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Gute Geldflut? Die Kryptowährung Bitcoin soll als Absicherung vor Inflation dienen. Ob das stimmt, ist umstritten.
© Dado Ruvic/REUTERS

Absichern mit Kryptowährung: Taugt der Bitcoin als Schutz vor Inflation?

Am Finanzmarkt verbreitet sich ein Narrativ: Bitcoin schützt vor der steigenden Inflation. Aber ist das so? Was Experten und die Daten sagen.

Von Andreas Neuhaus

Bis zum Auftreten der neuen Coronavariante galt sie als größte Gefahr für den Finanzmarkt: die steigende Inflation. Wie sich Anlegerinnen und Anleger am besten dagegen absichern, wird kontrovers diskutiert. Ein immer beliebterer Tipp ist der Bitcoin – die älteste und wichtigste Kryptowährung.

Bestätigt wurde diese Sicht scheinbar zuletzt Mitte November: Denn der Bitcoin erzielte sein jüngstes Rekordhoch just an dem Tag, als das US-Arbeitsministerium bekannt gab, dass die Verbraucherpreise so stark wie zuletzt vor 31 Jahren gestiegen waren.

Aber kann eine Anlageklassem, die in den vergangenen sieben Monaten zwischen 65.000 und 30.000 Dollar schwankte, wirklich einen Inflationsschutz bieten? Um diese Fragen zu beantworten, hat das Handelsblatt mit Experten gesprochen und Daten analysiert.

Der deflationäre Charakter des Bitcoins ist nicht wegzudiskutieren.

Timo Emden, Krypto-Analyst

Hinter dem Narrativ, dass der Bitcoin gegen Inflation schützt, steckt folgende Logik: Der Bitcoin ist so programmiert, dass die Anzahl der Coins auf 21 Millionen begrenzt ist. Das Wachstumstempo wird dabei ständig gesenkt: Die Geschwindigkeit, mit der das Bitcoin-Netzwerk neue Coins erzeugt, wird im Schnitt alle vier Jahre automatisch halbiert. „Dieser deflationäre Charakter des Bitcoins ist nicht wegzudiskutieren“, sagt Krypto-Analyst Timo Emden.

Im Gegensatz dazu werden herkömmliche Währungen wie Dollar oder Euro von Zentralbanken ausgegeben. Deren expansive Geldpolitik hat dazu geführt, dass das Geldangebot in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen ist: So ist in den USA die Geldmenge M2 seit Anfang 2018 um mehr als 50 Prozent gewachsen – die Anzahl der Bitcoin im gleichen Zeitraum nur um zwölf Prozent.

Bitcoin wird bei Investoren beliebter

Das begrenzte Angebot an Bitcoin macht ihn offensichtlich auch für Investoren attraktiv. Sie sehen in der Kryptowährung einen Wertspeicher. Ein Indikator für die steigende Nachfrage ist die Menge an Geld, die in Bitcoin-Fonds investiert wird: Seit 2019 sind Berechnungen der US-Bank JP Morgan zufolge netto rund 100 Milliarden Dollar in Bitcoin-Fonds geflossen – mehr als doppelt so viel wie in Gold-ETFs. Das deutet darauf hin, dass Investoren mittlerweile stärker auf die Kryptowährung als das Edelmetall setzen.

Einige Beobachter sehen darin ein Zeichen, dass Anleger die Kryptowährung als Inflationsschutz nutzen. Berenberg-Chef Hendrik Riehmer sagte zuletzt im Handelsblatt-Interview: „Ich glaube, dass die Nachfrage nach Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether im Moment steigt, weil sie als Goldersatz dienen. Investoren wollen sich damit gegen Inflation schützen.“

Das Rekordhoch am Tag der US-Inflationsdaten stärkt diese These auf den ersten Blick. Allerdings zeigt der Blick auf den Tagesverlauf, dass der Bitcoin an diesem Tag zwar nach den Inflationszahlen einen Höchststand erreichte, seine Gewinne aber wieder abgab und sogar knapp drei Prozent im Minus schloss.

Inflationsschutz als Marketing-Argument

Einige Beobachter sehen daher im Zusammentreffen von Inflationszahlen und dem Bitcoin-Rekord schlichtweg einen Zufall. Zudem kritisieren Experten immer wieder, dass das Argument vom Inflationsschutz sich in erster Linie als Marketing-Argument anbiete – vor allem in Zeiten, in denen Anleger durch die steigende Inflation beunruhigt sind.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Frage noch nicht abschließend zu beantworten – der Bitcoin ist dafür noch zu jung, die Datenbasis nicht breit genug. Das betonte vor kurzem auch Marc Chandler, Chefmarktstratege beim Trading-Unternehmen Bannockburn Global Forex, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Ein Blick auf die bisherigen Charts von Bitcoin und Inflation spricht indes gegen einen strukturellen Zusammenhang. Ein Inflationsschutz im klassischen Sinne würde bei steigenden Preisen nominal im Wert steigen. Beim Bitcoin ist das nicht zu erkennen. „Es gibt sowohl Hausse-Phasen bei hoher Inflation als auch bei niedriger“, sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität. Umgekehrt sei der Bitcoin sowohl in Phasen von hoher als auch von niedriger Inflation gefallen.

So liegt die US-Inflation bereits seit März über dem Zielwert der US-Notenbank von zwei Prozent und erreichte schon im Mai die Schwelle von fünf Prozent. In jenem Monat brach der Bitcoin aber um mehr als 30 Prozent ein.

Auch der Vergleich mit anderen Anlageklassen legt nahe, dass das Thema Inflation für die Kursentwicklung nur eine untergeordnete Rolle spielt. So weist der Kurs des Bitcoins dem Finanzdienst Bloomberg zufolge eine verhältnismäßig starke Verbindung zum US-Tech-Index Nasdaq 100 auf. Seit Februar 2020 ist die Korrelation positiv – beide Kurse bewegen sich also tendenziell in dieselbe Richtung.

Einen Inflationsschutz kann nur ein Sachwert bieten. Hinter dem Bitcoin steht aber kein realer Wert.

Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität

Der Nasdaq hat stark von der expansiven Geldpolitik der weltweiten Notenbanken profitiert. Deren Geldschwemme und Niedrigzinspolitik hat zu einem Anlagenotstand geführt, in dessen Folge sich Anleger riskanteren Anlageklassen zuwandten.

Die Bewertung von Technologie-Unternehmen basiert auf Gewinnerwartungen für die Zukunft. Eine hohe Inflation entwertet diese Gewinne aber. Eine negative Korrelation bei hohen Teuerungsraten und entgegengesetzte Kursbewegungen würden also darauf hindeuten, dass Bitcoin als Inflationsschutz fungiert. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen profitiert Bitcoin von einem risikofreudigen Umfeld.

„Einen Inflationsschutz kann nur ein Sachwert bieten. Hinter dem Bitcoin steht aber kein realer Wert“, sagt Brühl. Häuserpreise beispielsweise steigen in der Regel mit der Inflation. Auch Aktien von Unternehmen mit Preissetzungsmacht gelten als Inflationsschutz. Wenn die Kosten steigen, können sie das langfristig über höhere Preise an die Kunden weitergeben.

Bitcoin könnte von neuer Coronavariante profitieren

Der Bitcoin kann natürlich trotzdem in Krisenzeiten steigen. So könnte die Kryptowährung mittelfristig beispielsweise von der neuen Variante des Coronavirus profitieren. Das würde die Kryptowährung aber noch lange nicht zum sicheren Hafen bei Inflation machen. Dahinter steht vielmehr folgender Mechanismus: Sollte die Coronavariante zu neuen Lockdowns führen, würde das die wirtschaftliche Erholung verlangsamen und den Ölpreis und die Inflation drücken. Die Notenbanken könnten daraufhin ihre expansive Geldpolitik länger als bislang aufrechthalten – wovon der Bitcoin profitieren könnte.

Steigende Kurse wiederum ziehen immer neue Anleger an den Kryptomarkt. „Fear of missing out“ heißt das im Jargon, abgekürzt „Fomo“. „Die Gier ist in diesem Bereich relativ groß“, berichtet Krypto-Analyst Emden. Er schätzt den Anteil von Fomo am Kurs bei Top-Bildungen auf rund 20 Prozent. „Bei Korrekturen werden diese ‚schwachen Hände‘ dann regelmäßig aus dem Markt gespült. Deswegen ist der Kurs auch so volatil.“

Die Volatilität, also die Schwankungsbreite, des Bitcoins ist ein weiterer Punkt, der gegen den Bitcoin als Inflationsschutz spricht: Im April lag der Kurs noch bei knapp 65.000 Dollar, stürzte dann ab und lag Mitte Juli noch bei unter 30.000 Dollar, um anschließend auf knapp 69.000 Dollar zu steigen. Das liegt zum einen an der von Emden erwähnten Gier, aber auch an dem begrenzten Bitcoin-Angebot und einer fehlenden Zentralbank, die dieses Angebot kontrolliert.

Bitcoin als mögliche Beimischung fürs Depot

Korrekturen von 20 Prozent sind beim Bitcoin keine Seltenheit. Teuerungsraten von fünf Prozent damit auszugleichen ist eine riskante Wette. Denn die Volatilität des Bitcoins arbeitet in beide Richtungen: Sie ermöglicht enorme Gewinne, birgt beim falschen Einstiegszeitpunkt aber auch die Gefahr hoher Verluste. „Man muss davon wegkommen, dass Krypto ein sicherer Hafen ist“, sagt deshalb Emden. „Wenn wirkliche Risiken da sind, dann fällt kurzfristig auch der Kryptomarkt.“

Langfristig fällt Emdens Bewertung allerdings anders aus: „Die Kursentwicklung ist ja nicht wegzudiskutieren.“ Im Zuge des Coronacrashs fiel der Kurs unter 5000 Dollar, heute liegt er bei rund 58.000 Dollar – ein Plus von 1000 Prozent. Er sieht den Bitcoin deshalb trotzdem als sinnvolle Beimischung fürs Depot – nur nicht als Inflationsschutz. (HB)

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