Sicherheit/Freiheit : "Ich wusste nicht mehr, wie ich mich bewegen sollte"

Der Deichkind-MC Philipp Grütering erzählt, wann er sich zwischen Sicherheit und Freiheit entscheiden musste – und beides wählte.

Philipp Grütering im August 2019 in Berlin.
Philipp Grütering im August 2019 in Berlin.Foto: Alena Schmick

Philipp Grütering, 45, alias Kryptik Joe, ist MC der ursprünglich aus Hamburg kommenden Elektro-Rap-Band Deichkind–und der einzige des Trios, der seit der Bandgründung vor über 20 Jahren dabei ist. Am 27. September erscheint ihr neues Album „Wer Sagt Denn Das?“ – das Berliner Konzert am 6. März 2020 ist schon jetzt ausverkauft. Der 45-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Reinickendorf. 

Es gab diesen Punkt mit Deichkind, an dem ich plötzlich nicht mehr wusste, wie ich mich auf der Bühne bewegen sollte. Früher haben wir immer versucht, real zu sein: Basecap auf, cooler Hoodie an. Wir haben ja zuerst Hip-Hop gemacht, aber unser drittes Album "Aufstand im Schlaraffenland" war eine Elektroplatte: schnell, four on the floor, Clubmusik. Ich habe gemerkt, dass ich mich dazu nicht mehr so cool bewegen konnte wie zu Hip-Hop. Ein unangenehmer Moment.

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Aber dann haben wir angefangen, uns auf der Bühne in Müllsäcke zu hüllen, Klebeband drumgewickelt, Masken vors Gesicht. Unser Auftritt auf dem Melt-Festival 2006 war ein Meilenstein: Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass der Exzess gefeiert wird - und nicht die Personen, die auftreten. Jetzt konnte ich mich hinter einem Plastiksack verstecken, hinter einem Pyramidenhut, hinter einem Trampolin. Es war dann auch ein bisschen Gruppenzwang innerhalb der Band, immer mehr auf ein Fuck-off-Level zu gehen. Wir haben viel experimentiert, sehr freigedreht. Ohne Kostüme hätten wir uns das nicht getraut.

Teaser Ausgabe11 im Text

Ich bin eigentlich ein introvertierter Mensch, verkleidet kann ich etwas ausleben, wofür ich im sonstigen Leben keinen Raum habe. Außerdem bin ich schon auch froh, dass ich mit der M1 nach Mitte fahren kann und mich da keiner erkennt. Meine Mutter hat mich nach einem Konzert mal gefragt: "Du, Philipp, ich wusste zum Teil nicht, welcher du bist. Der rechts auf dem Podest oder der links?"

Und dann ist da diese Szene aus unserer "Arbeit nervt"-Performance: Ein Haufen Männer macht martialische Faustbewegungen, alle tragen einen Pyramidenhut, alle rappen den gleichen Text. Ich bin da teilweise so sicher, gehe so in der Band auf, dass ich zwischendurch an meine Terrasse denke und daran, was ich Sonntagabend auf den Grill lege.

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