Absturz statt Aufbruch : Wie Christian Sewing als Chef der Deutschen Bank enttäuschte

Unter Christian Sewing steht die Deutsche Bank so schlecht da wie nie. Von einem Absturz, der ein Aufbruch hätte sein sollen.

Viel Schatten liegt auf dem Geschäft der Deutschen Bank. Der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing ist im April mit viel Vorschusslorbeeren im Amt gestartet - und muss nun eine der größten Krisen des Unternehmens meistern.
Viel Schatten liegt auf dem Geschäft der Deutschen Bank. Der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing ist im April mit viel...Foto: Arne Dedert/dpa

Er hätte der Aufsteiger des Jahres werden können. Doch mittlerweile begegnen Kollegen Christian Sewing fast schon mit Mitgefühl. Es gäbe keinen, der dem „lieben Christian“ nicht die Daumen drücke, ließ sich unlängst der Chef einer anderen Frankfurter Großbank vernehmen. Sewing kommt zwar beim Kostenabbau voran, aber weitere Vergleichszahlungen in den USA, neue Geldwäsche-Skandale und eine Großrazzia Anfang Dezember machen der Bank zu schaffen. Die Aktie stürzte zuletzt auf ein nicht für möglich gehaltenes Tief von 6,85 Euro.

Seit April führt Sewing die Deutsche Bank. Als Hoffnungsträger für den glücklosen John Cryan rückt der 48-Jährige an die Spitze des größten deutschen Geldhauses und sticht dabei Finanzvorstand Marcus Schenck aus, der kurz darauf die Bank verlässt. Die Berufung durch Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner ist eine Überraschung, obwohl Sewing schon seit Anfang 2015 im Vorstand der Bank sitzt und überhaupt bis auf zwei Jahre sein gesamtes Berufsleben bei Deutschlands größtem Geldhaus verbracht hat, angefangen mit 19 Jahren in einer Filiale des Instituts in Bielefeld.

Sewings Karriere zeigt steil nach oben mit Führungsposten in Frankfurt, Singapur, Toronto, Tokio und London. Kaum an die Spitze berufen bläst der vierfache Familienvater vehement zum Aufbruch. Er kündigt harte Entscheidungen an, die dann auch umgesetzt würden. Dass Letzteres zu wenig passierte, war unter anderem seinem Vorgänger Cryan stets vorgehalten worden. „Wir werden kämpfen müssen“, ruft Sewing. Dass er von seinen Beschäftigten forderte, man müsse die „Jägermentalität“ zurückgewinnen, sorgte indes vielfach für Irritationen.

Die Frankfurter Finanzgemeinde signalisiert gleichwohl Unterstützung. „Wir brauchen in Deutschland eine stark und gut aufgestellte Großbank“, heißt es überall in der Szene. Und Raimund Röseler, Exekutivdirektor der Finanzaufsicht Bafin verteilt Vorschusslorbeeren. Man kenne Herrn Sewing und schätze ihn. Der Kurs der Aktie stieg daraufhin im Frühjahr auf fast 12,20 Euro.

Von einer Aufbruchstimmung ist nichts mehr zu spüren

Acht Monate später ist von einer Aufbruchstimmung in der Deutschen Bank nichts zu spüren. Im Oktober bei der Vorlage der Zwischenbilanz verspricht Sewing für 2018 zwar den ersten Gewinn seit vier Jahren. Man habe einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einer nachhaltig profitablen Bank erreicht. Beobachter zweifeln daran. Fortschritte beim Abbau von Kosten und Personal sind ihnen zu wenig. Sie vermissen eine klare Strategie. Der Aktienkurs stürzt auf weniger als neun Euro, Analysten raten zum Verkauf des Papiers.

Es kommt noch schlimmer. In den USA werden weitere Vergleichszahlungen fällig; im November wird erst bekannt, dass die Deutsche Bank in den Geldwäsche-Skandal der dänischen Danske Bank verwickelt ist, weil offensichtlich Milliarden dubioser Gelder über ihre Konten geflossen sind. Wenige Tage später kommt es zu einer Großrazzia. Dutzende von Polizeifahrzeugen stehen vor der Zentrale am Main. 170 Beamte durchsuchen Büros, auch die des Vorstandes. Es geht um die Unterstützung von 900 Kunden beim Transfer von mehr als 300 Millionen Euro in Steuerparadiese. Möglicherweise ist sogar Geld aus Straftaten im Spiel. Die Behörden ermitteln gegen mehrere Beschäftigte der Bank. In einer ungewöhnlichen gemeinsamen Stellungnahme betont die Staatsanwaltschaft, dass die Bank umfassend kooperiere. Erstaunlich bleibt, dass die Vorgänge bekannt wurden, obwohl nicht nur Cryan sondern auch dessen Vorgänger immer wieder in den letzten Jahren den Kulturwandel in der Bank betont hatten.

Dramatischer Absturz der Aktie

Der Kurs der Aktie sackt in den nächsten Tagen dramatisch ab. Kurz vor Weihnachten sind es zeitweise nur noch 6,85 Euro. Es ist ein Minus von fast 43 Prozent seit Sewings Amtsantritt. Unter den 30 Papieren im Deutschen Aktienindex Dax steht die Deutsche Bank in diesem Jahr mit einer Einbuße von fast 60 Prozent ganz am Schluss. Das Institut ist gerade noch 16 Milliarden Euro wert und rangiert weit abgeschlagen hinter den einstigen Konkurrenten in den USA. JP Morgan etwa ist aktuell rund 20 Mal so viel wert wie die Deutsche Bank.

Wieder einmal machen eher absurde Fusionsgerüchte mit der Commerzbank die Runde. Aber aus zwei fußlahmen Instituten wird sicher keine starke Bank. Selbst der gemeinsame rechnerische Börsenwert würde im Übrigen nicht für einen Platz unter den größten 20 Instituten in Europa reichen.

Für Mitte Dezember hat Sewing einen Auftritt im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten zugesagt. Seine Ausführungen und Erläuterungen werden mit Spannung erwartet. Drei Tage vorher kippt die Bank den Auftritt des Chefs kommentarlos, verschiebt ihn auf einen unbekannten Zeitpunkt im nächsten Jahr. Jetzt wird sich Sewing am 1. Februar 2019 erklären müssen. Dann legt er die vorläufige Bilanz für sein erstes knappes Jahr an der Spitze der Bank auf den Tisch.

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