Mantel-Maßschneiderin Manuela Leis : 60 Stunden bis zum fertigen Stück

Manuela Leis näht den perfekten Mantel auf Maß für Männer.

Ingolf Patz
Herausforderung angenommen. Ein PC-Spiel inspirierte dieses Mantel-Modell.
Herausforderung angenommen. Ein PC-Spiel inspirierte dieses Mantel-Modell.Foto: promo

Manuela Leis hat wieder in ihrem Atelier übernachtet. Die Mantel-Maßschneiderin erwartet eine Lieferung mit wertvollem Stoff und überlässt lieber nichts dem Zufall. Besser ist das bei dem Wildwuchs von Briefkästen und Namensschildern in der Kreativstadt Weißensee, Berlins größtem Atelierhaus, in dem sich ihre Werkstatt befindet. „Ich wollte kein Maßatelier mit Chesterfield-Sofas und einer Minibar, die in einem Globus versteckt ist“, witzelt Manuela Leis. „Mir geht es darum, die Wertigkeit und Ehrlichkeit des Handwerks auch für diejenigen bereitzustellen, die sich generell in einer Werkstatt wohler fühlen als in einer Nobel- Boutique. Und denen Status und Glamour eher ein bisschen egal sind“, erklärt sie in ihrer sonnendurchfluteten Werkstatt, die mit Flohmarktmöbeln und wuchernden Grünpflanzen eingerichtet ist.

Fürs Radfahren gibt es Schlitze und reflektierende Streifen

Ein großer Teil ihrer Kundschaft, die die Kombination aus lockerer Atmosphäre und präziser Handarbeit zu schätzen weiß, kommt aus der IT-Branche. „Da ist es nicht so wichtig, ob unter dem Mantel noch ein Sakko Platz hat, sondern darüber zu sprechen, welche Schlitze fürs Radfahren wichtig sind oder ob die modernen Wollstoffe von Dashing Tweeds aus London Sinn machen, in die reflektierende Streifen eingewebt sind.“ Es geht Manuela Leis darum, urbanes Design zu schaffen, das zur Persönlichkeit des Kunden passt und ihn lange begleitet. Alle Modelle können angepasst werden, wenn der Wohlstand doch einmal seine Spuren hinterlassen sollte. Nicht unwahrscheinlich bei einer Klientel, die sich Preise ab 2600 Euro allein für den Arbeitsaufwand leisten kann und der körpernahen Silhouette, die Leis bevorzugt.

Aus unzähligen Steppnähten entstehen grafische Kunstwerke

Ihr Handwerk lernte die gebürtige Allgäuerin an der Modeschule „Herbststraße“ in Wien und im Maßatelier von Herrenschneider Amann in Kreuzberg. Mit dem Ziel, „das Handwerk als ausführendes Moment von Kunst und Design weiter zu betreiben“, studierte sie außerdem Modedesign an der lettischen Kunstakademie in Riga. Manuela Leis hat etwas von einer Bildhauerin, der die reine Kunst zu einsam wäre. „Das schöne Gleichgewicht zweier Linien ist es, was mich ästhetisch interessiert“, beschreibt sie das Grundprinzip ihrer Mantelsilhouetten, die sie Schicht um Schicht aus Stoff aufbaut und mit hunderten Stichen modelliert. Hohlkreuz, Hängeschultern oder schiefes Becken, aber auch die trainierte Heldenbrust berücksichtigt sie. Einer Schneiderpuppe hat sie deshalb eine Brustvergrößerung verpasst.

Ihrem Anspruch an die schöne Form entspricht ihre Besessenheit in den Details. Ihre exzessive Seite zeigt sich beim Futter. Aus unzähligen Steppnähten entstehen grafische Kunstwerke. „Da lasse ich mich davontragen und fluche dann nachts. Aber wenn etwas eh gemacht werden muss, kann man es auch besonders schön machen, oder?“ 60 reine Arbeitsstunden stecken in jedem Mantel. „Den letzten Schliff bekommt er aber erst durch intensives Tragen.“ Dann wird aus Manuela Leis’ Meisterwerk ein persönliches Lieblingsstück.
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