Korpsgeist in der Polizei : "Wir sind Kollegen, keine Familie"

Wie Korpsgeist Vertrauen verspielt, darüber spricht Oliver von Dobrowolski, Berliner Kriminalhauptkommissar und Vorsitzender des Vereins Polizei Grün.

Die Unfallswracks in der Grunerstraße in Berlin-Mitte.
Die Unfallswracks in der Grunerstraße in Berlin-Mitte.Foto: imago/Olaf Selchow

Herr von Dobrowolski, Sie haben sich in im Rahmen der Berichterstattung zum Fall Fabien Martini über Twitter zum Thema Korpsgeist in der Polizei geäußert. Was verstehen Sie darunter?

Von Korpsgeist wird jetzt öfter gesprochen, nicht nur in diesem konkreten Fall, sondern auch, als es etwa um Vorwürfe einer rechtsextremen Gesinnung bei einzelnen Mitarbeitern in verschiedenen Behörden in Deutschland ging. Darunter ist zu verstehen, dass bestimmte Äußerungen und Verhaltensweisen, die so nicht vorkommen dürften, gedeckelt werden. Dass also dafür gesorgt wird, dass sie nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Einerseits weil sie illegitim sind, aber andererseits auch den Ruf der Polizei erheblich schädigen könnten.

Offenbar gibt es bestimmte Berufsgruppen, die dafür besonders empfänglich sind.

Traditionell wird bei Streitkräften aber auch bei Polizeieinheiten von Korpsgeist gesprochen. Man kann das im Prinzip aber auch auf ganz normale Bereiche in der Wirtschaft übertragen. Dort, wo es zum Beispiel auch Mobbing gibt, wo etwa Mitarbeitende durch Ausgrenzung diszipliniert werden und die Täter sich gegenseitig decken.

Gibt es für so etwas vielleicht auch gute Gründe, Kameradschaftlichkeit ist ja nicht immer negativ?

Genauso wird ja auch gern argumentiert, dass man sich in Extremfällen – und es sind ja häufig Extremfälle, denen sich Polizistinnen und Polizisten aussetzen müssen – hundertprozentig auf den anderen verlassen können muss. Aber es sind Arbeitskollegen, keine Familienangehörigen. Es muss nicht sein, dass man auch sein Privatleben mit dem Dienstalltag verknüpft. Ein professioneller Umgang mit den Kollegen während des Dienstes sollte reichen, damit ich mir einen Eindruck bilden kann: Wie ticken die und wie reagieren die in bestimmten Situationen?

Kriminalhauptkommissar Oliver von Dobrowolski.
Kriminalhauptkommissar Oliver von Dobrowolski.Foto: Erik Marquardt

Wenn Polizisten gegen Kollegen aussagen sollen, wird schnell Korpsgeist unterstellt. Ist es nicht schwer, da eine Linie zu ziehen: Was ist institutionalisiert und was einfach nur menschlich? Wer haut schon gern seine Kollegen in die Pfanne…

Das kann ich auch wieder auf ganz viele andere Bereiche der Gesellschaft übertragen. Es fängt ja schon im Kindergarten an: Wann petzt man und wann petzt man nicht? Man darf aber auch nicht vergessen: Wir Polizisten verkaufen keine Blumen oder servieren Cocktails. Wir arbeiten draußen, sichtbar als die Exekutive des Staates, die in Grundrechte von Menschen eingreifen darf, die auch bewaffnet ist. Da sollte man sich bestimmte Dinge einfach nicht erlauben.

Wann kippt Korpsgeist in Gruppenzwang?

Das sind sehr fließende Übergänge. Gruppenzwang ist weitaus offener. Der Klassiker, jedenfalls zu meiner Schulzeit: Viele fingen nur deshalb mit dem Rauchen an, weil alle draußen standen und cool geraucht haben. Es hat auch immer damit zu tun, wie gereift und gefestigt ich persönlich bin, um mich über so etwas hinwegzusetzen. Wenn ich feststelle, dass bestimmte Dinge meinen Idealen oder auch den Idealen meines Berufsstandes zuwiderlaufen, dann müsste es mir eigentlich einfacher fallen, dagegen aufzubegehren und zu sagen: okay, das geht jetzt nicht mehr, das kann ich nicht mittragen, da kann ich nicht zu schweigen und muss auf alle Fälle etwas tun. Wenn zum Beispiel ein Kollege mit einem Bürger nicht korrekt umgeht, herablassend oder beleidigend wird. Das kann man anschließend unter vier Augen ansprechen, vielleicht muss man aber auch gleich intervenieren.

"Was ist jahrelang schon schiefgelaufen?"

Inwiefern bekommen Sie diesen Korpsgeist zu spüren? Sie äußern sich ja sehr offen...

Ich werde relativ selten zum Mitarbeiter des Monats gewählt. Das Problem ist ganz einfach, dass diese Kollegen hier in Berlin, die sich selbst als „Polizeifamilie“ verstehen, nach meinem Dafürhalten oft relativ wenig reflektiert und auch nicht immer sehr kritikfähig unterwegs sind. Dass da diese Polizeiblase, wie ich sie auch gern nenne, sehr abgeschottet ist und auch sehr bissig reagiert, wenn eine wie auch immer geartete Kritik von außen, oder wie in meinem Fall, von innen, kommt. Wenn es nach einzelnen Kollegen oder auch Lobbyvereinigungen der Polizei geht, habe ich eigentlich gar nichts mehr bei der Polizei verloren. Hauptsächlich werde ich in den Sozialen Medien angefeindet, manchmal bekomme ich aber auch Hassmails oder -briefe.

Kann man sich dem denn entziehen?

Das kommt darauf an: Wie definiert man die eigenen Ideale und wie definiert man seine Arbeit? Ich persönlich bin zur Polizei gegangen, weil ich denke, dass es eine Institution ist, die für andere da sein sollte, die einen positiven Beitrag zum Gelingen unserer Gesellschaft zu leisten hat. Wenn aber beobachtet werden kann, wenn auch nur der Verdacht gegeben ist, dass Polizei nur noch Selbstzweck ist und die Leute sich ein Stück weit abschotten, dann ist das kontraproduktiv und schmälert das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei. Da gilt es gegen vorzugehen. Wir haben sehr viele Polizisten in Berlin und die allermeisten leisten herausragende Arbeit. Aber wenn ein paar Leute kommen und Dinge tun, die einfach nicht in Ordnung sind, dann reißen sie mit solchen Aktionen das Vertrauen wieder ein, das andere über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut haben – das ist tragisch.

Rafael Behr, Professor für Polizeiwissenschaften an der Polizeiakademie in Hamburg, hat in einem Interview zum Thema gesagt: „Polizistenkultur verhindert oft Zivilcourage“. Sehen Sie das auch so?

Das ist richtig, da hat man genau dieses In-Gruppen-Denken, dass man Teil des Polizeikollektivs ist und seine eigenen Schritte danach auszurichten hat, was mutmaßlich das Beste ist für die gesamte Einheit. Eigentlich entwickeln wir uns in Deutschland aber schon seit einigen Jahrzehnten in eine vernünftige Richtung, indem wir kritisch denkende Beamtinnen und Beamte heranbilden.

Was müsste sich strukturell ändern, damit der Korpsgeist nicht mehr so dominant herrscht oder zu herrschen scheint?

Man müsste bei Fällen wie dem von Fabien Martini oder der mutmaßlich rechtsextremen Gruppe in der Polizei in Frankfurt am Main, „NSU 2.0“, erst einmal sehr effizient ermitteln und der Öffentlichkeit dann transparent erläutern, was herausgefunden wurde. Da könnte man ein bisschen Glaubwürdigkeit und Vertrauen wiederherstellen. Ganz entscheidend dürfte auch die Einrichtung eines unabhängigen Polizeibeauftragten sein, wie er schon seit langer Zeit gefordert wird. Einerseits für Menschen, die sich mit Beschwerden über Polizisten eben nicht an die Polizeibehörde wenden wollen, sondern eine andere Anlaufstelle brauchen. Zum anderen auch, um intern auf Defizite und schlimme Fälle hinzuweisen.

Wie wird der Fall Fabien unter Kollegen diskutiert?

Kontrovers. Es ist schwierig. Wenn man das von Mensch zu Mensch beredet oder sich austauscht, dann ja meistens in der eigenen Gruppe, wo sich eine gewisse Geisteshaltung eh manifestiert hat. Wenn man aber darüber hinaus zum Beispiel in den sozialen Medien guckt… Da gibt es keine homogene Lage. Alle sind sich einig, dass das Konsequenzen haben wird. Gerichtliche, aber auch, was die ganzen Nuancen und Feinheiten des Falles angeht, die Stück für Stück erst zutage getreten sind. Insbesondere, was den Charakter des polizeilichen Fahrers anbelangt. Da gibt es sehr viel, wo man gucken muss: was ist Ausschmückung und was ist in der Tat unabhängig von dem Unfall jahrelang schon schiefgelaufen? Wo hätte man als Behörde früher intervenieren können? Das wird sicher noch eine spannende Sache und ich hoffe, dass natürlich auch die Polizei transparent über die Ermittlungen und ihren Ausgang berichten wird. Wichtig wäre auch, dass man beim Blick auf eventuelle Ermittlungspannen nicht das Leid der Hinterbliebenen vergisst.