Versicherer senken die Beiträge : E-Rollerfahrer bauen weniger Unfälle als erwartet

Zum 1. März werden Rollerversicherungen billiger. Der Grund: Fahrer auf den Scootern sind wohl doch nicht so große Verkehrsrowdys.

Spritztour: Vor allem Touristen sind gern mit E-Rollern unterwegs.
Spritztour: Vor allem Touristen sind gern mit E-Rollern unterwegs.Foto: imago images / snapshot

Es muss eine wilde Verfolgungsjagd gewesen sein, als die Berliner Polizei einen E-Scooter-Fahrer im Berliner Stadtteil Buch stellen wollte. Der Mann war mit seinem Roller nicht nur verbotenerweise auf dem Bürgersteig unterwegs, das Zweirad hatte auch kein Versicherungskennzeichen.

Statt abzusteigen, gab der Mann jedoch Gas, drohte, einen Polizisten und eine Frau zu überfahren, die mit ihrem Hund Gassi ging. Die filmreife Jagd nach dem Verkehrssünder endete im vergangenen Oktober mit Blechschaden und Verletzungen – bei der Polizei. Der Funkwagen prallte vor einen Baum, eine Polizistin verletzte sich an der Hand, der E-Roller-Fahrer entkam.

Wie die Versicherungsbeiträge sinken

Es sind Meldungen wie diese, die den Eindruck erwecken, dass Rollerfahrer mehrheitlich Rollerrowdys sind. Umso mehr verblüfft es, dass jetzt viele Versicherer ihre Versicherungsprämien senken – und zwar deutlich.

Zum Beginn der neuen Versicherungssaison am 1. März ermäßigt die DEVK die Kosten für die Haftpflichtversicherung bei Fahrern über 23 Jahren um rund 42 Prozent auf 28 Euro im Jahr. Deutschlands größter Versicherer, die Allianz, reduziert den Haftpflichtbeitrag für diese Altersgruppe von 54 auf 28 Euro im Jahr, was fast eine Halbierung bedeutet. Die R+V-Versicherung stuft E-Scooter jetzt nicht mehr als Mopeds, sondern als Elektrokleinstfahrzeuge ein, was die Haftpflichtversicherung um zehn Euro auf 49,50 Euro im Jahr reduziert.

Noch deutlicher wird die Ermäßigung, wenn man die Teilkasko hinzu nimmt. Statt gut 124 Euro zahlt man jetzt 110 Euro, ein Selbstbehalt bei der Teilkasko ermäßigt die Versicherungsprämie weiter. Nur die Huk Coburg lässt ihre Beiträge unverändert, allerdings sind die Franken mit einem Haftpflichtbeitrag von 19 Euro im Jahr für Fahrer ab 23 Jahren seit jeher deutlich günstiger als die Konkurrenz.

Was Sie über E-Scooter wissen müssen

Für E-Scooter braucht man zwar keinen Führerschein, aber eine Haftpflichtversicherung. Das Versicherungsjahr beginnt am 1. März, dann sind nur noch die aktuellen schwarzen und nicht mehr die grünen Kennzeichen des Vorjahrs gültig. Eine Haftpflichtversicherung deckt die Schäden des Unfallgegners, wenn E-Rollerfahrer einen Unfall bauen. Wer eigene Schäden ersetzt haben möchte, braucht zusätzlich eine Teilkaskoversicherung.

Zwar dürfen Jugendliche schon ab 14 Jahren E-Roller fahren, einen Roller zu leihen, geht aber nach den Geschäftsbedingungen der meisten Verleihfirmen erst ab 18. Die Roller sind nur für Radwege und Straßen zugelassen, das Fahren auf dem Bürgersteig ist verboten.

Weniger Unfälle als erwartet

Dass viele Versicherer ihre Beiträge senken, liegt daran, dass die Kunden weniger Unfälle bauen als gedacht. „Der Schadenverlauf ist sehr positiv“, sagt Allianz-Sprecher Christian Weishuber. Allerdings gilt das nur für die über 4000 privat genutzten E-Scooter, die bei der Allianz versichert sind. Bei gewerblich eingesetzten E-Scootern von Verleihfirmen sind die Schäden deutlich höher. „Grund hierfür ist wohl die achtlosere Nutzung der Fahrzeuge durch die Mieter“, so Weishuber.

Polizeikontrolle: Die Berliner Polizei prüft immer mal wieder die Verkehrstüchtigkeit von Rollern und Rollerfahrern.
Polizeikontrolle: Die Berliner Polizei prüft immer mal wieder die Verkehrstüchtigkeit von Rollern und Rollerfahrern.Foto: Stefan Weger


Das deckt sich mit den Erkenntnissen der Polizei. In den ersten drei Monaten, in denen die E-Roller in Berlin unterwegs waren, registrierten die Ordnungshüter 74 Verkehrsunfälle, in 65 Fällen waren die Rollerfahrer Schuld. Unachtsamkeit, verbotenes Fahren auf dem Bürgersteig oder Trunkenheit waren bei der Auswertung im September vergangenen Jahres die Hauptunfallursachen.

In vielen Fällen kam allerdings nur der Rollerfahrer zu Schaden, etwa bei Stürzen.

Neue Zahlen gibt es im März, wenn die Berliner Polizei ihre Verkehrsunfallstatistik vorstellt. Bundesweite Zahlen fehlen. „Erst seit diesem Januar werden die Daten offiziell erhoben“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherer. Zum Jahresende werde man erste verlässliche Unfallstatistiken zu E-Rollern haben. Um Trends zu erkennen, brauche man sogar zwei, drei Jahre. Zuvor war es in das Belieben der örtlichen Polizeiverwaltungen gestellt, ob und wie sie Unfälle mit E-Rollern erfassen.

Eine der Unfallursachen: Trunkenheit am Lenker.
Eine der Unfallursachen: Trunkenheit am Lenker.Foto: dpa-tmn


Dass es an einer einheitlichen Zählweise der Unfälle mangelt, ist auch den E-Roller-Verleihern aufgefallen. In Köln kursieren etwa hohe Unfallzahlen. Demnach gab es in den ersten sechs Monaten laut der Polizei Köln 104 Verkehrsunfälle mit 109 Verletzten unter Beteiligung von E-Scootern. Das nordrhein-westfälische Innenministerium registrierte indes in ganz NRW im vergangenen Jahr 116 meldepflichtige Unfälle mit E-Scootern, „was nahelegt, dass hier sehr unterschiedlich gezählt worden sein muss“, kommentiert ein Sprecher des deutschen E-Tretroller-Verleihers Tier.

Das Berliner Start-up führt eine eigene Statistik über Unfälle mit seinen schwarz-grünen Rollern. „Durchschnittlich wird bei uns ein Unfall pro 100.000 gefahrene Kilometer registriert“, sagt der Sprecher. Registriert bedeute, dass diese Unfälle eine „versicherungstechnische Implikation“ haben.
Im Schnitt sei eine Fahrt mit dem Tier-Roller etwa zwei Kilometer lang, ähnlich ist es bei den Wettbewerbern. Die große Mehrheit der Unfälle zieht laut Tier leichtere Verletzungen oder nur Sachschäden nach sich. Bei rund 40 Prozent der Unfälle sei ein motorisiertes Fahrzeug involviert gewesen, ansonsten handele es sich überwiegend um Stürze. Über die App können die Tier-Roller laut Website in mehr als 50 europäischen Städten ausgeliehen werden.

Sind so kleine Räder: Viele Unfälle enden mit Stürzen des Fahrers.
Sind so kleine Räder: Viele Unfälle enden mit Stürzen des Fahrers.Foto: Shutterstock / Andrey_Popov


Beim E-Tretroller-Pionier Bird aus Kalifornien passieren laut eigener Erhebungen fast doppelt so viele Unfälle. Weltweit gesehen haben Bird-Nutzer auf 43.500 gefahrene Kilometer einen Unfall gemeldet. Das geht aus einem 2019 veröffentlichen Safety Report des Anbieters hervor. „Das entsprach ungefähr 0,01 Prozent aller Fahrten“, teilte ein Bird-Sprecher mit. „Auf dieser Zahlenbasis wäre E-Scooter-Fahren im Schnitt sogar weniger gefährlich als Fahrradfahren“, gibt man bei Bird zu bedenken.

Die Statistik bezieht sich allerdings nicht allein auf Deutschland oder Europa, sondern auf alle Bird-Märkte. Die weiß-schwarz-roten E-Roller stehen in mehr als 100 Städten. Anders als der Konkurrent Tier ist Bird neben Europa vor allem in Nordamerika aktiv. „Die Zahlen, die wir bisher in Deutschland sehen, sind hier sehr positiv im internationalen Vergleich und liegen deutlich darunter“, ergänzt der Bird-Sprecher. Aufgrund der „noch nicht so ganz umfassenden Datenlage“ für Deutschland wolle man dazu aber noch keine genauen Daten kommunizieren, genauere Angaben sollen im Laufe des Jahres folgen.

Je besser die Fahrradinfrastruktur ist, desto weniger Rollerunfälle gibt es

Dass sich die Zahlen in den einzelnen Städten stark voneinander unterscheiden, könnte an der Infrastruktur liegen. Generell ließ sich erkennen: Je besser die Fahrradinfrastruktur in der Stadt ist, desto weniger Unfälle wurden bei Bird gemeldet. Bird war 2017 das erste Unternehmen am Roller-Sharing-Markt. Kürzlich übernahm der Anbieter den deutschen Wettbewerber Circ.
Beim Wettbewerber Lime ist man zurückhaltender, was die Herausgabe von Unfallstatistiken angeht. Nur so viel verrät der US-Anbieter: „Die Zahl der Unfälle mit E-Scootern sind angesichts fast sieben Millionen Fahrten verschwindend gering, schwere Personenschäden sind uns nicht bekannt.“ Stürze lägen „in einem normalen Bereich“, der mit Fahrradfahrten vergleichbar sei und meist durch schlechte Infrastruktur wie unebene Radwege, schlechte Lichtverhältnisse oder eine rutschige Fahrbahn bedingt seien. Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmern seien extrem selten.