WM 1950 : Wie die Schotten aus Stolz nicht zur WM fuhren

Vor der WM 1950 machte die Fifa England, Schottland, Wales und Nordirland ein verlockendes Angebot. Drei nahmen es an. Nur den Highlander stand etwas im Weg: der eigene Stolz.

Uli Hesse
Das hätten die Schotten sein können: Der 2:1-Siegtreffer für Uruguay beim Finale der WM 1950 gegen Brasilien.
Das hätten die Schotten sein können: Der 2:1-Siegtreffer für Uruguay beim Finale der WM 1950 gegen Brasilien.Foto: picture alliance / EFE

Die Fußballgeschichte kennt verblüffend viele Gründe, aus denen eine Nationalelf nicht an einer WM teilnahm. Den wohl ungewöhnlichsten Grund für Abwesenheit haben 1950 die Schotten geliefert: Stolz. Oder vielleicht war es auch Hochmut. Oder Dummheit.

Zur Vorgeschichte muss man wissen, dass die vier ältesten Fußballverbände der Welt – England, Schottland, Wales und das heutige Nordirland – ein traditionell angespanntes Verhältnis zur Fifa hatten. Im Februar 1928 traten alle vier aus dem Weltverband aus, weil sie mit einer Neudefinition des Amateurstatus nicht einverstanden waren. Erst im Juli 1946 kehrten die Briten in den Schoß der Fifa zurück und konnten damit erstmals an einer Weltmeisterschaft teilnehmen. So froh war man bei der Fifa, die Erfinder des Spiels endlich im Boot zu haben, dass man dem Quartett ein großzügiges Angebot machte: Die beiden Erstplatzierten der so genannten British Home Championship waren automatisch für die WM in Brasilien qualifiziert.

Die British Home Championship war ein seit 1884 jährlich ausgetragenes Turnier zwischen England, Schottland, Wales und Irland. Da bei diesem Turnier jede Mannschaft nur einmal gegen jede andere antrat, stellte das Angebot der Fifa einen großen Vorteil dar: Die Teams mussten nur drei Partien absolvieren, die sie eh spielen würden, um eine 50/50-Chance auf die Teilnahme an der WM zu haben. Ein sehr gutes Angebot, deswegen nahmen drei der vier Verbände es auch an. Der vierte war der aus Schottland. Seit 1928 hieß sein Geschäftsführer George Graham. Und der ließ wissen, dass die Schotten nur als britischer Meister zur WM fahren würden, nicht als Zweiter.

Eine britische Mannschaft fuhr nach Brasilien – und erlebte ein Debakel

Und es kam, wie es kommen musste. Sowohl die Schotten als auch die Engländer gewannen gegen Wales und Nordirland. Das direkte Duell der beiden großen Rivalen am 15. April 1950 in Glasgow war also ein Endspiel um die British Home Championship. Und für Schottland – aber auch nur für Schottland – gleichzeitig eines um die WM-Teilnahme. Das sie vor 134 000 Zuschauern mit 0:1 verloren.

In den Tagen nach dem Spiel forderte die Presse Graham auf, seine halsstarrige Haltung zu überdenken. Sogar der Kapitän der schottischen Nationalelf, George Young, wandte sich bittend an ihn. Doch das letzte Wort in dieser Sache hatte Graham, der als Geschäftsführer für alle Belange der Nationalelf zuständig war. Es lautete: nein. So fuhr nur eine britische Mannschaft nach Brasilien – und erlebte dort ein historisches Debakel. England verlor gegen den totalen Außenseiter USA mit 0:1 und schied in der Vorrunde aus. Der Trainer der Amerikaner hieß William Jeffrey. Er war Schotte.

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