Sie wollte die Heimat des Vaters kennenlernen

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Chinesisches Charlottenburg : Berlins Chinatown

Yu-Dembski versteht sich als Vermittlerin zwischen den Kulturen, als eine, die den Deutschen die Chinesen erklärt, und umgekehrt. „In China teilt man sich beim Essen verschiedene Gerichte, und man sollte so viele davon haben, wie Personen am Tisch sitzen“, sagt sie und nimmt ein eingeschweißtes Päckchen aus dem Kühlregal. „Diesen gebackenen Tofu bereite ich gern mit Aubergine oder Zucchini, ein wenig Ingwer und Sojasauce zu. Das wird mit Reis serviert, schnell und gut.“

Um die Heimat des Vaters kennenzulernen, hat sie in den 80er Jahren als Reiseleiterin in China gearbeitet und dabei jede Ecke des Riesenreichs besucht. Sie hat zu chinesischen Themen geforscht und ist heute am Konfuzius-Institut der FU für Kulturprojekte zuständig, organisiert Ausstellungen. Als wir „Go Asia“ verlassen, plaudert sie mit den Mitarbeiterinnen an der Kasse auf Mandarin. Der Chef sei Chinese, berichtet sie, manche der Frauen kämen aus Thailand. Nur als ich frage, wie die Schlagzeilen der Zeitungen lauten, die es am Ausgang gratis gibt, muss sie passen: „Mein schriftliches Chinesisch ist nicht so gut.“

Zurück auf der Kantstraße laufen wir Richtung Savignyplatz. Etwa 8000 Chinesen gebe es in Berlin, sagt Dagmar Yu-Dembski. Auch wenn die offiziellen Zahlen niedriger seien. Berlin ist damit die bei Chinesen mit Abstand beliebteste deutsche Stadt. Zu Zeiten ihres Vaters waren die meisten, die hier lebten, aus Hongkong oder Taiwan, erst ab den 80er Jahren kamen viele Menschen aus der Volksrepublik; damals begann sich das Land nach Maos Tod gerade zu öffnen. Mit der blutigen Niederschlagung des Aufstands auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 blieben dann viele länger als geplant. „Momentan ist Berlin, weil es so weltoffen ist, vor allem bei Studenten und bei Leuten aus der Film- und Designbranche beliebt“, sagt Yu-Dembski. Und dann sind wir auch schon bei „Tone of China“ angelangt, einem Möbelgeschäft, das sie mir zeigen möchte.

Dunkel lackierte chinesische Kommoden, Truhen und Kleiderschränke (sogenannte Hochzeitsschränke) stapeln sich hier bis unter die Decke. Manche sind antike Stücke, manche Nachbauten. Auf Regalen stehen Porzellangeschirr, Buddhas, Tonkrieger – und Vogelkäfige. „Die Chinesen haben früher in sehr kleinen Wohnungen gelebt, da war kein Platz für andere Haustiere. In Parks sehen Sie ältere Männer mit diesen Käfigen, so wie Deutsche mit ihrem Hund spazieren gehen.“

Der Inhaber des Ladens, Jian Zhou, ist ein alter Bekannter, Yu-Dembski hat ihn vor Jahren in ihrem Buch „Chinesen in Berlin“ porträtiert. Zhou sitzt an diesem Tag wie so oft hinter seinem Schreibtisch, gleich links vom Eingang. Über das Smartphone schickt ihm ein Freund Fotos von Möbeln, die er in China auftreiben konnte, gerade geht es um einen Stuhl für 600 Euro. „Das ist zu teuer“, sagt Zhou. Die Nachfrage nach antiken chinesischen Möbeln sei stark gestiegen. Seine Kunden: vor allem Deutsche, aber auch Chinesen. „Und Russen, Franzosen, Dänen ...“ Zhou kam 1989 als Student in die Stadt – er begann mit Elektrotechnik, später kam Kommunikationswissenschaft hinzu – und blieb, wegen des Tiananmen-Massakers. Ein Jahr hat er es noch mal in Peking versucht. „Doch die Leute sagten, ich sei gar kein richtiger Chinese mehr. Ich hatte Sehnsucht nach Berlin, Heimatgefühle.“ Er mag das offene Klima der Stadt, „kulti-multi“, wie er sagt.

Eine Erklärung, warum sich so viel Asiatisches und insbesondere Chinesisches in und um die Kantstraße findet (darunter drei weitere Läden, die chinesische Möbel und Einrichtungsgegenstände anbieten), hat auch Zhou nicht.

Natürlich, es gibt die Historie. Als in den 1920ern junge Chinesen aus gutem Hause nach Berlin kamen, um zu studieren, fanden sie Unterkunft in den großen Altbauwohnungen des Viertels. „Dort lebten oft Frauen, deren Männer im Krieg gefallen waren und die Räume untervermieteten“, sagt Dagmar Yu-Dembski. Außerdem war die Technische Hochschule nicht weit, ebenso wie die damalige chinesische Botschaft. 1923 eröffnete in der Kantstraße 130b das erste China-Restaurant der Stadt, bald darauf folgte ein anderes in unmittelbarer Nähe. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der Kantstraße chinesisches Leben: „Der erste Asiahandel hat hier aufgemacht, betrieben von Frau Wang, einer Deutschen, die mit einem Koch meines Vaters verheiratet war.“ In den 80ern war die Straße dann aber wieder stärker russisch geprägt.

Haben die Nachbarn eine Erklärung? Schräg gegenüber vom „Tone of China“ befindet sich „Japan Bonsai“. Besitzer Todd Grand stammt aus Cleveland, Ohio, und hat das Geschäft vor ein paar Jahren von seinem deutschen Vorgänger übernommen. Etwa 150 kleine Bäumchen hat er im Angebot. „Wo es Läden gibt, die laufen, machen eben andere mit ähnlichem Konzept auf“, vermutet er. Und nebenan, im „Japan Shop“, wo Mangas und Godzillafiguren aus Plastik verkauft werden, sagt Chefin Yuki Suzuki: „Dass wir den Laden hier aufgemacht haben, ist Zufall gewesen. Erst später haben wir gedacht: Das passt ja gut.“

Das Herz der Kantstraße sind eine Reihe von Restaurants, für die Chinesen aus allen Teilen der Stadt hierher kommen (ebenso wie chinesische Touristen) und in denen es sogar Speisekarten auf Chinesisch gibt. Das „Aroma“, vor dem Dagmar Yu-Dembski jetzt steht, gehört dazu. „Hier gibt es Gerichte aus dem Süden“, sagt sie – und empfiehlt die Dim Sum, die seien gut. Auf der Karte stehen noch viele andere Speisen, darunter auch gewöhnungsbedürftige wie Qualle mit geschmorten Spitzbeinen. Einen ähnlichen Ruf, nämlich besonders authentisch zu sein, genießt das „Good Friends“ ein paar Häuser weiter Richtung Osten.

Dagmar YuDembski möchte zum Abschluss ins Restaurant „Shanghai“ gehen, das sich fast am Savignyplatz befindet. Auf dem Weg dahin kommen wir am „Lon Men’s“ vorbei. Den Imbiss, mittlerweile in taiwanischer Hand, hatte ihr Vater einst für seine Geliebte eingerichtet.

Im „Shanghai“ kocht Herr Choi, heute über 70 Jahre alt und in der Vergangenheit in Diensten von Yu-Dembskis Vater. Es gibt Rippchen mit gedämpften Schwarzbohnen und Chinagemüse mit Winterpilzen. Früher, erzählt Yu-Dembski, habe sie nicht so recht gewusst, wo sie hingehöre. „Heute empfinde ich das als Privileg, diese beiden Seiten zu haben.“ Sie merkt, dass sich immer mehr Deutsche für China interessieren, und sie ärgert sich sichtlich darüber, wenn das riesige Land auf seine Regierung, ein paar Schlagworte oder bekannte Gesichter (Ai Weiwei) reduziert wird. Sie sei auch kritisch, was Missstände in China anbelangt, sagt sie – und dass sie frei sei in ihrer Arbeit am Konfuzius-Institut, auch wenn dieses von der Regierung in Peking co-finanziert wird.

Und die nächste Reise nach China, wann findet die statt? Dagmar Yu- Dembski hat andere Wünsche. „Ich bin schon so oft auf dem Jangtse gefahren“, sagt sie. „Aber noch nie auf dem Rhein.“

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