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Nach der Katastrophe in Italien : Genua hat nun Angst vor dem wirtschaftlichen Absturz

Noch herrscht Trauer um die Toten - aber die ligurische Hauptstadt sorgt sich auch, dass der Absturz der Morandi-Brücke sie ökonomisch lahmlegen könnte.

Italien, Genua: Trümmer und Fahrzeuge liegen unter der eingestürzten Morandi-Brücke.
Italien, Genua: Trümmer und Fahrzeuge liegen unter der eingestürzten Morandi-Brücke.Foto: Luca Zennaro/ANSA/dpa

Andrea Vittone und Claudia Possetti aus der Kleinstadt Pinerolo bei Turin starben auf dem Weg in den Urlaub auf Elba. Erst im Juli hatten der 49-jährige Techniker und die 48-jährige Verwaltungsangestellte, die schon seit Jahren ein Paar waren, geheiratet. Mit ihnen stürzten Claudias Kinder, der 16-jährige Manuele und die 12-jährige Camilla, von der Genueser Morandi-Brücke in die Tiefe. Alessandro Robotti (50) und seine Freundin Giovanna Bottaro (43), ebenfalls aus Piemont, waren da gerade in Gegenrichtung unterwegs. Sie wollten nach ein paar Tagen am Meer zurück nach Hause. Die Leichen der sechs wurden bereits am Mittwoch aus dem Schutt im Katastrophengebiet geborgen, aber erst am Donnerstag war klar, dass es sich wirklich um sie handelt. Auf dem Rathaus von Pinerolo weht seit Donnerstag die Flagge auf Halbmast. „Wir haben mit Genua gefühlt wie alle andern. Jetzt wissen wir, dass wir selbst auf besondere Weise mitbetroffen sind“, sagt Pinerolos Vize-Bürgermeisterin.

Der Absturz hat Genua und Ligurien zweigeteilt

Am Tag drei nach dem Einsturz der Morandi-Brücke sind Italiens Zeitungen voll von Geschichten der mittlerweile 38 Toten, die sich recherchieren ließen. Weitere zehn bis 20 könnten hinzukommen, befürchtet der Chef der Genueser Staatsanwaltschaft Francesco Cozzi. So hoch ist die Zahl der Vermissten. Derzeit wertet das Ermittlungsteam Videos von Überwachungskameras auf der Brücke aus, um in Erfahrung zu bringen, wer sein Leben dort verloren haben könnte.

Kaum noch Hoffnung auf Überlebende

Die dritte Nacht in Folge haben Rettungskräfte nach möglichen weiteren Opfern in den Trümmern der eingestürzten Autobahnbrücke in Genua gesucht. "Wir versuchen Hohlräumen in dem Schutt zu finden, wo Menschen sein könnten - lebendig oder tot", sagte Feuerwehrsprecher Emanuele Gissi am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. Die Aussichten, Überlebende zu finden, gelten mittlerweile allerdings als gering.

Nach Angaben von Genuas Staatsanwaltschaft könnten noch zehn bis 20 Menschen unter den Trümmern sein. Die Rettungskräfte wurden bei ihrer gefährlichen Suche in den instabilen Trümmern von Baggern und Kränen unterstützt. Spezialisten arbeiteten daran, die Trümmer in große Betonblöcke zu zerschneiden. "Wir werden dann Hunde und Rettungskräfte hineinschicken um zu sehen, ob wir irgendwelche Lebenszeichen finden können", sagte Gissi.

Kommission soll Schuldfrage klären

Das Verkehrsministerium richtete eine Kommission ein, die technische Überprüfungen und Analysen an der am Dienstag eingestürzten Brücke durchführen soll. Während eines Unwetters war ein etwa 180 Meter langer Abschnitt des wichtige Polcevera-Viadukts in der italienischen Hafenstadt in die Tiefe gestürzt und hatte zahlreiche Fahrzeuge mitgerissen.

Die Ergebnisse der Arbeit sollen einer Mitteilung des Ministeriums zufolge schließlich dazu dienen, über eine mögliche Entziehung der Lizenz für den privaten Autobahnbetreiber zu entscheiden. Italienische Medien werteten das als Zurückrudern einiger Regierungsmitglieder, die die Verantwortung für die Katastrophe bereits am Mittwoch dem Betreiber Autostrade per l'Italia zugewiesen hatten. Auch Regierungschef Giuseppe Conte hatte erklärt, dass bereits erste Schritte für den Entzug der Konzession eingeleitet worden seien.

Angst um wirtschaftliche Zukunft Genuas

Aber in die Trauer mischt sich immer stärker auch Angst um die wirtschaftliche Zukunft Genuas. Der Einbruch der Brücke habe die Stadt wie einst Berlin in einen Ost- und einen Westteil zerstückelt, schrieb eine Zeitung. Und die sind seit Dienstag nahezu ebenso isoliert voneinander. Die Straße, deren Teil die Morandi-Brücke war, galt als Rückgrat Genuas und sie führte zum Hafen, der Lebensader der Stadt, ihrem ökonomischen Zentrum. Eine einzige parallele Straße muss jetzt ihren gesamten Verkehr aufnehmen. „Sicher, das sind Tage der Trauer über die Toten“, schrieb bereits am Tag nach der Katastrophe die Zeitung „Il Fatto“. Aber diese Tragödie von gestern könnte nun auf Jahre definitiv die Wirtschaft einer Stadt in die Knie zwingen, die sowieso in der Krise steckt.“ Der Fall des Ponte Morandi habe die Provinz Ligurien zweigeteilt, Genuas Osten vom Westen getrennt und Piemont vom benachbarten Frankreich abgeschnitten. Schuld sei auch, dass die übrige Infrastruktur völlig unzureichend sei.

Wird die Stadt weiter an Hamburg und Rotterdam verlieren?

Über die Morandi-Brücke, die jetzt ganz abgerissen wird, fuhren im Jahr mehr als 25,5 Millionen Autos, etwa ein knappes Drittel des gesamten Verkehrs stadtauswärts. Der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Edoardo Rixi, und Regionalpräsident Giovanni Toti kündigten am Donnerstag an, dass im kommenden Jahr ein neuer Viadukt anstelle des zusammengebrochenen stehen solle.

Zigtausende Pendler nahmen Morgen für Morgen die Brücke für den Weg zu ihren Arbeitsplätzen. „Sollte dieser Verkehr auf die innerstädtischen Straßen umgeleitet werden, wäre Genua völlig gelähmt.“ Und die Lastwagen seien dringend nötig, damit Genuas Handel und Industrie, hauptsächlich aus der nordwestlichen Piemont und Frankreich versorgt wird.
Die bereits eingetretenen und zu erwartenden Schäden für Genuas Hafen werden als besonders drastisch eingeschätzt. Genua, lange eine Seerepublik und im Mittelalter Dauerkonkurrentin Venedigs um die Macht im Mittelmeer, ist heute der Fläche nach Italiens größter Hafen. Was den Warenumschlag angeht, ist er hinter Triest Nummer zwei im Land. Für die Lombardei mit dem Ballungsgebiet um Mailand, der wirtschaftlich stärksten und reichsten Gegend Italiens, ist er unverzichtbar. Und der Hafen und das Geld, das dort erwirtschaftet wird, sind praktisch der einzige verbliebene große Wirtschaftsfaktor in Ligurien, das zwar beliebt bei Touristen ist, aus dem aber viele Unternehmen weggezogen sind.

Auch in die Schweiz gehen viele Waren ab Genua. Nun gibt es die Befürchtung, dass die wohlhabende Kundschaft im Norden sich noch stärker der Konkurrenz in Hamburg und Rotterdam zuwendet. Blieben die Straßen zu den Molen verstopft, warnte der Hafenchef im Fernsehsender La 7, werde Genua für Handel und Industrie einfach zu langsam - und damit zu teuer. (mit dpa, AFP)

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