Heißer Sommer 2018 : Warum Wespen uns uns dieses Jahr besonders plagen

Heiß umschwirrt: Wegen des trockenen und warmen Klimas gibt es in diesem Sommer mehr Wespen. Das ärgert viele Menschen – außer Schädlingsbekämpfer.

Rebecca Stegmann
Eine Wespe nascht von Erdbeerkonfitüre auf einem Brötchen.
Eine Wespe nascht von Erdbeerkonfitüre auf einem Brötchen.Foto: dpa

Ein Surren am Ohr, schwarz-gelbe Tierchen im Anflug. Menschen, die mit dem Kopf zucken oder die Arme schwingen, um Wespen zu verscheuchen, sind derzeit kein seltener Anblick. Melanie von Orlow, zweite Vorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu) Berlin, bestätigt, was viele schon gemerkt haben: „Wir haben ein gutes Wespenjahr, eines wie es das zuletzt gefühlt 2003 gab.“

Der stabil trockene und warme Frühling hat den Wespen mindestens genau so gut gefallen wie den Menschen. Der Zeitraum von März bis Juni sei entscheidend für die Wespen, erklärt Biologin von Orlow, viel wichtiger als die Temperaturen im Winter. „Es gab keine schweren Regenfälle, die im Boden liegende Nester hätten zerstören können.“ Wespen, die ihre Nester in den Boden legen, sind diejenigen, die zu wildem Herumfuchteln führen: die Deutsche und die Gemeine Wespe. Sie bauen ihre Nester allerdings auch in Dachstühlen und Rolladenkästen. „Diese beiden Arten haben den Wespen ihren schlechten Ruf eingebrockt“, sagt von Orlow und betont, dass es noch über 600 andere Wespenarten gibt, die die Menschen in Ruhe lassen. Laien könnten sie am einfachsten an den Nestern erkennen. Durch ihr Aussehen seien die Tiere nur schwer zu unterscheiden.

Andreas Taeger, Wissenschaftler am Deutschen Entomologischen Institut, das zur Senckenberg-Gesellschaft gehört, sieht die Sache deutlich gelassener als viele Biergartenbesucher. „Mir wird jedes Jahr die Frage gestellt, warum denn besonders viele Wespen da sind“, sagt der Biologe. „Das ist viel gefühltes Wissen, um diese Jahreszeit gibt es immer viele Wespen.“ Verlässliche Zahlen gebe es nicht, sagt er.

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Ein Indiz, dass es in diesem Sommer mehr Wespen gibt als sonst, liefert der Blick in die Auftragsbücher der Berliner Schädlingsbekämpfer. Die zeichnen ein anderes Bild als Wissenschaftler Taeger. Auf Anfrage des Tagesspiegels berichten sie von in diesem Sommer überdurchschnittlich vollen Terminkalendern. Teilweise klingele bei ihnen alle fünf Minuten das Telefon, sagt ein Schädlingsbekämpfer, weil jemand ein Wespennest entfernt haben wolle. Materialien wie Wespengift würden knapp, heißt es. Viele Anfragen von Leuten, die sich von den Tieren belästigt fühlen, aber nicht gefährdet seien, führten zu zusätzlicher Arbeit. Ebenso sei es mit Fällen, bei denen es sich um eine geschützte Art handele. Entfernt werden dürfen nur die Nester der Deutschen und der Gemeinen Wespe.

Die Stechmücken bereiten momentan weniger Ärger

Von Orlow will aufklären, bevor der Schädlingsbekämpfer gerufen wird. Sie hilft Menschen, die ein Nest in ihrem Umfeld entdeckt haben, und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Die Biologin weiß, um welche Arten es sich handelt, wann ein Wespenvolk getötet oder umgesiedelt werden muss – und wann die Menschen einfach ihre Furcht überwinden und Fliegengitter anbringen sollten.

Mehr als 1000 Anrufe hat sie in diesem Jahr bereits erhalten, oft fährt sie auch vor Ort. Die Beratung macht sie ehrenamtlich – sie möchte für die unbeliebten Tierchen Sympathien wecken.

Ein anderes Insekt, das bei den meisten Menschen ebenfalls nicht sehr beliebt ist, bereitet momentan weniger Ärger: die Mücke. Während Wespen ein gutes Jahr erleben, taucht sie derzeit seltener auf. Laut Doreen Walther vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung liegt das daran, dass Mücken – insbesondere Stechmücken – keine Fans von Hitze und Trockenheit sind. „Es gibt weniger Mücken als im vergangenen Jahr und sie sitzen im Schatten und fallen weniger auf.“ Die Insekten bräuchten Wasserflächen, um ihre Eier abzulegen – zurzeit seien die in vielen Regionen schwer zu finden. „Die Weibchen müssen länger warten, bis sie ihre Eier ablegen können und sie legen weniger – die Population baut sich also nicht so schnell auf.“

Die über 50 verschiedenen Stechmückenarten, die es in Deutschland gibt, seien unterschiedlich stark aktiv, weil sie verschiedene Ansprüche an ihre Umgebung haben. „Es gibt Mücken die in jeder Regentonne brüten können und welche die auf Bäche oder Flüsse angewiesen sind.“ In Deutschland ursprünglich nicht heimische Arten würde auch schon eine Pfütze Wasser in einem Blumenuntersetzer genügen. Sie seien an das warme Klima besser angepasst.

Walther ist Leiterin des Projektes „Mückenatlas“. Dabei sind Bürger überall in Deutschland aufgerufen, Stechmücken einzufangen, durch eine Nacht im heimischen Tiefkühlfach zu töten und die somit gut erhaltenen Insekten einzusenden. Die Aktion soll keine Racheakt für Zerstochene sein, sondern der öffentlichen Gesundheit dienen: Die Forscher bestimmen, um welche Stechmückenart es sich handelt und tragen die Fundorte auf einer Karte zusammen. So wollen sie überwachen, wo welche Tiere verbreitet sind und wie sich ihre Population entwickelt.

Besonders invasive Arten wie die Asiatische Tigermücke können Krankheiten übertragen. Der Klimawandel begünstigt ihre Ansiedlung in Deutschland. „Der Einsender erhält eine persönliche Rückantwort, in der er erfährt, welche Mückenart er gefangen hat und was er gegen genau diese Mücken tun kann“, sagt Walther.

Sobald die von vielen lang ersehnten Gewitter kommen, dürfte es auch wieder mehr Stechmücken zu fangen geben. „Die Mücken legen ihre Eier teilweise in trockene Bereiche, die können dort jahrelang überleben und fangen erst an sich zu entwickeln, wenn Wasser da ist, also wenn zum Beispiel die Flüsse ansteigen“, erklärt Walther.

In trockenen Gebieten wird auf Regen die Mückenhochsaison folgen. Auch die Gemeinen und Deutschen Wespen werden uns noch eine Weile erhalten bleiben. Gewitter machen ihnen leider auch nicht mehr viel aus, sie sterben erst im Oktober oder im November.

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