Interview mit Josef Reichholf : "Veganer würden im Urwald verhungern"

Städte könnten die Rettung sein für viele bedrohte Arten, glaubt Josef Reichholf. Der Biologe über Füchse, die Fahrstuhl fahren, und Vogelgesang, der wie Flötenspiel klingt.

Für Josef Reichholf ist Berlin die "Hauptstadt der Wildschweine".
Für Josef Reichholf ist Berlin die "Hauptstadt der Wildschweine".Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Reichholf, Sie sind nicht nur einer der bekanntesten deutschen Biologen, sondern auch ein großer Vogelfreund. Fast immer haben Sie ein Fernglas dabei. Nach welchen Tieren halten Sie hier in Berlin Ausschau?

Wäre jetzt Anfang Mai, würde ich sofort in den Tiergarten gehen zu den Nachtigallen. Am eindrucksvollsten für mich war mal eine Verkehrsinsel in Potsdam, auf der eine Nachtigall aus voller Brust sang. Erst dachte ich: Die haben da einen Lautsprecher installiert, unglaublich! Bei mir daheim in München gibt es leider keine einzige.

Was ist der Grund?

Weil sie höher und alpennah liegt, hat die Stadt mehr Niederschläge. Nachtigallen mögen es eher trocken. Außerdem ist die Erde im Süden schwer und dichter bewachsen, da finden Bodenvögel wie die Nachtigall keinen Platz, herumzulaufen. Berlin hat insgesamt mehr Potenzial für Tiere, weil es nicht so stark bebaut ist wie andere Städte.

Wohl fühlen sich vor allem Waschbären. Die „B.Z.“ spricht von „echten Plagegeistern“, sie „randalieren auf dem Dachboden oder kippen Mülltonnen um“.

Das wird übertrieben. Berlin verhält sich eigentlich ziemlich großzügig gegenüber Tieren, deshalb ist es auch die Hauptstadt der Wildschweine – für mich kein Schimpfwort! Es beweist, dass selbst Tiere dieser Größe weitgehend konfliktfrei mit dem Menschen zusammenleben können. Füchse lernen sogar Fahrstuhlfahren, richten sich nach den Ampelphasen. In weiten Teilen Westdeutschlands wird versucht, einen Cordon sanitaire um die Städte zu legen, mit extremer Bejagung. Nach der Devise: Größere Tiere gehören in den Wald. Aber da wollen die Förster sie ja nicht haben. Also, wo sollen sie sonst leben?

Josef Reichholf

Josef Reichholf, 73, ist Biologe, Naturschützer und Autor. Mit Bernhard Grzimek und anderen war er in den 70er Jahren an der Gründung der „Gruppe Ökologie“ beteiligt, aus der später der BUND hervorging. An der Zoologischen Staatssammlung München leitete er bis zu seiner Pensionierung mehr als drei Jahrzehnte die Sektion Ornithologie.
Reichholf wuchs in Niederbayern am Inn auf, studierte neben Biologie auch Chemie, Geografie und Tropenmedizin. Als junger Mann ging er dank eines Stipendiums ein Jahr nach Brasilien, um dort den Regenwald zu erforschen.
Der breiten Öffentlichkeit ist er als Autor von Büchern etwa über Haustiere und Krähen bekannt. Gerade erschien von ihm „Schmetterlinge. Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet“ (Hanser).
Reichholf wohnt in der Nähe von München. Das Interview findet an einem Samstagmorgen in Berlin statt, und anfangs macht er einen müden Eindruck. Eine tropfende Klimaanlage im Hotelzimmer hat Reichholf Schlaf gekostet. Wie einst der Frosch, dessen Quaken ihmb eim Zelten zusetzte: „metronomhaft, alle 20 Sekunden“. Da verlor selbst der Tierfreund die Geduld: „So gegen Mitternacht dachte ich, den bring’ ich jetzt um, und bin mit der Taschenlampe raus. Obwohl ich weiß, wie man Frösche sucht, habe ich ihn erst am Morgen gefunden. Er saß genau in der Mitte des Wassersprengers. Von da habe ich ihn vertrieben.“

Der WWF zählt 25 800 bedrohte Tier- und Pflanzenarten, die Welt erlebe das „größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier“ – verursacht vom Menschen. Aber in Ihren Augen sind ausgerechnet Städte die Hoffnung zur Rettung der Vielfalt!

Weil die Bevölkerung dort toleranter ist, was Tiere und wild wachsende Pflanzen betrifft. Wo die Menschen es sich leisten können, streben sie außerdem nach Lebensqualität. Es gibt Trends wie Urban Gardening und Dachbegrünungen, in London soll man bald überall innerhalb von zehn Minuten die nächste Grünfläche erreichen können. Erst gestern habe ich bei einem Spaziergang ein Kartoffelbeet am Ku’damm entdeckt. Draußen auf dem Land ruft es schon einen Aufstand der Bauern hervor, wenn man die kleinste Fläche von der agrarischen Nutzung frei bekommen möchte.

Dafür ist dort der Kontakt zur Natur enger.

Ich habe das Gefühl, man hat auf dem Land im vergangenen halben Jahrhundert nicht nur nichts dazugelernt, sondern nutzt alle Möglichkeiten, die Verhältnisse zu verschlimmern. Zum Verzweifeln. Straßenränder und Freiflächen werden ohne Not mehrmals im Jahr gemäht, bloß damit die teuren Maschinen, die man dafür angeschafft hat, weiterlaufen. Egal, ob Blindschleichen verhackstückt werden und man den Bienen ihre Blumen nimmt.

Mehr als die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Bienenarten stehen mittlerweile auf der Roten Liste. Ist die Biene noch zu retten?

Ich denke schon – dank der Großstädte. Inzwischen summt Berlin, München und Hamburg summen auch, und alle liefern vorzüglichen Honig. Ein ganzer Rettungsarchipel. Allein in einem botanischen Garten hat man einen großen Teil des Bienenspektrums eines Bundeslandes versammelt, denn dort blüht es das ganze Jahr über. Auf dem Land haben Sie dagegen zunehmend Monokulturen, da ist das Blütenangebot unter Umständen sehr begrenzt oder nur kurzfristig vorhanden.

In Brandenburg sieht man heute endlose Rapsfelder.

Ich habe große Sorge, dass mit der Subventionierung von Bioenergie ein falscher Weg eingeschlagen wurde. Wo Felder bis zum Horizont nur mit einer Frucht bestellt sind, können sich Schädlinge viel schneller und über eine viel größere Fläche ausbreiten. Und dadurch muss dann mit großer Heftigkeit die chemische Keule angesetzt werden.

Wäre es nicht wichtiger, diese Probleme anzugehen, anstatt Kartoffeln am Ku’damm zu pflanzen?

Gewiss, aber die Chancen stehen schlecht. Ich bin sehr skeptisch, ob es in absehbarer Zeit machbar sein wird, den Masseneinsatz von Gift in der Landwirtschaft zu reduzieren. Nicht, solange sie in der EU hochgradig subventioniert wird. Die Unterstützung für die Landwirte wird nach Fläche gezahlt – weshalb es sich lohnt, möglichst große Gebiete zu bewirtschaften, egal wie günstig die natürlichen Bedingungen dafür sind. Die Politik ist offenbar nicht gewillt, daran etwas zu ändern.

85 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben