Dr. Om : Kleine Meditationen über die großen Fragen des Lebens - Folge 10

Meine Eltern sind seit meiner Kindheit getrennt, ich hatte immer eine komplizierte Beziehung zu meinem Vater. Jetzt ist er nach einem Unfall auf meine Hilfe angewiesen - er hat sich mit allen, die ihm nahestanden, überworfen. Obwohl ich mein Bestes gebe, ist er ständig enttäuscht. Das belastet mich so, dass ich auf Distanz gehe. Darf ich mein Wohlbefinden über seins stellen?

Oren Hanner
Im Buddhismus steht das Glückssymbol des ewigen Knotens für die Verbindung von Weisheit und Leidenschaft, von Religion und Weltlichkeit - und für die Liebe.
Im Buddhismus symbolisiert der "ewige Knoten" die Verbindung von Weisheit und Leidenschaft - und die Liebe.

Leiden - ob körperlich oder geistig - kann unsere Interaktion mit anderen negativ beeinflussen, genau dann, wenn wir ihre Unterstützung am meisten brauchen. Darum haben große spirituelle Praktizierende, dem Lama Thubten Zopa (*1946) folgend, mehr Mitgefühl für die, die böse und selbstverliebt sind. Diese Menschen haben mehr Leid.

Zwischen Selbstsucht und Selbstaufgabe

In Ihrer Situation verdienen aber auch Sie Mitgefühl und Verständnis. Der Buddha lehrte, dass sein spiritueller Weg ein Mittlerer Weg zwischen zwei Extremen ist (SN 56.11). In gewisser Weise geht es darum, den Grat zwischen dem hedonistischen Festhalten an sinnlichen Freuden und dem Verleugnen unserer körperlichen und emotionalen Bedürfnisse zu erkennen. Dieser Ort zwischen Selbstsucht und Selbstaufgabe ist der, an dem wir uns selbst und anderen am wenigsten schaden.

Teaser Ausgabe11 im Text

Obwohl der Buddha klare Richtlinien gab, welche Handlungen und Lebensbedingungen zu vermeiden sind (MN 117), bleibt offen, was genau der Mittlere Weg ist. Der eines asiatischen Mönchs wird ein anderer sein als der eines Berliners in einer postmodernen Welt.

Achten Sie auf Ihre Gefühle

Wie können Sie Ihren Weg finden? Eine wertvolle Praxis ist es, auf Ihre Gefühle zu achten, wenn Sie sich auf Ihren Vater beziehen: Wann ist die Interaktion zwischen Ihnen beiden angenehm? Wann unangenehm oder neutral? Wann fühlt sich Nähe sinnvoll an - auch wenn sie unangenehm ist - und wann brauchen Sie Abstand? Wann fühlt es sich richtig an, mehr zu geben, und wann ist es zu schmerzhaft?

Sowohl Ihr eigenes als auch das Glück Ihres Vaters sind wichtig. Auf einer tiefen Ebene ist beides untrennbar miteinander verbunden. Versuchen Sie, sich um Ihr eigenes Wohlbefinden zu kümmern, damit Sie das Ihres Vaters sicherstellen können - und umgekehrt.

 Oren Hanner, 1979 in Jerusalem geboren, promovierte Buddhismuskunde in Hamburg und lehrt heute an der Universität Berkeley. Schicken Sie Ihre Frage an om@tagesspiegel.de