WM-Kolumne Liebesgrüße aus Moskau : Wahrheit und Legende im Fall Mesut Özil

Mesut Özil wurde nach dem deutschen WM-Aus schnell zum Sündenbock erklärt. Für unseren Kolumnisten ist das nicht nachvollziehbar. Aus gutem Grund.

Jens Hegeler
Mesut Özil spielte bei der WM nicht überragend, aber auch nicht wirklich schlecht.
Mesut Özil spielte bei der WM nicht überragend, aber auch nicht wirklich schlecht.Foto: dpa

In den letzten Tagen, nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft gegen die Fußballgroßmacht Südkorea, ist viel gesagt, geschrieben und analysiert worden. Die Öffentlichkeit suchte nach Gründen für die Blamage, die Stammtische von Flensburg bis München schlaumeierten mit. Ein Grund tauchte dabei immer auf – oder besser gesagt: ein vermeintlicher Grund. Mesut Özil. Erlauben Sie mir dazu ein paar Gedanken:

Es steht außer Frage, dass Thomas Schaaf, José Mourinho, Arsené Wenger und Jogi Löw – also fast alle Trainer, für die Özil gespielt hat – außergewöhnliche und außergewöhnlich gute Vertreter ihres Berufsstandes sind. Was sie sonst noch gemeinsam haben? Alle vier eint der unerschütterliche Glaube, dass eine Mannschaft mit Özil besser spielt als ohne ihn. Von seinen prominenten (ehemaligen) Teamkollegen ganz zu schweigen: Cristiano Ronaldo etwa war mächtig angefressen, als Real Madrid ihn vor fünf Jahren zum FC Arsenal transferierte. Er könne nicht nachvollziehen, dass man „einen Spieler, der den Unterschied macht“, einfach so ziehen lasse, ätzte Ronaldo.

Haben die alle keine Ahnung – oder ist da was dran? Betrachten wir Özils Leistungen bei den letzten drei WM-Turnieren: Die Firma Impect untersucht die Effektivität von Spielern, in dem sie misst, wie viele Gegner durch eine Aktion aus dem Spiel genommen wurden. Sei es durch einen Pass, ein Dribbling oder eine Balleroberung. Bei Mesut Özil fallen für diese WM vor allem zwei Werte auf: Wieviel Gegner Özil als Passgeber überspielt und wie viele durch ihn als Passempfänger überspielt wurden: 2010 überspielte Özil noch 18 Gegner je Spiel. 2014 steigert er sich auf 27 überspielte Gegner, 2018 waren es sogar 52 – der Spitzenwert auf seiner Position im Turnierverlauf.

Statistisch gesehen war Özil kaum schwächer als bei den letzten Turnieren

Der zweite relevante Wert für Özils Qualität zeigt, wie viele Gegner durch ihn als Passempfänger aus dem Spiel genommen wurden. Ob er also das Spiel nach vorne zieht durch sein Raumverhalten und seine Ballanahmen. 2010 ermöglichte er so das Überspielen von 82 Gegnern je Spiel, 2014 waren es 70 und 2018 waren es 69. Offensichtlich hat er in diesem Bereich leicht abgebaut. Dies relativiert sich aber etwas, wenn man sieht, dass er damit immer noch den zweithöchsten Wert aller offensiven Mittelfeldspieler bei dieser WM hat.

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Das ist paradox: Entweder man hat eine tiefere Position auf dem Spielfeld und noch entsprechend viele Gegner vor sich, die man überspielen kann – oder man steht höher, um als Passempfänger das Überspielen zu ermöglichen. In beiden Kategorien ganz vorn dabei zu sein, schließt sich im Grunde aus. Özil gelingt dieses Kunststück, obwohl er nicht ganz unschuldig daran war, dass die Deutschen so wenig Torgefahr ausstrahlten. Insgesamt hat er jedoch kaum schwächer und sogar teils stärker agiert als bei den letzten Turnieren.

Die Erdogan-Fotos, die fehlende Körpersprache, all das mag die Leistung seiner Mitspieler beeinflusst haben. Seine eigene Leistung aber hat darunter nicht gelitten.

- Jens Hegeler spielt bei Bristol City und ist ehemaliger Profi von Hertha BSC. Er hat die Fußball-Analysemethode „Packing“ miterfunden. Hier schreibt er im Wechsel mit Sven Goldmann, Philipp Köster, Roman Neustädter, Harald Stenger, Frank Lüdecke und Nadine Angerer.

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