Altersvorsorge : Wie Frauen die Rente retten sollen

Die Finanzierung des Rentensystems wird immer schwerer. Jetzt sollen die Frauen es richten. Sie könnten davon sogar profitieren. Warum das so ist.

Roland Lindenblatt
Hausarbeit ist auch Arbeit. Die Kindererziehung wird bei der Rente berücksichtigt.
Hausarbeit ist auch Arbeit. Die Kindererziehung wird bei der Rente berücksichtigt.Foto: mauritius images

„Die Rente ist sicher“, versprach Norbert Blüm (CDU) 1997 im Deutschen Bundestag. Sinkende Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung belasteten damals die Rentenkassen. Ein Problem, das bis heute nicht gelöst ist.

Am Mittwoch, 21 Jahre später, präsentierte Oliver Ehrentraut, Vize-Direktor des Prognos-Instituts, eine mögliche Lösung: Die Frauen sollen es richten. Im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft hat das private Forschungsinstitut berechnet, wie sich die zunehmende Erwerbstätigkeit von Müttern auf ihre individuelle Rente zum einen und auf die Rentenkassen im allgemeinen auswirkt. „Eine stärkere Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt leistet einen erheblichen Beitrag zur Stabilisierung der Rentenfinanzen“, sagte Ehrentraut in Berlin.

Die Studie rechnet mit zwei möglichen Szenarien. Im ersten steigt die Erwerbsbeteiligung von Müttern wie bisher, so dass im Jahr 2050 dann rechnerisch 71,3 Prozent der Mütter bei gleichen Arbeitszeiten wie heute arbeiten. Für diesen Fall rechnet Prognos mit einem Beitragssatz zur Rentenversicherung von 24,1 Prozent. Das Rentenniveau – die Rente im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen der Versicherten – läge dann bei 40,9 Prozent. Im zweiten Szenario würden sogar 85,5 Prozent der Mütter arbeiten. In diesem Fall rechnen die Ökonomen von Prognos für 2050 mit einem Rentenbeitragssatz von 23,6 Prozent. Das Rentenniveau läge bei 41,6 Prozent. Zum Vergleich: Derzeit arbeiten 66,9 Prozent der Mütter. Der Rentenbeitrag liegt bei 18,6 Prozent, das Rentenniveau bei 47,9 Prozent.

Männer könnten in Zukunft weniger arbeiten

Ute Klammer, Professorin für Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen, bewertet die Ergebnisse der Studie insgesamt positiv, hält aber die Methodik für zu einfach. „Wir gehen davon aus, dass Männer in Zukunft weniger arbeiten möchten“, sagt sie. Das hätte in die Prognosen mit einfließen müssen. Sie hält die Ergebnisse daher für zu optimistisch.

Unabhängig von den Szenarien profitieren Mütter vor allem selbst von ihrer Erwerbstätigkeit. Kehrt eine Frau nach der Geburt zweier Kinder voll in den Beruf zurück, könnte sie eine bis zu 50 Prozent höhere Rente erzielen als eine Mutter, die nach der Kindererziehung in Teilzeit zu arbeitet, schreibt Prognos.

Und was ist mit den Frauen, die sich – zumindest vorerst – ausschließlich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern möchten? Sie hatten in der Vergangenheit das Nachsehen. Vor zwölf Jahren bekamen Frauen im Westen Deutschlands im Schnitt eine Monatsrente von 465 Euro, rund 500 Euro weniger als Männer. Fünf Jahre später hatten sich die Frauenrenten um gerade einmal 30 Euro im Schnitt erhöht, weiß die Deutsche Rentenversicherung – vor allem Folge mangelnder Erwerbstätigkeit. Doch danach hat sich einiges getan. 2016 – neuere Zahlen gibt es nicht – bekamen Frauen in den alten Bundesländern eine Durchschnittsrente von 606 Euro, der prozentuale Anstieg war damit deutlich höher als bei den Männern, die im Schnitt 1078 Euro Rente überwiesen bekamen.

Kindererziehung wird im Rentensystem honoriert

Dass die Renten der Frauen im Westen gestiegen sind, liegt nicht zuletzt an der besseren Honorierung der Kindererziehung im Rentensystem. Für jedes Kind, das ab dem Jahr 1992 geboren wurde, bekommen Mütter in der Rentenversicherung drei Jahre gutgeschrieben. Sie werden so behandelt, als ob sie wie ein Durchschnittsverdiener Beiträge gezahlt haben. Im Westen Deutschlands erhöht jedes nach 1992 geborene Kind die Rente um 93 Euro im Monat, im Osten sind es – wegen der noch immer niedrigeren Rentenwerte – 90 Euro.

Dagegen wurde Müttern älterer Kinder früher nur ein Jahr für die Kindererziehung anerkannt. Nach dem Rentenpaket 2014 waren es dann zwei, im Koalitionsvertrag sind weitere Verbesserungen für Mütter vorgesehen, deren Kinder vor 1992 geboren sind. Im Gespräch sind zwei Varianten: Auch Mütter älterer Kinder sollen drei Jahre anerkannt bekommen, wenn sie mindestens drei Kinder haben. Rentenminister Hubertus Heil (SPD) plädiert dagegen für eine Besserstellung aller Frauen. Er will allen Müttern für Kinder, die vor 1992 auf die Welt gekommen sind, zusätzlich sechs Monate in der Rentenversicherung anerkennen, so dass diese Frauen für jedes Kind künftig 2,5 Beitragsjahre sammeln können.

Wissenschaftler warnen: Rentenreform der großen Koalition nicht tragbar

Doch das ist nur ein Teil der Rentenreformen, die anstehen. Union und SPD wollen die gesetzliche Rente bis zum Jahr 2025 auf dem heutigen Niveau von 48 Prozent absichern und den Beitragssatz nicht über 20 Prozent steigen lassen. Eine Rentenkommission soll die Regierung dabei beraten. Doch schon jetzt schlagen Wissenschaftler Alarm: Um diese Ziele zu erreichen, müssten elf Milliarden Euro aus Steuermitteln fließen, warnt das Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Blieben die Vorgaben bis 2035 unverändert, wären mehr als 80 Milliarden Euro nötig, bis 2018 sogar über 125 Milliarden Euro. „Langfristig ist das nicht tragbar“, sagt Axel Börsch-Supan, einer der Studienautoren. Das Bundessozialministerium weist die Berechnungen zurück. Die Annahmen hätten keinerlei Fundament, heißt es.

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