Shoppingmall-Investor Harald Huth : „Meine Idee für Steglitz: komplett überreizen“

Dem „Schloss“ verpasste er Stuck und Säulen, bei der Mall of Berlin mussten Jeansläden oben einziehen. Harald Huth über seine Shoppingcenter und schlaflose Nächte.

Die „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz ist mit rund 270 Läden eines der größten Berliner Center – auch von Harald Huth.
Die „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz ist mit rund 270 Läden eines der größten Berliner Center – auch von Harald Huth.Foto: Cay Dobberke

Herr Huth, Sie werden als Berlins „König der Shoppingmalls“ bezeichnet. Gefällt Ihnen das Etikett?

Ich find’s unmöglich! Nur weil ich ein paar Malls gebaut habe, soll ich irgendein König sein? Da wird bei mir Glamour gesucht, den ich nicht bieten kann.

Dann mögen Sie die Bezeichnung Baulöwe sicher auch nicht so gerne.

Unsere Bauabteilung haben wir erst seit vier Jahren. Vorher habe ich ein Einkaufszentrum nur gezeichnet und später die Geschäfte vermietet.

Die Konzeption von Malls gilt als Geheimwissenschaft. Alfred Taubman, der in den 1960ern in den USA im großen Stil Einkaufszentren baute, glaubte, dass eine Mall nur zwei Etagen haben darf: eine zum Hinlaufen und die zweite zum Zurücklaufen. Die Mall of Berlin, die Sie betreiben, hat vier …

… und in Portugal gibt es sogar eine mit sieben Stockwerken, und die funktioniert wunderbar. Jeder würde am liebsten eingeschossige, schnurgerade Malls bauen. Früher sprach man von „Hundeknochen“: rechts ein Ankermieter, links ein Ankermieter. So heißen die Geschäfte, die Menschen in das Center reinziehen: H&M, Saturn, Kaufland. Zwischen beiden liegt die Mall, Eingang in der Mitte. Die Leute laufen dann hin und her, und ich muss mir keine großen Gedanken machen. Die Kunst ist es, auf einem Grundstück, das meistens nicht ideal geschnitten ist, ein Center mit verständlichen Laufwegen zu entwerfen.

In Minneapolis steht das größte Einkaufszentrum der Welt, in Birmingham gibt es ein besonders spektakuläres. Unternehmen Sie Dienstreisen?

Nein. Als ich das „Schloss“ in Steglitz gebaut habe, habe ich in einem Feng-Shui-Buch ein Foto von einer Mall aus England gesehen. Ich habe es meinem Architekten hingelegt und gesagt: Das werden wir jetzt interpretieren! Das Bild, nicht die Mall. Wir sind kein einziges Mal hingefahren.

Was hat eine Mall in einem Feng-Shui-Buch zu suchen?

Die Energie war besonders gelungen. Wenn eine Mall bloß eine Retorte ist, eine Aneinanderreihung von Läden, merken das die Menschen.

Harald Huth

Harald Huth, 49, entwickelt seit 25 Jahren Einkaufszentren in Berlin-Brandenburg, darunter die Mall of Berlin am Leipziger Platz, das größte Shoppingcenter der Stadt mit 22 Millionen Besuchern pro Jahr.
Huth studierte in Hamburg Wirtschaftswissenschaften und war gleichzeitig Trainee bei einem Handelskonzern. Zunächst leitete er ein Warenhaus, wechselte dann zur HypoVereinsbank, für die er 24-jährig die Gropius Passagen in Neukölln konzipierte. 2007 gründete er seine eigene Firma HGHI, High Gain House Investments, mit der er vergangenes Jahr das Mendelssohn Palais in Mitte bezog.

Das herrschaftliche Gebäude beherbergte einst eine Privatbank, was man am mit Gusseisen ausgekleideten Konferenzraum noch sieht. Hier war der Tresor. Im Foyer zeigt eine kleine Ausstellung Huths bisheriges Lebenswerk: Fotos der gerade eröffneten Mall in der ehemaligen Moabiter Schultheiss-Brauerei hängen neben Plänen für die Fußgängerzone von Tegel, Huths jüngstes Projekt. Zwischen den Stelltafeln steht eine Tischtennisplatte. Als junger Mann hat Huth den Sport ambitioniert betrieben. Er sieht immer noch durchtrainiert aus. Ein großer Mann in perfekt gebügeltem Hemd sitzt an einen meterlangen Konferenztisch. Huth gilt als pressescheu, gibt sich aber heute offen, wenn er beispielsweise erzählt, dass er sich fürs Tischtennisspielen extra einen fünf Meter hohen Keller unter sein Haus in Westend bauen ließ.

Wie gehen Sie vor?

Nachdem ich ein Grundstück gekauft habe, treffe ich mich mit dem Architekten, mit dem ich seit mehr als 20 Jahren zusammenarbeite: Manfred Pechtold. Als Erstes rollen wir Klarsichtfolie auf diesem Tisch hier aus, an dem wir sitzen. Ich zeichne mit einem roten Filzstift auf, wie ich mir das Center vorstelle. Wir gehen jede Etage durch und überlegen uns, wie sich der Kunde wohl bewegt. Wo sollte er entlanglaufen und wo stoppen? Anschließend bringt Manfred Pechtold das Scribble zum Bauzeichner, der eine Reinzeichnung davon anfertigt. Die legen wir beim nächsten Treffen zuunterst auf den Tisch, Klarsichtfolie drüber, und denken weiter. Ungefähr bei unserer 50. Zusammenkunft wissen wir, wie wir es machen wollen.

Im „Schloss“ gibt es viel Dekor: Die Rolltreppe führt unter einem goldenen Eiffelturm hindurch, in den Gängen steht alle paar Meter eine Feuerschale, die Wände sind mit einer gezackten Bordüre verziert – ist das Muster römisch oder griechisch?

Römisch, griechisch – wir haben alles kopiert. Als ich 2004 das „Schloss“ entwarf, war ich in der schwierigen Situation, dass es in der Schloßstraße bereits zwei Einkaufszentren gab und ein drittes in Planung war. Ich hatte damals mein ganzes Geld in dieses Grundstück am Rathaus Steglitz gesteckt, also ganz am Ende der Schloßstraße, und fragte mich: Wie kannst du es schaffen, dass dein Center überlebt, obwohl es so weit ab vom Schuss liegt? Meine Idee war: komplett zu überreizen. Es gibt in Steglitz-Zehlendorf viele Altbauwohnungen mit Stuck. Das mache ich hier zum Thema, dachte ich. Ich habe mir einen Stuckateur gesucht. Das gesamte Interiordesign haben wir zu zweit entwickelt. Es gibt da kein einziges Fertigteil drin.

Das Schultheiss-Quartier, Ihr jüngstes Projekt, das Sie im August in Moabit eröffnet haben, ist dagegen ganz schlicht.

Das ist eine alte Brauerei, ein Klinkerbau. Da können Sie doch nicht mit Stuck kommen!

Hat sich der Geschmack, was Einkaufszentren angeht, im Laufe der Zeit verändert? In den 1970er Jahren galt das Europa-Center als das modernste Deutschlands. Heute wirkt es ramschig.

Damals gab es keinen Wettbewerb. Wenn es geregnet hat, sind die Leute da hingegangen. Mittlerweile haben Sie in Berlin eine Riesenauswahl …

… 69 Malls, gerade eine neue in Friedrichshain …

… davon sind viele sehr klein. Das Europa-Center ist immer noch ein guter Standort: das Herz von Berlin. Vielleicht müsste man sich mal überlegen, ob das Hotel an der Budapester Straße der richtige Partner ist oder ob man nicht besser im hinteren Bereich einen Ankermieter platzieren sollte. Wenn der Saturn vorne am Tauentzien ist, warum sollte man dann noch reingehen?

Sagt nicht der Mietinteressent, welchen Laden er haben will?

Schon. In der Mall of Berlin wollten beispielsweise alle ins Erdgeschoss. Ich entgegnete ihnen, Hollister und die anderen Jeansläden kommen bei mir nur ins erste Obergeschoss, denn für deren junge Kunden ist es kein Problem, ein Stockwerk hochzufahren. Ich habe diese Marken dort gebündelt. So entsteht Kompetenz. Essen gibt’s nur im zweiten Obergeschoss.

Warum das?

Wer Hunger hat, fährt hoch. Manchmal denken die Brands, sie müssten weit und breit der Einzige ihrer Sparte sein, aber Konkurrenz belebt das Geschäft. Und dann müssen Sie versuchen, sich durchzusetzen. Vor der Eröffnung der Mall of Berlin gab es Zeiten, in denen ich meine Ideen den Mietinteressenten erzählte und die mich auslachten. Dann bin ich abends nach Hause gefahren und habe gedacht: Das kriegst du irgendwie nicht hin. Aber man darf nicht blind irgendwas reinvermieten, damit es vermietet ist.

18 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben