und kuriosen Momente sind es, die die Tournee so einzigartig machen. So wie 2005/2006 als der Finne Janne Ahonen und der Tscheche Jakub Janda mit exakt 1081,5 Zählern exakt punktgleich die Tournee gewannen. Es ist einfach nichts unmöglich in dieser einmaligen Erfolgsgeschichte, deren nächstes Kapitel in diesen Tagen geschrieben wird.

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