NSU-Prozess vor dem Ende : Was ist Beate Zschäpe für ein Mensch?

Nach 437 Verhandlungstagen im NSU-Prozess und kurz vor dem Urteil ist eine Frage so offen wie am Anfang: Was denkt und fühlt Beate Zschäpe wirklich? Eine Annäherung an die Unbewegte.

Unbewegt, emotionslos. So wirkt Beate Zschäpe während fünf Jahren Prozess.
Unbewegt, emotionslos. So wirkt Beate Zschäpe während fünf Jahren Prozess.Foto: picture alliance / dpa

Zwei Monate vor Beginn des Prozesses schreibt Beate Zschäpe aus der Untersuchungshaft dem Neonazi Robin S., der in Bielefeld wegen eines Raubüberfalls inhaftiert ist, einen Brief. „Es könnte sein, dass Du in mir Deine Meisterin gefunden hast“, bescheinigt Zschäpe dem Freund. Die Schrift ist unauffällig akkurat, es gibt ein paar Fehler. Zschäpe garniert ihre Zeilen mit einer Ente und anderen Tierfiguren, selbst gemalt.

Der Brief, 13 Seiten lang, ist ein Dokument von besonderem Wert. Er gewährt einen Blick in Zschäpes Psyche – wie es im NSU-Prozess, der am 6. Mai 2013 am Oberlandesgericht München begonnen hat und nun zu Ende geht, nie gelungen ist.

Der Verfassungsschutz hatte der Polizei den Brief übermittelt. Woher Zschäpe den Mann aus Dortmund kennt, ist unklar. Sie schreibt: „In guter Regelmäßigkeit wird mir hier eine Dauermedikation mit Antidepressiva und oder sonst was fürn Psychokram angeboten.“ Was Zschäpe ablehnt. Sie ist stolz auf ihre Unbeugsamkeit. „Lustig ist das ich keinerlei Anzeichen für eine derartige Einnahme aufweise. Keinen Nervenzusammenbruch, keinerlei Tränen, keine depressiven Aussagen – nix. Davon abgesehen würd’ ich um’s Verreckenwillen keinen der hier Anwesenden daran teilhaben lassen. Das würd ich im stillen Kämmerlein mit mir selbst ausmachen.“

Schwäche zeigen ist Zschäpes Stärke nicht. Hat sie es deshalb fast 14 Jahre mit zwei mörderischen Freunden in der Illegalität ausgehalten? Und war sie die eiskalte Mittäterin, wie die Bundesanwaltschaft Zschäpe sieht? Vor dem Urteil des 6. Strafsenats am Mittwoch, nach 437 Verhandlungstagen, scheint eine Frage so offen wie zuvor: Was ist diese Frau, deren Gesicht das ganze Land kennt, für ein Mensch?

Zschäpe eine Terroristin zu nennen, eine Mörderin, eine Sprengstoffattentäterin, eine Bankräuberin, verbietet bis zum Urteil die Unschuldsvermutung. Sie bestreitet eine Mittäterschaft bei den zehn Morden, drei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen des NSU. Die Bundesanwaltschaft fordert die Höchststrafe, lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld plus Sicherungsverwahrung. Die Verteidiger halten das für weit überzogen.

Sie hat die Bekenner-Videos verschickt

Nennen darf man sie allerdings eine Kumpanin der Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Mit den beiden Neonazis lebte Zschäpe, das hat sie im Prozess zugegeben, von Januar 1998 bis November 2011 im Untergrund. Man darf Zschäpe auch als Brandstifterin bezeichnen. Sie hat gestanden, am 4. November 2011 die Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße angezündet zu haben, in der sie von April 2008 bis zum Tod von Böhnhardt und Mundlos lebte.

Zschäpe hat auch zugegeben, am 4. November 2011 die Bekenner-DVD des NSU an bundesweit 15 Adressen verschickt zu haben. Im Video zu sehen sind Fotos, die Böhnhardt und Mundlos von sterbenden Opfern machten. Im Prozess hat Zschäpe behauptet, den Inhalt des Films habe sie bis zur Vorführung im Gerichtssaal nicht gekannt.

Zschäpe ist jetzt 43 Jahre alt, fast die Hälfte ihres Lebens hat sie in Untergrund und Gefängnis zugebracht. Sie hat nie darüber geredet, wie sie dieses Leben verändert hat. Sie strahlt ein stählernes Selbstbewusstsein aus, wirkt auch in Stresssituationen kontrolliert. Am ersten Prozesstag betritt sie im dunklen Blazer den Saal A 101, ihre Anwälte sind noch nicht da, sie wirkt genervt, bleibt aber ruhig. Den Fotografen und Kameraleuten dreht sie demonstrativ den Rücken zu. Diese Trotzpose wird sie noch jahrelang zeigen.

Am 14. Tag zeigt ein Kriminalbeamter Fotos, auf denen der erschossene Abdurrahim Özüdogru in einer Blutlache zu sehen ist. Die Nahaufnahmen lassen bei Prozessbeobachtern den Atem stocken. Böhnhardt und Mundlos hatten den türkischen Schneider am 13. Juni 2001 in seiner Werkstatt in Nürnberg erschossen. Zschäpe bleibt cool. Auch an weiteren Tagen, an denen der Beamer grausige Fotos von den Tatorten an die Wand wirft, verzieht sie keine Miene.

Uwe Bönhardts Mutter bedankt sich bei ihr

Am 57. und 58. Tag sagt die Mutter von Uwe Böhnhardt als Zeugin aus. Sie schildert, wie sie sich mit den drei Untergetauchten traf, dass sie ihnen Geld gab und dass sie immer ein gutes Verhältnis zu Zschäpe hatte. Brigitte Böhnhardt schaut oft zu der Angeklagten und bedankt sich bei ihr, dafür, dass sie am 5. November 2011 anrief und mitteilte, die beiden Uwes seien tot. Zschäpe schaut teilnahmslos, die Ellbogen aufgestützt auf dem Tisch, das Kinn in den Händen vergraben.

So geht es fast schon ritualhaft weiter. Zschäpe kommt erst locker und zügig in den Saal, kurzes Geplauder mit den Verteidigern. Sobald die Verhandlung beginnt, schaltet Zschäpe auf Pokerface.

Gut gekannt haben Zschäpe in den Zeiten der Illegalität nur wenige Leute. Böhnhardt und Mundlos sind nicht mehr zu befragen, sie haben sich am 4. November 2011 in einem Wohnmobil in Eisenach nach einem Banküberfall erschossen, als die Polizei anrückte. Die vier Mitangeklagten im NSU-Prozess, Ralf Wohlleben, Ex-Vizechef der Thüringer NPD, sowie Holger G., Carsten S. und André E., haben nicht viel Erhellendes über Zschäpe sagen können oder wollen.

André E., der mit seiner Frau Susann in Zwickau offenbar den besten Kontakt zu den drei Untergetauchten hatte und als mutmaßlicher Unterstützer der Terrorzelle angeklagt ist, gibt kein Wort von sich. Einmal zwinkert er im Gerichtssaal Zschäpe zu. Sie zwinkert zurück. Zschäpe redet mit keinem der Mitangeklagten. Taktik? Persönliche Animositäten? Will Zschäpe die Vergangenheit hinter sich lassen?

Sie stellte Strafanzeige gegen die eigenen Verteidiger

Am Dienstag sagt sie in ihrem Schlusswort, „zwar akzeptiere ich die Meinung und Gesinnung der Mitangeklagten, habe aber für mich die Entscheidung getroffen, dass rechtes Gedankengut keine, aber auch gar keine Bedeutung mehr für mich hat“. Zschäpe spricht erst das zweite Mal selbst in der Hauptverhandlung. Im September 2016 hatte sie eine kurze Erklärung abgegeben, in der sie sich von „nationalistischem Gedankengut“ distanzierte. Jetzt redet sie von einem „jahrelang andauernden Lernprozess“ und dass sie „gravierende Fehler“ gemacht habe.

Der Ton ist souverän und nüchtern, Zschäpe liest vom Blatt ab wie eine Nachrichtensprecherin. Den Mangel an Emotion will Zschäpe allerdings auch erklären. „Eigene Gefühle zu unterdrücken, sie nicht nach außen zu tragen – so verfahre ich schon seit frühester Jugend. Diese mir anerzogene Verhaltensweise hat mein Prozessverhalten sicherlich negativ beeinflusst.“

Mit ihren ersten drei Verteidigern, Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm, redete Zschäpe lange freundlich. Bis es 2014 zum ersten Zerwürfnis kommt und ein Jahr später zum Bruch. Angeblich, weil die Anwälte ihr nicht gestatten wollen, das Schweigen zu brechen. Zschäpe stellt sogar Strafanzeige gegen sie und wechselt zu den Münchner Anwälten Mathias Grasel und Hermann Borchert. Heer, Stahl und Sturm müssen dennoch als Pflichtverteidiger weitermachen. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl entlässt sie nicht, um eine zumindest scheinbare Kontinuität in der Verteidigung zu wahren. Zschäpe scheint ihren Coup gegen die Altverteidiger zu genießen. Im Spätsommer 2015 wirkt sie nach Wochen schlechter Laune wieder locker. Bis die Richter den Saal betreten.

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