
© David Ausserhofer
Soziologe Swen Hutter im Interview: „Wenn man miteinander arbeitet, baut man Vertrauen auf“
Was kann Zivilgesellschaft heute noch leisten? Mit dieser und weiteren Fragen befasst sich der Demokratieforscher Swen Hutter an der Freien Universität.
Stand:
Herr Professor Hutter, Sie beschäftigen sich als politischer Soziologe mit gesellschaftlichem Wandel und den Prozessen, die eine Gesellschaft prägen: mit Fragen, wie gesellschaftliche Transformationsprozesse, etwa die Globalisierung, auf politische Konflikte wirken, wer diese Konflikte artikuliert, und wie sie am Ende Politik im größeren Maßstab verändern. Kann das Fach dazu beitragen, Demokratien zu stärken?
Wir erleben Erosionsprozesse, in denen die Widerstandsfähigkeit der Demokratie geprüft wird. Sozialwissenschaften können da mehrere Rollen übernehmen. Erstens können sie Orientierungswissen liefern: Welche Konflikte gibt es? Wie sind sie strukturiert? Wer mobilisiert sie?
Zweitens müssen wir enger mit Akteuren aus der Praxis zusammenarbeiten, also mit Zivilgesellschaft, Verwaltungen, manchmal auch Politik. Dann kann politische Soziologie auch sehr praktisch werden, zum Beispiel wenn es darum geht, wie sich demokratische Kräfte vor Ort organisieren können, wenn sie mit antidemokratischen Akteuren konfrontiert sind.
Gleichzeitig hört man oft: Es gibt eigentlich genug Wissen, aber zu wenig davon wird umgesetzt. Liegt das nur an der Politik?
Nein, das liegt auch an der Wissenschaft. Zum einen, weil es in der Sozialwissenschaft selten die eine richtige Antwort gibt. Zum anderen, weil wir unser Wissen oft nicht so kommunizieren, dass es bei allen relevanten Akteuren ankommt.
Wo sehen Sie momentan Forschungslücken?
Wir wissen vergleichsweise viel darüber, wie Parteien auf rechtspopulistische oder rechtsextreme Positionen reagieren sollten. Studien zeigen zum Beispiel, dass es wenig bringt, Themen und Narrative von rechts zu übernehmen, wenn man deren Wahlerfolg bremsen will. Was deutlich weniger erforscht ist: Was passiert auf der lokalen Ebene in Vereinen, Initiativen oder Verbänden, wenn solche Haltungen dort stärker werden? Da fehlen uns Analysen zur Wirksamkeit von Gegenstrategien.
Sie leiten das Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung an der Freien Universität und am Wissenschaftszentrum Berlin. Was untersuchen Sie dort?
Uns interessiert, wie Menschen sich gemeinsam organisieren und kollektiv handeln: vom stillen Engagement in Vereinen und Nachbarschaftsinitiativen bis zu sozialen Bewegungen und Protesten. Wir sehen, dass sich dieses Feld stark verändert. Engagement wird fragmentierter und informeller, viele Menschen wollen sich nicht mehr dauerhaft an Vereine binden, sondern eher projektbezogen etwas tun. Gleichzeitig gelten diese Orte weiterhin als Stützpfeiler der Demokratie. Unsere Frage lautet daher: Was kann diese veränderte Zivilgesellschaft unter heutigen Bedingungen noch leisten?
Ihre Daten zeigen: 2024 war eines der protestintensivsten Jahre, aber auf wenige Wochen konzentriert. Wie deuten Sie das?
Man kann das positiv lesen: In kurzer Zeit sind sehr viele Menschen auf die Straße gegangen, etwa bei den Demonstrationen gegen rechts. Man kann es aber auch als Schwäche sehen: Es waren stark reaktive Mobilisierungen auf konkrete Anlässe, zum Beispiel die Enthüllungen zur sogenannten Remigrationsdebatte. Daraus ist keine länger anhaltende Welle geworden.
Sie unterscheiden zwischen „lautem“ und „leisem“ Engagement für die Demokratie. Was meinen Sie damit?
Lautes Engagement ist das, was alle sehen: Proteste, Kundgebungen, öffentliche Stellungnahmen. Leises Engagement ist, was im Alltag passiert: Nachbarschaftshilfe, Vereine, Sport, Mentoring, Initiativen im Kiez. Das sind Orte, an denen Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen und ein gemeinsames Interesse verfolgen.
Wie stärkt dieser leise Austausch die Demokratie?
Indem Menschen sich nicht nur in ihren eigenen sozialen Milieus bewegen, sondern immer wieder auch auf andere treffen. Wenn man regelmäßig miteinander arbeitet, lernt oder trainiert, baut man Vertrauen auf. Man erlebt, dass andere Lebenslagen legitim sind. Das sind grundlegende Erfahrungen, die auch politische Konflikte zivilisierter machen können.
Sie sprechen von Druck von außen und von innen auf die Zivilgesellschaft. Was heißt das?
Druck von außen ist die gezielte Einflussnahme rechtsextremer oder antidemokratischer Akteure. Das kann konfrontativ sein. Es kann aber auch kooperativ gestaltet werden, etwa als Spendenangebot oder gemeinsame Aktion vor Ort. Gerade in Regionen, in denen eine rechte Hegemonie entsteht, bringt das Vereine in Schwierigkeiten.
Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, Wissen, Austauschformate und Evidenz zur Verfügung zu stellen.
Swen Hutter, politischer Soziologe
Druck von innen meint, dass Menschen in der Mitte der Gesellschaft Gespräche vermeiden, weil sie das Gefühl haben, die Polarisierung sei zu stark. Unsere Befragungen zeigen, dass etwa ein Viertel der Menschen im vergangenen Monat ein Gespräch aus politischen Gründen vermieden hat. Wenn genau diese Gruppe aber der Kern vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen ist und sich zurückzieht, während extreme Positionen präsenter werden, ist das problematisch.
Viele Menschen sagen: Mit überzeugten Rechtsextremen will ich nicht reden. Ist das nicht verständlich?
Das ist verständlich. Doch wenn man schweigt und den Raum im Verein oder der lokalen Initiative radikaleren Stimmen überlässt, prägen diese das Meinungsklima. Außerdem geht es nicht immer um offene Demokratiefeindlichkeit, sondern um legitime Meinungsverschiedenheiten – etwa zur Geschwindigkeit der Klimapolitik. Auch da sehen wir sehr schnell Lagerbildungen und Abwertungen.
Was macht Ihnen Hoffnung?
Vor allem die vielen Millionen Engagierten in Deutschland. Die Ideen sind da, die Energie ist da. Darauf kann man bauen. Die Aufgabe der Politik ist es, das nicht zu erschweren durch Kürzungen und Diffamierungen. Und die Aufgabe der Wissenschaft ist es, Wissen, Austauschformate und Evidenz zur Verfügung zu stellen.
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