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Der frühere Bundesligatrainer Winfried Schäfer ist seit Juli 2013 Nationalcoach in Jamaika.
© dpa

Nationaltrainer von Jamaika im Interview: Winfried Schäfer: "Überall höre ich Bob Marley"

Nationaltrainer Winfried Schäfer über sein seinen schwierigen Job in der Karibik, warum so viele Jamaikaner in Norwegen spielen und warum Augsburg besser arbeitet als Hertha BSC.

Von Hella Kaiser

Herr Schäfer, Sie leben seit Juli 2013 als Fußball-Nationaltrainer auf Jamaika. Ihr Vertrag wurde gerade bis 2018 verlängert. Wie gefällt es Ihnen auf der Insel?
Jamaika ist schön und etwas ganz Besonderes. Wenn ich frage, wie geht’s, sagen die Leute: „Wunderbar, fantastisch.“ Ich habe noch keinen gehört, der gesagt hat, mir geht es schlecht. Heute ist Freitag, zwei Uhr nachmittags. In zwei Stunden hören Sie nur noch Reggae. Wenn ich in meiner Wohnung in Kingston bin, schallt Bob Marley von rechts, von unten, von oben, von links. Es ist Wahnsinn. Wenn ich über die Hills fahre und hier nach Ocho Rios komme, sehe ich das Meer. Herrlich. Aber ich bin ja nicht als Tourist hier. Ich will hier arbeiten und Erfolg haben.

Wie stellen Sie das an?

Das war anfangs nicht so einfach. Man muss den Leuten erst mal erklären, dass man investieren muss. Man kann nicht einfach sagen, wir holen jetzt elf Spieler und spielen Fußball. Sie müssen Trainingsplätze haben, sie müssen das Equipment haben, das war nicht so einfach, den Leuten das beizubringen. Aber jetzt haben wir gerade den Caribbean-Cup gewonnen. Das ist ein Befreiungsschlag für Jamaika. Schließlich sind sie vor zwei Jahren gegen Französisch-Guayana ausgeschieden, das war natürlich ein Skandal.

Weil sie die Favoritenrolle hatten?

Ja, und weil sie für sich in Anspruch nehmen, dass sie nicht nur in der Leichtathletik, sondern auch im Fußball ganz oben stehen. Sie waren 1998 bei der WM, da träumen sie heute noch davon, aber sie haben vergessen, dass wir 2014 haben. Ich weiß, dass das nicht jeder hören will. Aber wenn man etwas verändern und verbessern will, muss man Klartext reden. Man muss sich beim Fußball daran orientieren, was außerhalb der Insel los ist. Wir haben jetzt drei große Turniere vor uns, einmal den Gold-Cup, da sind Nordamerika, Mittelamerika und die Karibik mit von der Partie, dazu kommt die Copa America, mit allen Topteams von Südamerika plus Jamaika, dann 2016 noch mal die Copa America. Das bringt viel, viel Geld in die Kassen, aber auch großes Ansehen.

Schäfer über die vielen Jamaikaner in Norwegen.

Jamaikas größter Star. Vor dem Independence-Park-Stadion in Kingston wird nicht etwa ein Sportler mit einer Statue geehrt, sondern Bob Marley. Ob auch Winfried Schäfer irgendwann hier im Dunstkreis der Reggae-Legende verewigt wird?
Jamaikas größter Star. Vor dem Independence-Park-Stadion in Kingston wird nicht etwa ein Sportler mit einer Statue geehrt, sondern Bob Marley. Ob auch Winfried Schäfer irgendwann hier im Dunstkreis der Reggae-Legende verewigt wird?
© AFP

Etliche Jamaikaner spielen im Ausland, viele überraschenderweise in Norwegen.

Norwegen ist für viele die erste Anlaufstation, von da gehen einige weiter, vor allem nach England. Die Norweger haben das englische Spielsystem, da fällt die Umgewöhnung in England nicht so schwer. Wir haben allerdings auch viele Spieler in England, die dort geboren sind, aber jamaikanische Vorfahren haben. Die werden von uns kontaktiert, und wenn sie gut sind, bekommen sie zusätzlich den jamaikanischen Pass. Es spielen allerdings auch einige für England. Raheem Sterling vom FC Liverpool hätten wir auch gern gehabt.

Was sind die besonderen Herausforderungen hier für Sie als Coach?

Wenn Sie sich die Trainings- und Spielplätze hier anschauen – die sind einfach nicht fußballgerecht. Das sind Rasenplätze, da springt der Ball wie eine Billardkugel. Das ist das Erste, wo man ansetzen muss. Zudem wurden die Spieler früher auch schlecht trainiert. Sie haben keine gute Fitness. Wir haben Spiele gegen Trinidad-Tobago gespielt, da konnte man den Unterschied sehen. Trinidad hat Spieler aus England, aus Griechenland, und bei uns waren nur Local Players. Da haben Sie keine Chance.

Gibt Jamaika nicht genug Geld aus?

Sie geben das aus, was sie ausgeben können. Man müsste mehr an Sponsoren ran. Aber die Sponsoren sagen: Erst müsst ihr Erfolg haben, das ist natürlich der falsche Weg. Jetzt haben wir Erfolg. Wir haben sehr viel gearbeitet, Fitness, Taktiktraining, Videoanalysen. All das, wovon sie hier gar nicht wussten, dass es das gibt. Jamaika stand immer noch auf der Stufe von 1998, aber andere Länder wie Costa Rica, Honduras oder auch die USA haben sich weiterentwickelt. Wir müssen auch die Trainer der hiesigen Klubs verbessern, ihnen sagen, was neu ist im Fußball.

Zum Beispiel?
Wenn ich sage, wir brauchen mehr Fitness, rennen die Spieler durch die Berge. Aber Fitness muss man mit dem Ball machen. Man muss ein System haben, wie das auch die Leichtathleten haben.

Vielleicht hat Fußball einfach nicht den Stellenwert auf der Insel. Die Leichtathletik überstrahlt alles.

Das ist richtig, aber in jedem Dorf hier wird Fußball gespielt. Wir haben auch gute Spieler. Ich habe zum Beispiel viele Talente im Schulfußball gesehen, der auf Jamaika sehr wichtig ist. Ich hoffe, dass wir über die drei kommenden Turniere eine Mannschaft bilden können, mit der wir uns vielleicht für die WM 2018 in Russland qualifizieren.

Wie viele Zuschauer kommen zu Spielen von Waterhouse, dem Tabellenersten der Liga?

Das ist ein Problem. Mal sind es 2000, mal 500. Aber es kommen unheimlich viele zum Highschool-Fußball. Dann ist die Tribüne voll. Wir haben zwei große Stadien, in Montego-Bay passen 9000 Menschen rein, in Kingston 25 000.

Aber hier ist es sicherlich entspannter, Trainer zu sein als in Deutschland.

Überhaupt nicht. Ich muss ja hier viel mehr arbeiten. In Deutschland haben sie für alles jemanden, einen, der Analysen macht, einen, der fürs Drumherum zuständig ist. Ich habe einmal in New York erlebt, dass einer unserer Spieler angeschlagen war. Ich habe ihn zum Masseur geschickt. Da hieß es, wir haben keinen Masseur. Solche Sachen passieren. Aber ich bin nicht in Deutschland, auch nicht in Amerika. Beim FC Dallas habe ich elf Trainingsplätze gesehen, jeder Platz ein Teppich.

Schäfer über den FC Augsburg, Hertha BSC und Kingston.

Winfried Schäfer, 64, hat als Trainer auch bei Tennis Borussia gearbeitet.
Winfried Schäfer, 64, hat als Trainer auch bei Tennis Borussia gearbeitet.
© picture alliance / dpa

Die Trainingsbedingungen in Deutschland sind auch perfekt. Wie sehen Sie die Liga? Die Bayern kaufen doch alles kaputt.

Die haben damals auch den KSC kaputtgekauft. Sie haben unsere wichtigsten Spieler geholt. Du kannst die Bayern nicht stoppen, die machen das sehr geschickt. Das Problem sind die anderen Vereine. Nehmen wir Berlin. Die Hertha hat ein Olympiastadion mit 74 000 Plätzen. Augsburg hat ein Stadion mit 28 000 Plätzen. Warum ist Augsburg besser? Weil sie viel besser arbeiten. Leverkusen spielt gegen Bayern relativ gut, dann kommt Paderborn, und gegen die gewinnen sie nicht. Das ist das Problem.

Sie sind ja total auf dem Laufenden.

Klar, Fußball ist mein Leben. Ich interessiere mich für den Fußball nicht nur hier. Ich freue mich über Augsburg und Paderborn, wie die Jungs da mit so wenig Geld einen modernen Powerfußball spielen.

Haben Sie überhaupt noch Lust auf Deutschland?

Ich freue mich immer wieder, wenn ich nach Deutschland komme und ein kalter Regen fällt. Wenn ich andere Vegetation und Bäume habe. Nur warm ist auch nicht schön. Wenn man aus der Eifel kommt, ist man heimatverbunden. Wir sind eigentlich keine Typen, um in der Welt herumzuziehen. Bei mir fing’s damit an, dass ich nach Kamerun gegangen bin. Dann ist man raus aus dem Karussell der Bundesliga, und es ist unheimlich schwer, wieder reinzukommen.

Jetzt wohnen Sie in Kingston. Das ist kein einfaches Pflaster. Leben Sie da hinter Schutzzäunen mit Sicherheitsleuten?

Ja, das ist so eine Art Campus, das habe ich in den Emiraten auch gehabt. Ich wohne in den Hills, also den Bergen nahe Kingston und kann über die ganze Stadt schauen. Ich habe auch keine Angst, in Kingston herumzufahren. Letztes Mal war die Straße gesperrt, dann hörte ich, da sind gerade zwei Leute erschossen worden. Aber woanders passieren auch schlimme Dinge. Sogar in Deutschland gibt es Gegenden, da geht kein Polizist mehr rein.

Das Gespräch führte Hella Kaiser.

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