Schwindender Respekt : Busfahrer und Sanitäter werden immer öfter Opfer von Gewalt

Täglich werden in Berlin Sanitäter, Busfahrer und Polizisten attackiert. Politiker sprechen von der „Verrohung der Gesellschaft“. Die Opfer fühlen sich oft alleingelassen.

Mehr als 6800 Berliner Polizisten und 235 Rettungskräfte erlebten im vergangenen Jahr Attacken, wurden beschimpft, angespuckt, getreten oder geschlagen.
Mehr als 6800 Berliner Polizisten und 235 Rettungskräfte erlebten im vergangenen Jahr Attacken, wurden beschimpft, angespuckt,...Foto: Foto: Axel Heimken/dpa

Das erste Lächeln bekommt der Mann am Lenkrad kurz nach der Abfahrt zu sehen. Kevin Fischer ist mit seinem Bus im gediegenen Westend losgefahren, am Brixplatz. Ältere Leute sind eingestiegen, Rentner, eine Frau kauft eine Ticket, „AB bitte“, zahlt passend, bedankt sich mit einem freundlichen Blick, schöne Augen hat sie. Ein paar Stationen später, am Zentralen Omnibusbahnhof, steigt eine junge Frau mit ihrem Rollkoffer zu. Auf Englisch möchte sie wissen, ob der Bus ans andere, östliche Ende der Berliner Innenstadt, nach Stralau fahre. Kevin Fischer sagt, sie sei richtig in seinem Bus, sie dankt, so macht der Umgang mit den Leute Freude. Vorbei am ICC, über den Rathenauplatz, vorbei an den Beton-Cadillacs des Künstlers Wolf Vostell, die Westfälische Straße hinab im Sonnenlicht. Wenn es gut läuft, ist Busfahren durch Berlin wie ein Roadmovie.

Wenn es schlecht läuft, riskiert man Schläge. Kevin Fischer, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, 34 Jahre alt, mittelgroß und schlank, ein Mann mit freundlichen Augen und einem geraden Blick, hat es vor ein paar Monaten erlebt. Plötzlich wurde für ihn Wirklichkeit, was Busfahrern, Bahnmitarbeitern, Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern und sogar Polizisten immer öfter widerfährt: Sie werden Ziele und Opfer von Aggression.

Vor Kurzem hat Berlins Kriminalstatistik den gefühlten Anstieg bestätigt: Mehr als 6800 Polizisten und 235 Rettungskräfte erlebten im vergangenen Jahr Attacken, wurden beschimpft, beleidigt, angespuckt, getreten oder geschlagen. Die BVG verzeichnete 2016 genau 555 Angriffe auf Beschäftigte. Bei der Bahn wurden im vergangenen Jahr deutschlandweit 2550 Körperverletzungen gegenüber Mitarbeitern gezählt, „so viele Übergriffe wie noch nie“, heißt es in einer Erklärung der Eisenbahnergewerkschaft.

Der scheidende Innenminister Thomas de Maizière bezeichnete das Phänomen 2016 als „Verrohung der Gesellschaft“. De Maizière hob damals bei der Vorstellung der Kriminalstatistik hervor, dass dieses Phänomen schon vor der Flüchtlingskrise zu beobachten gewesen sei. Weniger deutlich sagte er, dass die Angriffe auf Ordnungshüter und Rettungshelfer oft dort passieren, wo viele Migranten leben.

Busfahrer geschlagen, weil er keinen ermäßigten Fahrschein ausstellte

Die Bochumer Polizistin Tania Kambouri, selbst griechischer Abstammung, hat den Verfall des Respekts vor den Repräsentanten der staatlichen Ordnung in einem Buch beschrieben: „Deutschland im Blaulicht – Notruf einer Polizistin“. Darin erzählt sie zum Beispiel, wie sie bei dem Versuch, einen familiären Streit zu schlichten, angesprochen worden ist: „Verpiss’ dich, du Schlampe!“

Auch beim Busfahrer Kevin Fischer ging dem Angriff ein Streit voraus. Es war am 10. Dezember, früher Nachmittag. In der Lankwitzer Eiswaldtstraße vor dem Gebäude der Polizeidirektion 4 habe ein Jugendlicher den Bus bestiegen, erzählt Kevin Fischer. Er haben einen Fahrschein für die Kurzstrecke verlangt und bekommen.

Kurze Zeit später habe er reklamiert: Er wolle einen ermäßigten Fahrschein! Er habe „Schläge angedroht“, sagt Fischer. Daraufhin habe er den Bus gestoppt und den jungen Mann aufgefordert, den Bus zu verlassen. Ein Wortwechsel, der Jugendliche weigerte sich, der Busfahrer drohte mit der Polizei. Das sei ihm „scheißegal“, er komme gerade „von den Bullen“, habe der Jugendliche geantwortet und am Fahrscheindrucker herumgefummelt. Seinen Fahrschein habe er auf Fischer geworfen. Der löste einen so genannten stillen Alarm aus – die Zentrale wurde alarmiert. „Was über den Kassenbereich hinausgeht, ist für mich ein tätlicher Angriff“, sagt Fischer. Dann habe er den heruntergefallenen Fahrschein aufheben wollen. „In dem Moment schlug er mir gegen die rechte Kopfhälfte.“ Dann sei er ausgestiegen - „mit den Worten, ich solle aufpassen, beim nächsten Mal schlägt er mich tot!“

Ein Streifenwagen kam. Fischer erstattete Anzeige, lies sich ablösen, ging zum Arzt, wie es Vorschrift ist. In den Tagen danach habe er Kopfschmerzen gehabt und Druckschmerz gespürt. Nach kurzer Zeit fuhr er wieder Bus. Vor Kurzem erfuhr er von der Polizei, dass man den Angreifer nicht habe ermitteln können.

Fischer mag seinen Beruf. „Von kleinauf“ habe er sich für Busse interessiert, erzählt er und schwärmt von der Spielzeugausgabe eines Doppeldeckers, ein Geschenk seines Opas. „Die Doppeldecker fahren sich wirklich wie Sahne“, sagt er.

Der Bus fährt die Westfälische hinunter, vorbei am BVG-Betriebshof. Eine Frau transportiert ein miauendes Kätzchen in einer Box. Fehrbelliner Platz, Tür auf, Tür zu. Das Kätzchen ist ausgestiegen. U-Bahnhof Blissestraße, Leute steigen ein, zeigen artig ihre Ausweise oder ein Ticket. Die Berliner Straße hinunter, Richtung Osten. Fischer bremst den Bus und fährt Zentimeter für Zentimeter an einem Lkw vorbei, dessen Fahrer den Außenspiegel nicht eingeklappt hat. „Das war knirsch“, sagt Fischer, als er vorbei ist, „ich weiß nicht, warum das ein Problem, die Spiegel einzuklappen.“

"Die Leute dürfen machen, was sie wollen, im Bus"

Aber mehr Stress ist heute nicht. Bloß der Ton ist generell anders als damals, als seine Faszination für die Doppeldecker begann. „Der Fahrer ist keine Respektsperson mehr“, sagt Fischer und erzählt, wie er als Junge mal schwarz fahren wollte und hinten in den Bus stieg. Da sei der Fahrer zu ihm gekommen und habe ihn am Ohr gezogen. „Wenn man heute Leute auf ihren Döner oder das Bier anspricht, hört man: ‚Was willst du, du Vogel!?’ Die Leute dürfen machen, was sie wollen, im Bus.“

Busfahrer müssen in der ganzen Stadt mit Angriffen rechnen. Feuerwehrleute und Rettungssanitäter werden in Gegenden bedroht, wo viele Migranten leben. Als in Neukölln in der Silvesternacht ein altbekanntes Musikgeschäft brannte, wurden Feuerwehrleute beim Löschen mit Böllern beworfen. So etwas gibt es nicht nur in Kreuzberg oder Neukölln, sondern auch in Großsiedlungen wie Marzahn zu Silvester, berichtete ein Feuerwehrmann.

Wenige Tage danach bedrohte eine junge Frau in Weißensee ein Sanitäterteam, das ein betrunkenes 13 Jahre altes Mädchen behandeln wollte. Die Frau hatte ein Messer. Als die Sanitäter abrückten, wurden sie mit einem Glas beworfen.

Anfang Februar wurde ein mehrfach vorbestrafter Mann türkischer Herkunft zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er Sanitätern mit dem Tod gedroht hatte, die seinem zusammengebrochenen Vater helfen wollten. Im November attackierte ein Mann in Moabit Rettungskräfte, die sein Auto zugeparkt hatten – sie waren angerückt, um ein bewusstloses Kind zu reanimieren. In den Rettungsstellen der großen Krankenhäuser, vor allem am Urban und am Virchow-Krankenhaus, wird fast regelmäßig die Polizei gerufen, weil Eltern fordern, dass ihre Kinder als erste behandelt werden.

Polizisten berichten immer wieder von drohenden Mobs, die sich zusammentun, wenn sie auf der Hermannstraße in Neukölln gegen die Besitzer großer Mercedes-Limousinen vorgehen, die in der zweiten Reihe geparkt werden. Auch der Kiez am Gesundbrunnen ist bekannt dafür, dass Polizeieinsätze eine gewisse Mannschaftsstärke erfordern – hier leben arabische Großfamilien.

Soziologen haben für die Entwicklung zwei Begründungen. Die eine betrifft das, was als Verrohung erscheint. Davon spricht zum Beispiel der Bielefelder Sozialwissenschaftler Andreas Zick. Auf der Basis von Umfragen habe er 2009/10 festgestellt, dass mehr Menschen Gewalt billigten und dazu bereit seien, sagt Zick. „Die stieg damals vor allem bei Personen, die rechtspopulistische Überzeugungen vortragen, wie zum Beispiel härtere Strafen für Außenseiter und Kriminelle forderten, der Demokratie misstrauen und Vorurteile gegen Minderheiten hegten.“

Man könnte diese Entwicklung als eine Art soziale Abkühlphase beschreiben. Während und nach der Finanzkrise scheinen immer mehr Menschen zu der Überzeugung gekommen zu sein, dass sich jeder um sich selbst kümmern müsse. Zick bezieht sich mit seiner Diagnose auf regelmäßig wiederholte repräsentative Umfragen. In diesen sagten „bis zu 30 Prozent“ der Befragten: „Die Spielregeln der Gesellschaft sind wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten. Guck’, dass du deinen Vorteil bekommst.“ Wir leben, sagt der Bielefelder Sozialpsychologe, in einer Gesellschaft, „die von Marktgesetzen durchdrungen ist.“ Wer heute jung sei, erlebe eher eine Leistungsgesellschaft als eine Sozialgemeinschaft.

Etwas anders lautet die Begründung für die Zusammenrottung migrantischer Gruppen zum Mob: Sie reagieren auf eine Gesellschaft, der sie sich nicht verbunden fühlen. „Für sie sind kollektive Identitäten bedeutsam“, sagt Zick. Die manchmal entstehende Gruppengewalt „ist uns fremd geworden, weil wir so hoch individualisiert sind“.

In einer Gesellschaft der Egoisten werden Menschen, die gewissermaßen öffentliche Aufgaben erfüllen, als Dienstleister betrachtet. Das betrifft Polizisten, Rettungskräfte und eben auch Busfahrer. Das sei, so Zick, ein „marktgerechtes“ Verhältnis: Die Bürger erwarten von den Dienstleistern: „Sie sollen dafür sorgen, dass ich durchkomme.“

Häufig Attacken ohne Grund

Fischers Busfahrerkollegen erleben ähnliches. In einem Betriebshof im Berliner Süden sitzt Thomas Raschke – auch sein richtiger Name lautet anders – in seinem Büro und erzählt von der Attacke, die er erlebte. Raschke, ein großer Typ von 1,85 Meter, ist keiner, der aussieht, als würde er alles einstecken. Er habe einer Frau den Weg erklärt, sagt er. Ein Mann habe ihm ungeduldig seinen Fahrausweis direkt vor das Gesicht gehalten und ihn dann zwei oder dreimal geschlagen, weil er sich wohl nicht ausreichend beachtet fühlte. Raschke drückte den Notknopf, und sagt, er sei dann „aufgesprungen, um mir den zu holen“. Ein anderer Fahrgast habe ihn beruhigt.

„Grün und blau“ seien die Stellen gewesen, an denen ihn die Schläge getroffen hatten. Aber er sei zwei Tage später wieder arbeiten gegangen. „Das war meine Art, das zu verarbeiten.“ Auch danach sei ihm „immer präsent“ gewesen, wie schnell es zu so einer Attacke kommen könne. Machen könne man nichts. Wenn man dem Schläger hinterher laufe, könne das Probleme geben, weil man nicht mehr in einer Notwehrsituation sei.

Inzwischen kümmert sich Raschke im Betriebshof um Organisatorisches. Das Wort „Verrohung“ benutzt auch er, um die Veränderungen in den Umgangsformen zu beschreiben, die er seit den frühen achtziger Jahren erlebt hat. BVG-Personalrat Detlev Sass kann das bestätigen. Der kräftige Mann, der früher mal geboxt hat, weiß: „Man kann es nicht voraussehen. Auch Kollegen, die zwei Meter groß sind, haben sich schon einen eingefangen.“ Und meistens kämen die Attacken grundlos: „kein Wortgefecht, kein Streit, was er darf und was er nicht darf“.

Die Angriffe auf Busfahrer sind laut Sass keine Berliner Spezialität. Von bundesweiten Treffen mit Kollegen weiß er, dass Übergriffe auch in anderen Städten Thema seien. Berlin sei bloß „noch mal extremer“.

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