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Spitzenreiterin. Helen Langehanenberg und Damon Hill sind die Stars in der deutschen Equipe.

© Julia Rau

Reiten wurde von einer Männerdomäne zum Mädchenhobby – und nun liegt Deutschlands Dressurerfolg bei der Reit-Weltmeisterschaft in Frankreich allein in Frauenhand.

Und dann war es kurz wie früher schon einmal: Das eine Pferd unter den vielen anderen fiel auf. Es schien schwärzer als die anderen schwarzen, es glänzte mehr, bewegte sich anders und zog so alle Augen auf sich.

Die Menschen, die auf den sonnenprallen Rängen rund um den Turnierplatz saßen, wurden still und andächtig, als sie ihm zusahen, die Punktrichter gaben ihm Höchstnoten, und kurz darauf wurde bekannt gegeben: Der Hengst Totilas und sein Reiter Matthias Alexander Rath gehören ab sofort zum deutschen Nationalteam der Dressurreiter. Das war während des CHIO-Turniers in Aachen vor einem Monat. Nach einer rund zweijährigen Pause, in der das Duo vor allem mit Unpässlichkeiten aufgefallen war.

Die Nominierung unterbrach eine Entwicklung in der Dressurreiterei, die fast zwangsläufig ausgesehen hatte: hin zur reinen Frauensache. Allerdings nur kurz. Vier Tage, bevor das Team am heutigen Samstag in Frankreich seinen ersten Auftritt bei den Weltreiterspielen haben sollte, wurde die nächste Unpässlichkeit verkündet: Totilas ist verletzt und das Turnier für ihn gestrichen.

Auf Europaebene waren die deutsche Frauen-Equipe 2013 siegreich

Ersatzweise rückte Fabienne Lütkemeier ins Team von Helen Langehanenberg, Kristina Sprehe und Isabell Werth vor. Das Quartett kennt sich, es holte mit Trainerin Monica Theodorescu bei den Europameisterschaften vergangenes Jahr bereits Gold. Ab heute muss sich Deutschland erstmals bei einer Weltmeisterschaft als weibliche Dressurnation beweisen. Das hat es nie zuvor gegeben.

Dabei ist das Team in dieser Zusammensetzung geradezu sinnbildlich für den Reitsport, der innerhalb kurzer Zeit einen fundamentalen Bedeutungswandel durchgemacht hat: von einer Männerdomäne zum Mädchenhobby. Das gilt vor allem für die Dressur, dieses seltsame, dem Fachfremden in seinen Ansprüchen unverständliche Herumtrippeln oder Aufderstellehüpfen von Pferd und Reiter.

Dr. Reiner Klimke gehörte zu denen, die in den 70er Jahren die Dressur moderner und jünger machen wollten.
Dr. Reiner Klimke gehörte zu denen, die in den 70er Jahren die Dressur moderner und jünger machen wollten.

© dpa

Monica Theodorescu, die erste Frau, die das Nationalteam in der 109-jährigen Geschichte der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) leitet, wurde 1963 als Tochter zweier Weltklassereiter geboren und hat den Wandel ihres Sports als aktive Reiterin selbst erlebt. Als junge Frau profitierte sie von einem Jugendförderprogramm, das in den 1970er Jahren erfunden wurde, um den zylindersteifen Altherrensport aufzufrischen und moderner zu machen. Erfunden von Anton Fischer, dem damaligen Vorsitzenden des Olympischen Dressurausschusses, und Reiner Klimke, vielmehr: Doktor Reiner Klimke. Akademische Titel gehörten damals zum guten Ton und wurden niemals unterschlagen. Das galt auch weit über 1968 hinaus, als würden die Bewegungen draußen im Land – die Studentenproteste, die Forderungen nach weniger Autorität und mehr Freiheit – die Welt im Stall nicht betreffen. Im Sattel gab es keine Revolution, keinen Umsturz. Die Veränderungen kamen langsamer, einvernehmlicher in Gang. Was vielleicht auch am dazugehörenden Tier liegt. Ein Pferd lässt sich nicht revolutionieren. Bestenfalls geduldig umerziehen. Entsprechend gelassen äußerte sich Monica Theodorescu, als sie im Oktober 2012 in ihr Amt kam. „Bei der hohen Frauenquote in unserem Sport“, sagte sie, „ist es wahrscheinlich nur natürlich, dass auch einmal eine Frau so einen Posten übernimmt.“

Die Sensation von 1972: Eine Frau holt Gold in München

1972, Olympia in München: Liselott Linsenhoff gewinnt Gold - als erste Frau überhaupt
1972, Olympia in München: Liselott Linsenhoff gewinnt Gold - als erste Frau überhaupt

© imago

Diese Leidenschaftslosigkeit in Sachen Gender rührt wohl auch daher, dass im Reitsport – anders als bei allen anderen Sportarten – Männer und Frauen gleichberechtigt gegeneinander antreten. So kam es, dass sich ab Mitte der 50er Jahre eine Frau im Dressursport einen Namen machte: Liselott Linsenhoff, Jahrgang 1927, Tochter eines Unternehmers und Gestütsbesitzers, die 1972 bei den Olympischen Spielen in München die Goldmedaille gewann – und Reiten als Leistungssport für Frauen populär machte.

„Eine Frau bei Olympia, das war eine Sensation“, erinnert sich Angelika Frömming, die seit 20 Jahren internationale Richterin ist und ein Buch über die Dressurreiterei im Wandel der Zeiten geschrieben hat. Am Telefon erzählt sie, wie erstaunt, regelrecht perplex sie damals gewesen sei. „Natürlich gab es immer mal wieder gute Reiterinnen“, sagt sie. „Aber die Dressur war durch die Kavallerie so lange so männlich geprägt.“

Über Jahrhunderte, um genau zu sein. Angefangen in der Antike, von Persien bis Griechenland, von Griechenland bis Rom. Während die Kavallerie als militärische Gattung immer wichtiger wurde, formulierte der griechische Feldherr und Schriftsteller Xenophon die ersten Schriften über die klassische Reitkunst. Gerichtet an die aristokratische Jugend, beschrieb er in seinen Werken, wie das Pferd korrekt zu reiten sei. Von einer freien Aufrichtung des Tiers war die Rede, von einem ausbalancierten Sitz des Reiters und von Lektionen, die das Pferd wendiger und geschmeidiger machen sollten. Für den Einsatz im Krieg.

In seiner Schrift "Ecole de Cavalerie" legt Francois Robichon de la Guérinière 1733 die Ideale guter Reiterei dar.
In seiner Schrift "Ecole de Cavalerie" legt Francois Robichon de la Guérinière 1733 die Ideale guter Reiterei dar.

© Wikipedia

Es folgten zunächst aber gepanzerte Pferde bei Ritterturnieren, Schlachten und Kreuzzügen im Mittelalter. Lange Zeit galt das Pferd als wildes, eigensinniges Tier, das man dominieren, beherrschen müsse. Erst in dem Buch „École de Cavalerie“ von François Robichon de la Guérinière wurden 1733 die Ideale der klassischen Reitkunst von Xenophon wieder aufgegriffen. Er machte den widerstandslosen Gehorsam wieder zum Ziel, eine pferdegerechtere Behandlung. Auch diente in der Renaissance das Dressurreiten nicht mehr nur dem militärischen Zweck, sondern ebenso dem höfischen Zeitvertreib. Es galt als die beste Beschäftigung, um die Eigenschaften des vollkommen gebildeten Mannes zu zeigen. Und während Edelmänner an gesellschaftlichen Ereignissen wie Jagden und Turnieren teilnahmen, wurde ganz nebenbei der Damensattel erfunden. Von da an konnten Frauen ihre Pferde selbstständig lenken. Ohne einen Gehilfen, der sie führte.

Später, als sich die Reitkunst zu einem Turniersport entwickelte, blieb den Frauen der Zugang dazu dennoch verwehrt. Die modernen Wettbewerbe wurden zu Prestigeveranstaltungen, bei denen sich Offiziere präsentieren konnten. In Deutschland fanden 1860 sogenannte „Dressurproben“ statt, 1873 das erste Preisreiten in Pressburg, und 1912 wurde der Sport olympische Disziplin. Doch selbst 1948, bei den Spielen in London, hieß es noch, nur „Gentlemen“ seien startberechtigt. Keine Soldaten, keine Unteroffiziere. Keine Frauen.

Die Motorisierung machte das Pferd vom Arbeits- zum Freizeittier

In der Nachkriegszeit verlor das Dressurreiten mit der Auflösung der Kavallerie seinen militärischen Zweck, und durch die Motorisierung des Verkehrs und der Landwirtschaft wurde das Pferd zu einem reinen Freizeitbegleiter. Das Zweckrationale im Umgang mit dem Tier wich einem freundschaftlichen Gefühl. Wer nun ritt, der mochte Pferde. Auch das war eine Veränderung, die immer mehr Frauen in die neu gegründeten Reitvereine lockte. 1950 beschloss die Fédération Équestre Internationale (FEI) daraufhin, Frauen zu internationalen und offiziellen Prüfungen zuzulassen, nur bei Nationenpreisen waren sie weiterhin nicht startberechtigt. Zwei Jahre später, bei den Olympischen Spielen in Helsinki, endete schließlich die letzte Einschränkung für Frauen – und die dänische Reiterin Lis Hartel gewann Silber. Obwohl sie wegen der Folgen einer Kinderlähmung aufs Pferd gehoben werden musste.

Was den Reiterinnen ab den 1970er Jahren neben der Jugendinitiative von Klimke und Fischer ebenfalls zugute kam, waren die Veränderungen in der Zucht. Die ehemals langen, eckigen Pferdekörper wurden kleiner und eleganter. „Durch den vermehrten Vollbluteinsatz in der Zucht wurden die Pferde auch von Frauen leichter zu handhaben“, heißt es in dem Buch von Richterin Angelika Frömming. Dadurch fiel es den jüngeren Reiterinnen nicht mehr so schwer, ein Pferd in der höchsten Klasse zu reiten, Oder auf höchstem Niveau zu siegen.

Und dann kamen die Olympischen Spiele 1988 in Seoul – und mit ihnen ein weiteres Ereignis, das den Wandel der Dressur voranbrachte. Nicole Uphoff gewann damals auf ihrem Pferd Rembrandt die Goldmedaille. Mit 21 Jahren. Zudem bildete sie ihr Pferd selbst aus. Bis dahin hatten Berufsreiter diese Aufgabe übernommen – und wenn sich Liselott Linsenhoff in den Sattel setzte, war er von der Vorarbeit noch warm. Doch nun stand plötzlich diese junge Frau auf dem Siegertreppchen, der kein Mann das Pferd zuvor gefügig geritten hatte. Zeitzeugen erinnern sich: „Damals war die Welt baff. Man war bis dahin Reiner Klimke und Harry Boldt gewohnt, die alten Matadore“, sagt Christoph Hess, langjähriger Reiter, Ausbilder und Richter. Und Reiner Klimke, der noch bis heute der siegreichste Dressurreiter der Welt ist, soll gesagt haben: „Die Zukunft gehört den Mädchen.“

Die Eleganz wird wichtiger, der Stil der Frauen nennt sich: klassisch-schön

Reiten ist ein Mädchensport geworden, Jungs sind so selten in Ställen zu finden, dass es inzwischen spezielle Förderprogramme gibt.
Reiten ist ein Mädchensport geworden, Jungs sind so selten in Ställen zu finden, dass es inzwischen spezielle Förderprogramme gibt.

© dpa

Es wurde wahr. Viel zu wahr, wie inzwischen manche meinen. Auch die FN bemerkt, dass die Anzahl ihrer männlichen Mitglieder schrumpft, während sich der Anteil von Frauen und Mädchen seit Anfang der 80er Jahre verdoppelt hat. Der Verband arbeitet inzwischen an Förderprogrammen für Jungs. In Vereinen, wo lauter Mädchen die Pferde putzen und striegeln, wirkt der Reitsport unmännlich. Reitstunden, die nicht wie eine Szene aus einem Western aussehen, langweilig. Männliche Reiter und auch Reitlehrer als Vorbilder fehlen, das Etikett „Mädchensport“ klebt fest an den Stalltüren. Und das ist nicht das einzige Problem, das den Reitsport belastet. Immer mehr Menschen zieht es in die Städte, durch die Ganztagsschulen haben Kinder und Jugendliche nachmittags keine Zeit mehr für Reitstunden, und auch der demografische Wandel hinterlässt seine Spuren im Sandboden.

Das Bild in den Ställen und Dressurvierecken hat sich auch vom Stil her verändert. Haben die Vertreter der alten Schule ihre Pferde in den 60er und 70er Jahren schon zum Tänzeln gebracht, treiben ihre weiblichen Nachfolgerinnen das Bild von Leichtigkeit noch weiter voran. Auch, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt.

"Heute bekäme Linsenhoff sicher eine schlechte Note für ihre Pirouette"

Technisch sind die Ritte heutzutage so fehlerfrei, dass der Ausdruck der Bewegungen, dass Ästhetik entscheidend für die Wertung ist. „Heute würde Liselott Linsenhoff für ihre Pirouette wahrscheinlich eine weitaus schlechtere Note bekommen“, sagt Christoph Hess. Zwar sei auch bei den modernen Pferden Kraft und Training notwendig, aber Technik und Gefühl könnten Stärke besser ausgleichen als früher. Wie der feine Stil der Frauen aussieht? „Dabei werden fast unsichtbare Hilfen gegeben, die Reiterin sitzt weich im Sattel und horcht in ihr Pferd hinein, statt seine Bewegungen zu forcieren“, sagt Hess. Den Stil der großen Reiter nennt er klassisch, den Stil der Frauen klassisch-schön.

Bundestrainerin Monika Theodorescu, die mehr als ihre junge Equipe noch das Alte kennt, ist nicht sicher, ob die reiterlichen Fertigkeiten von Männern und Frauen von damals und heute so verschieden sind. Schon Klimke und Boldt hätten eine ausgesprochen gute Körperhaltung gehabt und sehr viel Gefühl, sagt sie. Es sei vielleicht ein Hauch mehr Eleganz, die ihre Equipe im Vergleich zu ihren Vorgängern zeigen würden. Eine Nuance mehr Anmut. Und das Visuelle, gibt die Trainerin zu, dürfe nicht unterschätzt werden. Beim Springreiten zählen Hindernis- und Zeitfehler. Einfach zu messen. „Bei der Dressur zählt trotz der Regelwerke das Auge.“

Totilas, das Wunderpferd. Die einen verliebten sich sofort in ihn, die anderen kritisierten seine übertriebene Vorderhandaktion. Kann die normal sein? Reiter Matthias Rath hatte anfangs Probleme mit dem Tier.
Totilas, das Wunderpferd. Die einen verliebten sich sofort in ihn, die anderen kritisierten seine übertriebene Vorderhandaktion. Kann die normal sein? Reiter Matthias Rath hatte anfangs Probleme mit dem Tier.

© dpa

2008 war das der Grund für den Durchmarsch von Totilas gewesen. Er bestach das Auge. Schnell galt der schwarze Hengst als „Wunderpferd“, und als er 2010 von dem Duo Paul Schockemöhle und Ann Kathrin Linsenhoff für den Rekordpreis von zehn Millionen Euro gekauft wurde, standen Pferdefreunde in Deutschland kurzzeitig Kopf. Die einen stellten sich Totilas-Fanartikel ins Regal, die anderen bemängelten die extrem ausgeprägte Vorderbeinarbeit im starken Trab und fragten, ob ein Pferd sich freiwillig so bewegen könne. Und dann wurde Matthias Rath im Frühjahr 2012, als mit Totilas bereits gescheitert war, auch noch dabei beobachtet, wie er dem Tier bei einer Gehorsamsübung den Kopf herunterzog, Stichwort Rollkur. Da kam die Kritik von allen Seiten, der Tierschutz schaltete sich ein.

Auch das gehört zum neuen Dressursport: die Öffentlichkeit. Früher waren die Reithallen verschlossen. Um in Ruhe zu arbeiten. So, wie es die Reiter für richtig befanden. „Heute ist alles offen, und wenn jemand zu aggressiv ist, sind die Bilder am nächsten Tag im Netz“, sagt Hess. Betitelt mit „Schattenseiten seines Lebens“, „Macht doch endlich die Augen auf“ und „Millionengeschäft auf dem Rücken der Pferde“. Es hat von den Internetkritikern zwar nicht jeder recht, aber anscheinend hat es – eingebettet in die großen Debatten über richtige Tierhaltung, richtige Ernährung, richtige Lebensführung – auch im Reitsport ein Umdenken gegeben. Hin zu mehr Verantwortung und Menschlichkeit. Dass das zusammen mit den Frauen kam, kann natürlich auch bloßer Zufall sein.

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