Autismus und Bildung : Frau Stephan geht zur Schule

Schon früh im Leben gab man ihr zu verstehen, dass eine Sache nun wirklich nichts für sie sei: Lernen. Nun macht die Berliner Asperger-Autistin Roswitha Stephan mit 61 ihr Abitur.

Klassenarbeit. Unbedingt einen Platz in der ersten Reihe bekommen! Niemanden vor sich haben als die Lehrperson. Roswitha Stephan im Deutschunterricht bei Petra Matthes.
Klassenarbeit: Roswitha Stephan im Deutschunterricht bei Petra Matthes.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ob sie sich nicht doch einfach im Schaukelstuhl zurücklehnen könnte, wollte Roswitha Stephans Sohn wissen. Mit Ende 50 den Rest des Lebens genießen. Doch die quirlige Frau mit den kurzen schwarzen Haaren mochte nicht.

Deshalb steht sie an diesem Freitagabend im Februar wieder vor dem Eingang der Peter-A.-Silbermann-Schule im Berliner Ortsteil Wilmersdorf, neben ihr drei Raucher. Roswitha Stephan nickt ihnen zu und geht durch die schwere Doppeltür, durch den langen Gang vorbei am Lehrerzimmer hinauf in den ersten Stock, zum Klassenraum 102. Roswitha Stephan geht zur Abendschule. Eine nun 61 Jahre alte Frau, der man schon früh in ihrem Leben zu verstehen gegeben hat, dass eine Sache nun wirklich nichts für sie sei: Lernen.

„Ich wollte lernen“, sagt sie, „durfte es aber nicht.“

Roswitha Stephan ist Asperger-Autistin. Geboren mit einer als nicht korrigierbar geltenden Entwicklungsstörung. Sitzt nun wider alle Wahrscheinlichkeit in diesem Abendgymnasium an der Blissestraße im Raum 102, um Abitur zu machen. Eine von 128 Schülerinnen und Schülern hier, Menschen im jungen Erwachsenenalter sind dabei und solche, die schon seit vielen Jahren arbeiten. Es sind Köche, Krankenpfleger, Taxifahrer, Verkäufer.

„Du hast eindeutig einen an der Klatsche“

Sie alle verbindet, dass sie freiwillig hier sind. Dass sie sich dafür entschieden haben, sich neben der Arbeit noch weiterzubilden, um hinterher zu studieren, um im Beruf aufzusteigen. Oder vielleicht auch, um sich selbst zu beweisen, dass sie zu mehr fähig sind als bisher. So sitzen sie hier werktags in der Zeit von 18.15 Uhr bis 21.30 Uhr.

Roswitha Stephan sagt: „Zum ersten Mal habe ich hier so was wie Fürsorge erlebt.“

Seit 2011 weiß sie, dass sie Asperger-Autistin ist. Nach Jahrzehnten der Fehldiagnosen. „Die wollten mir alle erzählen, dass ich höchst depressiv bin. Ich habe aber gesagt, dass das nicht stimmt.“ Non Compliant nennt sich das dann – eine Patientin, die mit der Diagnose nicht konform geht. „Alles würde gut werden, wenn ich nur akzeptieren würde, haben viele Psychiater mir erzählt. Also bin ich reihenweise rausgeflogen aus den Behandlungen.“ Und weil solche Fehldiagnosen häufig sind, ist auch ungewiss, wie viele Menschen in Deutschland überhaupt Asperger-Autisten sind.

Eigentlich hatte Roswitha Stephan schon beschlossen, nie wieder einen Psychiater aufzusuchen, als sie jemanden traf, der ihr endlich eine andere Antwort gab. In einem Kinderhospiz, in dem Stephan zu dieser Zeit neben der Arbeit schwerbehinderten Kindern half. Sie fragte eine dort behandelnde Psychologin, ob sie auch der Meinung sei, dass sie depressiv ist. „Du bist nicht depressiv, aber hast eindeutig einen an der Klatsche“, habe die zu Stephan gesagt. Und sie an eine Psychiaterin verwiesen, die dann endlich die Diagnose stellte: Asperger-Autismus. Konkrete Hilfe gab es für sie keine.

Arbeiten sollte sie

Aber nun wusste Roswitha Stephan wenigstens, was sie hat. Konnte sich über sich selbst informieren. Wusste, wieso sie so denkt, so reagiert – so ist, wie sie ist. „Hätten Sie damals Abitur machen dürfen, wären Sie heute sicherlich in der Wissenschaft, hat sie mir gesagt.“

Damals. Arbeiten sollte sie, nicht auf eine weiterführende Schule gehen. Ihr Vater hat es so gewollt. Schule, das würde doch sowieso nichts bringen – bei ihrer Dummheit.

Und Roswitha Stephan stieg in einen Zug, trotz der Drohung des Vaters, dann nicht mehr zur Familie zu gehören.

Schriftprobe. "Zum ersten Mal habe ich hier so was wie Fürsorge erlebt", sagt Roswitha Stephan über das Abendgymnasium. Doch leicht war es nie.
Schriftprobe. "Zum ersten Mal habe ich hier so was wie Fürsorge erlebt", sagt Roswitha Stephan über das Abendgymnasium. Doch...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn sie über ihren Vater spricht, geht sie in einen bayerischen Dialekt über, den Dialekt ihrer Kindheit. Pfarrer wollte der Vater werden, aber auch ihn traf der Arbeiter-Zwang. Er wurde dann Gärtner. „Ich konnte damals kaum mit Menschen kommunizieren. Habe mich nach Berlin durchgeschlagen, da erst auf der Straße rumgelungert.“ Auf der Kurfürstenstraße zum Beispiel. Ständig seien die Autotüren neben ihr aufgegangen, Männer wollten, dass sie einsteigt. „Die dachten, ich wäre eine Prostituierte.“

Schließlich holte sie der Mann, den sie später heiraten würde, von der Straße, sie zogen zusammen, es kamen zwei Jungen zur Welt. „Der Mann war ein Meister im Organisieren. Wir hatten kein Geld, aber kamen irgendwie über die Runden.“ Doch war er von einem Tag auf den nächsten weg. Auch er konnte nie mit ihr umgehen. Die Kinder haben die Mutter lange Zeit nur bis 19 Uhr gesehen. „Danach musste ich mich in meinem Schlafzimmer einschließen. Mein Kopf war dann so am Dröhnen, ich konnte einfach nicht mehr.“

Ein früher Bus - möglichst ohne Schulkinder

Defizite in der Kommunikation und der sozialen Interaktion, repetitive Verhaltensmuster, Anhäufen von Spezialwissen: Das ist das typische Verhalten von Menschen mit Asperger-Autismus. Für jene, die normal oder überdurchschnittlich intelligent sind, ist es eine große Anstrengung, „normale“ soziale Verhaltensregeln zu beachten. Sie können das mit genügend Erfahrung dann irgendwann vortäuschen – unter enormer Anstrengung. Diese Camouflage ist ein Grund dafür, dass Asperger-Autismus oft undiagnostiziert bleibt.

Roswitha Stephan ist an diesem Februartag wie stets unter der Woche um sechs Uhr aufgestanden. Sie nahm den Bus zum Steglitzer Klinikum Benjamin Franklin, wo sie als Diätassistentin arbeitet – wie immer einen der frühen, damit sie möglichst nicht mit lauten Schulkindern konfrontiert wird.

13 Uhr ist Dienstschluss, dann wieder zurück mit dem Bus, versuchen, eine halbe Stunde zu schlafen. Ab halb drei an den Schreibtisch, bis 17 Uhr. Sie beginnt dann immer mit Englisch, obwohl sie das Fach schon abgewählt hat. Aber damit hat sie eben schon immer angefangen. Ein paar Sätze spricht sie laut vor sich hin. Dann Latein. Dann, was gerade auf dem Stundenplan steht.

Unbedingt einen Stuhl in der ersten Reihe bekommen

Ihr Computer ist ihr wichtigstes Werkzeug. In einem Text-Dokument schreibt sie auf, was sie für ihr jeweiliges Fach gelernt hat. Dann druckt sie die Datei aus, markiert das besonders Wichtige, heftet es in Mappen ab, die sie mit in die Schule nimmt. Einer ihrer Patienten hat ihr mal diesen Tipp gegeben: bloß nicht alles auswendig lernen. Lieber das Wissen mit den Augen abfotografieren, dann landet es im Gehirn.

Seit zwei Jahren macht Frau Stephan das so. Das Lernen ist befreiend für sie, doch leicht war es nie. „Ich hatte am Anfang so viele Probleme. Alleine der Fahrweg zur Schule. So viele Eindrücke, zu viele für mich.“ Oder die Platzsuche in der Schule! Bloß einen Sitz in der ersten Reihe bekommen. Niemanden vor sich haben als die Lehrperson. „In Chemie kam ich einmal etwas zu spät. Es war kein Platz mehr in der ersten Reihe. Da musste ich dann nach kurzer Zeit den Raum verlassen.“

Je mehr los ist, oder je mehr sie von dem, was los ist mitbekommt, umso schlechter kann sie damit umgehen. Erklären kann sie es nur unzureichend – unzureichend für sie.

Sie wirkt nun schüchtern

Der Deutschunterricht beginnt gleich. Stephan wirkt nun schüchtern. So als hätte sie Vorhänge vor sich zugezogen, als sei sie stets darauf eingestellt, dass gleich etwas Unvorhergesehenes passiert, auf das sie reagieren muss. Und so als wäre sie gerade in diesem Camouflage-Modus, in dem sie genau kontrolliert, wie sie auf ihr Umfeld reagiert. Sich ständig selbst überprüft, ob sie sich gerade „anders“ verhält.

Im Deutschunterricht steht Schillers „Die Räuber“ an diesem Abend auf dem Plan. Roswitha Stephan gibt den alten Moor, den Vater vom Räuberhauptmann, liest ihre Rollte behutsam vor. Den Rest der Stunde ist sie still. Sie braucht die Zeit, um die neuen Informationen zu sortieren.

Die 50-jährige Petra Matthes ist seit 2002 Lehrerin an dieser Schule. Sie ist nicht nur die Deutsch-Lehrerin von Frau Stephan, sondern coacht sie auch. Zusammen haben sie einen Zehn-Punkte-Plan erstellt. „Bei Klausuren hilft mir die Abschottung gegen ablenkende Geräusche mithilfe von Kopfhörern“, oder „Sollte meine Mitarbeit in einer Gruppe zwingend notwendig sein, ist es notwendig, auf die Zusammensetzung der Gruppe zu achten“ steht auf diesem Papier, das allen Lehrern ausgehändigt wurde.

21.30 Uhr, der Unterricht ist vorbei

Um dem Lernverhalten der Asperger-Autistin gerecht zu werden, hat die Schule einen Nachteilsausgleich beantragt. Stephan hat nun mehr Zeit, um Klausuren zu schreiben. Matthes kennt ihre Probleme. Auch ihr Sohn hat Asperger.

„Auf einer Regelschule verstecken sich viele hinter Uniformität“, sagt sie. „Auf einem Abendgymnasium aber scheut sich kaum jemand, seine Lebenserfahrung einzubringen.“ Besonders in ihren Fächern, Deutsch und Englisch, lebt der Unterricht davon, dass die Menschen sich einbringen. Sie tragen ihr eigenes Leben an die Texte heran. Schüler, die schon ein Leben mit Entbehrungen, Stress, einer Familie, aber auch dem Wunsch nach Weiterkommen gelebt haben, deuten den Konflikt in „Die Räuber“ anders als welche, die vor allem mit sich und ihrer Pubertät beschäftigt sind. Sie schämen sich nicht mehr für ihre Deutungen.

So wie Frau Stephan. Ihr Unterrichtstag ist vorbei, es ist 21.30 Uhr. Gerade hat sie Latein hinter sich gebracht. Das Wochenende beginnt. Sie läuft über den Schulflur, vorbei an den Ausgängen zum Pausenhof, gemalte Bilder hängen an den Wänden, die stammen von den Schülern, die hier tagsüber auf ein Regel-Gymnasium gehen. Stephan nimmt den Bus. Aber immer unten sitzen, wenn es ein Doppeldecker ist, der vorfährt.

Vanille-Geruch in der Luft, das beruhigt

In ihrer Wohnung in Lankwitz sitzt sie in ihrem Arbeitszimmer. Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen daran. Schwerer Vanille-Geruch in der Luft, von den Duftkerzen, die beruhigen sie. Gegenüber der Schreibtisch. Sehr aufgeräumt, ein aufgeschlagenes Mathe-Buch liegt darauf. Textaufgaben mit Graphen.

„Ich habe viele Jahre nur ums Überleben gekämpft“, sagt sie. „Ich wollte Freunde kennenlernen, wollte am Leben teilnehmen. Das ist mir in keiner Weise gelungen.“ Sie hat versucht, Lernzirkel einzurichten, in Latein und Mathematik. Aber es hat nicht funktioniert. „Weil die anderen nicht gut mit mir zurechtkommen.“

Sie hat das Gefühl, dass nie ganz akzeptiert wurde, dass sie beim Lernen benachteiligt ist. Oder es werden ihr gut gemeinte Ratschläge gemacht. „Manchmal wird mir erklärt, wie ich mich anders verhalten soll.“ Aber das hat sie ja schon alles versucht.

Doch sie ist keine pessimistische Person. Wenn ihr heute einmal die Lust fehlt, läuft sie zu ihrem Plattenspieler. Greift zu den Rolling Stones oder T. Rex. Ihre Musik. „Sofort ist die Motivation dann wieder da.“

Wieder ein Kapitel geschlossen

Bleibt es dabei, läuft gerade alles auf einen Punkt zu: im Mai 2019 das Zeugnis aus dem Sekretariat holen.

Im Flur von Stephans Wohnung steht ein Regal mit Büchern. Reiseführer, Lexika, Romane. An der Glastür vor dem Regal klebt eine Eintrittskarte für ein Peter-Kraus-Konzert. Im Mai 2016 war sie da, für ihre Mutter. Die war großer Fan, ist 1975 gestorben. Hat ihr damals aber niemand mitgeteilt. Das Kapitel wollte sie schließen, mit diesem Konzert. Wenn sie ihr Abitur hat, würde sie gerne Philosophie studieren, im Nebenfach Kommunikationswissenschaft. „Wäre ich noch jünger, dann Molekularbiologie.“ Wenn sie heute Latein lernt, denkt sie an ihren Vater. An seinen Traum, Pfarrer zu werden. Wenn sie im Mai 2019 ihr Zeugnis in der Hand hält, dann ist das auch für ihn. Wieder ein Kapitel geschlossen.

Sie hüpft jetzt in ihrem Arbeitszimmer auf einem Trampolin auf und ab. Wie immer, wenn sie lange am Schreibtisch saß. Ihr der Rücken wehtut. Sie das Gefühl hat, dass die Gedanken jetzt mal ordentlich im Kopf hin und her geschüttelt werden müssen. Klopft sich beim Springen auf den Kopf, da soll das Wissen sich bitte festsetzen. Jede Hüpf-Einheit endet mit einbeinigem Stehen, Balance halten. Sie wirkt ganz kindlich, ganz im Moment. Hoch, runter, Balance.

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