Public History : Erinnerungen des Schreckens

Studierende der Freien Universität Berlin haben die Online-Ausstellung „Stumme Zeugnisse 1939 – Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten“ mitkuratiert.

Dennis Yücel
Aufgenommen am 4. September 1939 – Woldemar Tröbst hatte dazu vermerkt: „Ein alltägliches Bild. Rechts die vormarschierende „Dritte“. – Links: Flüchtlinge kehren in ihre Dörfer zurück“.
Aufgenommen am 4. September 1939 – Woldemar Tröbst hatte dazu vermerkt: „Ein alltägliches Bild. Rechts die vormarschierende...Foto: CC BY NC ND GHWK

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg: Am 1. September 1939 griff das nationalsozialistische Deutschland völkerrechtswidrig Polen an. Zwischen 70 000 und 90 000 polnische Soldaten und etwa 60 000 polnische Zivilisten wurden innerhalb von fünf Wochen ermordet, Städte von Kriegsschiffen, Flugzeugen und Panzern aus bombardiert und verwüstet.

Viele Soldaten der Deutschen Wehrmacht, die an dem Überfall beteiligt waren, haben ihre Erlebnisse damals fotografisch, in Briefen oder Tagebüchern dokumentiert. Unter dem Titel „Stumme Zeugnisse 1939 – Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten“ sind die Bilder und Texte nun in einer Online-Ausstellung zu sehen. „Wir nehmen uns dieser wichtigen Dokumente der Zeitgeschichte an, die noch immer auf den Dachböden und in den Kellern vieler Familien liegen“, sagt Svea Hammerle.

Die wissenschaftliche Volontärin in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee- Konferenz hat die Ausstellung gemeinsam mit Irmgard Zündorf, der Referentin für Public History am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, und Studierenden des Masterstudiengangs Public History am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität konzipiert.

Am Anfang stand ein mit den Studierenden verfasster Sammelaufruf auf Deutsch und Polnisch, der in sozialen Netzwerken zirkulierte und auch von Medien wie ZEIT Online unterstützt wurde: Familien in ganz Deutschland wurden gebeten, Material aus ihrem privaten Familiennachlass an die Gedenkstätte zu schicken. Der Aufruf hatte ein großes Echo: Mehr als 1000 Fotografien und rund 300 Seiten aus Briefwechseln und Tagebüchern sind nun in der Ausstellung zu sehen, die durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gefördert wird.

Mehr als 1000 Fotografien geben Zeugnis

Sechs Public-History-Studierende der Freien Universität haben das Material in monatelanger Arbeit gesichtet, gescannt und inventarisiert. Anschließend wurde es in Themenbereiche gegliedert und für die Ausstellung aufbereitet. „In unserem Studiengang werden wir dafür ausgebildet, Zeitgeschichte öffentlichkeitswirksam zu vermitteln“, sagt Studentin Michaela Hofmann. „Das Projekt ermöglichte uns eine Praxiserfahrung.“

Im Rahmen des Ausstellungsprojekts nahmen die Studierenden an mehreren Seminaren teil, in denen nicht nur militärhistorisches Fachwissen vermittelt, sondern auch Fragen des ethischen Umgangs mit dem Material behandelt wurden. Michaela Hofmann bereitete das Fotoalbum eines jungen Soldaten auf. „Jedes Bild war auf der Rückseite mit Kommentaren versehen“, erzählt sie. „Teils mit stark antisemitischen Äußerungen – die wohl nach dem Krieg mit einem Filzstift retuschiert worden waren.“ Durch die Bearbeitung sind sie teilweise wieder sichtbar geworden.

„Die Art und Weise, wie die polnische Zivilbevölkerung auf den Bildern gezeigt wird, macht deutlich, wie sich die NS-Ideologie in den Köpfen der Soldaten festgesetzt hatte“, sagt Svea Hammerle. Auch anhand der Bildmotive und der Posen lasse sich die Einstellung der Soldaten nachzeichnen: „Der deutsche Vormarsch wird auf den Fotos martialisch und heldenhaft inszeniert. Gezeigt werden Panzer und Flugzeuge in Aktion, vor den Ruinen polnischer Städte.“

Material und Quellen aus polnischer Perspektive sind selten

Vergeblich haben sich die Studierenden auch um Bildmaterial aus polnischer Perspektive bemüht. Zunächst habe es Medienpartner in Polen gegeben, doch als im Januar dieses Jahres der Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz auf offener Bühne ermordet wurde, habe es für andere Themen nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit gegeben, sagt Svea Hammerle. Auch generell sei es schwer, an polnisches Material aus dieser Zeit zu kommen: „Fotokameras waren in Polen im Jahr 1939 noch nicht sehr verbreitet. Außerdem hatten die Menschen durch den Überfall der Wehrmacht gerade alles verloren.“

Nur sechs Aufnahmen aus polnischer Perspektive konnten die jungen Historikerinnen beschaffen. Ein deutscher Soldat hatte einem polnischen Soldaten eine Filmrolle abgenommen und sie später entwickelt. „Der polnisch-deutsche Austausch war uns bei der Konzeption der Schau sehr wichtig“, sagt Svea Hammerle. „Wir hoffen, dass sich aus der Ausstellung auch zukünftige Projekte ergeben.“

– Online-Ausstellung unter www.ghwk.de