Neue Ladenkonzepte : Freiraum: Nur anfassen, nicht mitnehmen

Im Quartier 205 an der Friedrichstraße experimentieren die Gründer von „Freiraum“ mit einem neuartigen Ladenkonzept.

Die beiden Gründer Franz de Waal und Emanuel Elverfeldt von Freiraum.
Die beiden Gründer Franz de Waal und Emanuel Elverfeldt von Freiraum.Foto: promo

Gerade erst hatte der E-Commerce-Experte Gerrit Heinemann vorgeschlagen, leerstehende Läden zu Wohnraum rückzubauen. Dem Fachmagazin E-tailment sagte er: „Wir haben einen Mangel an Wohnraum in Innenstädten.“ Schaut man sich auf der südlichen Friedrichstraße um, könnte man auf die Idee kommen, dass Heinemann hier unlängst unterwegs war. Rund 25 Prozent der Läden zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße stehen leer. Der Bezirksbürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel (Grüne), versucht sogar, die Straße mit einer temporären Fußgängerzone von Ende Juni bis September zu reanimieren. Emanuel Elverfeldt und Franz de Waal haben damit schon mal angefangen – im Untergeschoss des Quartier 205 mieten sie seit Anfang des Jahres drei Ladenflächen für ihr Konzept „Freiraum“.

„Wer will hier schon wohnen?“, sagt Emanuel Elverfeldt und schaut sich im fensterlosen Untergeschoss des Einkaufszentrums um. Aber einkaufen wollen hier anscheinend auch zu wenige. Die Rolltreppe wird vor allem in Bewegung gesetzt, wenn sich die Angestellten aus den umliegenden Büros im Supermarkt mit Mittagessen versorgen. Rewe ist hier mit Abstand der wichtigste Mieter. Dies war auch einer der Gründe, warum sich de Waal und Elverfeldt dafür entschieden, hier ihre Idee auszuprobieren. Für fünf Jahre haben sie einen 250-seitigen Mietvertrag über 350 Quadratmeter unterschrieben. Seit Ende Januar stoßen die hungrigen Angestellten also als Erstes auf die kleine Ladenfläche, in der ein Empfangstresen wie in einem Hotel steht. Dort kann man sich erklären lassen, wie Freiraum funktioniert.

Viele ihrer Marken haben vorher noch nie offline verkauft

Hier werden zwar Waren von rund 40 Start-ups angeboten, aber kaufen kann man sie nicht. Es gibt kein Lager, dafür hat jedes Produkt einen QR-Code. Damit kann der Kunde sich Informationen auf sein Handy holen, die Ware direkt im Onlineshop der jeweiligen Marke bestellen und sich nach Hause schicken lassen. Egal, ob es die Yoga-Leggins, der Kaschmirpullover oder die Ledertasche aus einem kleinen Betrieb in Florenz ist. Das Sortiment soll regelmäßig wechseln.

Emanuel Elverfeldt, 32, und Franz de Waal, 33, sehen sich als Mittler zwischen Kunde und Marke. „Viele von ihnen haben vorher noch nie offline verkauft“, sagt de Waal. Die Gründer arbeiteten als Immobilienentwickler in London, sie wissen, wie groß die Hürden für ein Start-up sind, in den stationären Handel zu gehen.

Wer bei Freiraum einkauft, muss keine Tüten schleppen.
Wer bei Freiraum einkauft, muss keine Tüten schleppen.Foto: promo

„Einen Shop zu eröffnen, bedeutet ja auch viele Ressourcen. Nicht nur, dass man sich lange binden muss, man braucht auch Ladeneinrichtung und gutes Personal“, sagt Elverfeldt. All das stellen die zwei Gründer den Start-ups zur Verfügung. Dafür müssen diese sich für mindestens einen Monat bei Freiraum einmieten, zur Grundmiete für maximal 20 Quadratmeter kommt eine umsatzabhängige Provision. Dabei wollen sie mehr als ein klassischer Laden sein. Natürlich gibt es eine Kaffeebar, und vor einer Wand mit aufgereihten rosafarbenen Sprühdosen hängt eine Schaukel – die perfekte Fototapete für ein Instagram-Selfie.

In einem Bereich mit Sitzpodesten wird es bald Lesungen, Filmvorführungen und Poetry-Slams geben. Auch die temporären Mieter sollen zu Events einladen. Wie die Parfümmarke Schwarzlose, die am Valentinstag ihre Düfte vorstellte. „Wir wollen offline die Community potenzieren. Wenn sich 40 Marken zusammentun, hat man sehr viel mehr Kontakte“, sagt de Waal. Im Falle von Freiraum sind das über 1,5 Millionen Kontakte. „Der Vermieter freut sich über so viel Mut“, grinsen die beiden zufrieden. In den wenigen Wochen seit der Eröffnung sind schon sechs andere Immobilienverwalter bei ihnen vorbeigekommen, die ihnen Flächen angeboten haben.

Fröhlich sind allein die Farben der Folie, mit der die Schaufenster verklebt sind

Dass es genug Leerstand gibt, davon kann man sich in der direkten Umgebung überzeugen. Sieht man sich in der Nachbarschaft im Quartier 206 um, dem einst hoffnungsvollen Vorzeigeobjekt der Friedrichstraße, wird das Ausmaß der Misere deutlich. Der Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen, ist sich sicher, dass das seit 2016 andauernde Insolvenzverfahren des Quartier 206 die Bilanz der ganzen Friedrichstraße verhagelt, dazu kommen noch die jahrelangen Straßenbaumaßnahmen. „Die Lage ist ernst“, sagt Busch-Petersen. Fröhlich sind alleine die Farben der Folie, mit der dort die Schaufenster verklebt sind: Vom Souterrain aus gibt es einen direkten Zugang zum Quartier 205. Dass auch hier mehrere Läden leer stehen, war für Emanuel Elverfeldt und Franz de Waal eine gute Ausgangslage. Sie wollen mit ihrem Experiment eine Lücke schließen.

Sie machen sich die paradoxe Entwicklung zunutze, die gerade die Welt der Waren bestimmt. Seit der Onlineverkauf immer mehr anzieht, werden die Geschäfte dort härter. Es braucht zwar nur drei Klicks, um einen eigenen Onlineshop zu eröffnen, aber damit hat man noch nichts verkauft. Man muss die Marketinginstrumente nutzen. Da reicht es nicht, einen Instagramaccount anzulegen. Kanäle wie Google ändern ständig ihre Algorithmen, um Händler zu animieren, für Shoppingtools zu bezahlen. In den vergangenen fünf Jahren sind die Kosten für den Onlinehandel jährlich um zwölf Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum sind die Mieten im stationären Handel gesunken.

Im „Freiraum“ scannt man einen Code auf den Waren ein und bestellt per App die passende Größe oder Farbe.
Im „Freiraum“ scannt man einen Code auf den Waren ein und bestellt per App die passende Größe oder Farbe.Foto: promo

Früher liefen Mietverträge über 20 Jahre, heute sind schon fünf Jahre für viele Händler zu lang. Gerade für große Flächen gibt es immer weniger Interessenten. Sogar ein Filialenriese wie H&M denkt darüber nach, Flächen zu verkleinern und Sortimente zu straffen, damit die Kunden wieder Lust bekommen, im Laden nach Neuem Ausschau zu halten.

So ist das auch bei Freiraum. Hier kann der Kunde die Ware anfassen und probieren, um sie dann in einen virtuellen Warenkorb zu legen. Elverfeldt und de Waal haben gemerkt, dass es in Deutschland immer noch Vorbehalte und einen geringen Wissenstand über den QR-Code gibt. Anders als in Asien, wo bereits heute fast alles mit dem Handy bezahlt wird. Gerade war Emanuel Elverfeldt in Schanghai, dort werden schon länger Konzepte wie das von Freiraum ausprobiert.

In Berlin muss sich erst noch herausstellen, ob die Kunden bereit sind, auf ihre Ware zu warten. Dafür können sie bei Freiraum Dinge entdecken, die es sonst nirgendwo im stationären Handel gibt. Und sie müssen trotz eines realen Einkaufserlebnisses keine Tüten nach Hause schleppen.