Wirtschaft : Andreas Freese

(Geb. 1959)||Plakate kleben, Geld zahlen, bluten für Union: Einer muss es ja machen.

Thomas Loy

Plakate kleben, Geld zahlen, bluten für Union: Einer muss es ja machen. Teecee schrieb noch in der Nacht, in der Seemann in seinen Armen starb, einen langen Abschiedsbrief für das Fanforum der „Eisernen“. Er fängt an mit „Liebe Unioner“ und endet mit einem Appell:

„… und verdammt noch mal, genießt das Leben! Sagt Euren Lieben, dass Ihr sie lieb habt, kauft mal wieder ein paar Blumen, knuddelt Eure Kinder und Enkel, besucht mal wieder Eure Eltern, kümmert Euch um Eure Freunde und wie gesagt, genießt das Leben – es kann so beschissen schnell vorbei sein!“

Seemann, auch „der Lange“ genannt, Andreas Freese also, war auf eine Bierkiste geklettert, hatte sich weit über die Balkonbrüstung gelehnt, zu weit, und war in die Tiefe gestürzt. „Ich sah ihn an mir vorbeifallen“, sagt Teecee. Andreas und er wohnten im gleichen Haus. Beide sind Fans des 1. FC Union aus Köpenick, derzeit Regionalliga, 10. Tabellenplatz. Waren schon mal 2. Bundesliga, die Unioner. Früher spielten sie sogar ganz oben mit. Union war nach dem Krieg die beste Berliner Mannschaft, vor Hertha. 1950 allerdings gingen die Spieler geschlossen in den Westen. Ein schwerer Treuebruch gegenüber den Fans. Auch sportlich gesehen eher ein Fehltritt.

Fan sein bedeutet, irgendwo dazuzugehören. Der Verein ist der Ort, wo man sich trifft, Fußball das Thema, über das man spricht. Bei Union ist diese Basis des Beisammenseins durch viele sportliche und finanzielle Krisen immer fester geworden. Geht es dem Verein schlecht, fühlt sich auch der Fan miserabel. Geht das über Jahre, härtet der Fan ab. Er wird „eisern“, wie sie bei Union sagen.

1997 steht der Verein vor dem Aus, Lizenzentzug, drohender Konkurs. In dieser Zeit bildet sich ein „Fanrat“. Andreas Freese wird in den Aufsichtsrat des Clubs gewählt. Das gab es vorher nicht: ein Fan als Mitglied im obersten Kontrollgremium, wo sonst nur Politiker und Unternehmer sitzen. Aber es herrscht eben die blanke Not. 3000 Fans marschieren durchs Brandenburger Tor und rufen „Rettet Union“. Aufsichtsratsmitglied Freese und Manager Hajek plakatieren eigenhändig auf dem Ku’damm für das Freundschaftsspiel gegen 1860 München, damit wieder Geld in die Kasse kommt. Nur knapp entgehen sie einer Anzeige der Polizei.

Im Sommer 2004 steht der Verein erneut vor dem Ruin. „Bluten für Union“ heißt diesmal der Schlachtruf, Worte, die direkt ins Herz eines jeden Unioners dringen und von dort auf die Überweisungsträger. Andreas spendet eine gehörige Summe im vierstelligen Bereich. Das tut ihm weh, aber nur im gemeinsamen Leid ist der Fan dem Verein wirklich nah. Eine Blutsbrüderschaft.

Dezember 2000, Union zwischen Hoffen und Bangen. Die „LüLü-Wochen“ haben den ersehnten Aufstieg in die 2. Liga wieder in weite Ferne gerückt, erst eine Pleite gegen Lübeck, dann noch eine gegen Lüneburg. LüLü ist das Gesprächsthema bei einem privaten Feuerzangenbowleabend kurz vor Silvester. Andreas ist innerlich zerrissen. Wird Union es noch mal packen? Da macht ihm jemand ein Angebot, das er nicht ablehnen kann, weil er in jedem Fall gewinnen wird: „Wetten, dass Union aufsteigt? 1000 Mark.“ Freese hat schon viel Geld mit Wetten auf Union verloren. Diesmal setzt er dagegen. Im Mai 2001 steht der Aufstieg fest, und Andreas muss seine Wettschuld begleichen. Wieder bluten für Union. Ein starkes Gefühl.

Den Spitznamen Seemann bekam er von Teecee, der ihn am längsten kannte. Die beiden waren sich als Jugendliche auf einer Faschingsparty begegnet, hatten sich aber nicht wirklich kennengelernt. Später, bei der Armee, liefen sie sich wieder über den Weg und arbeiteten ihr gemeinsames Faschingserlebnis auf: Sie waren beide als Musiker der Hard-Rock- Band „Kiss“ verkleidet, mit schwarzweiß geschminkten Katzen-Gesichtern. Schon damals waren sie eingeschworene Union-Fans. Und nun machten sie beide die Ausbildung zum Funker. So viele Zufälle kann es gar nicht geben.

Der Union-Saisonzyklus ließ am Wochenende regelmäßig ihren Hormonspiegel steigen. Zusammen entfernten sie sich unerlaubt von der Truppe. Im angrenzenden Wald wechselten sie von Tarnuniform auf Fanuniform und fuhren anschließend mit dem Zug zum Spiel. Ein Männerjux mit Nervenkitzel. Erwischt wurden sie nie.

Andreas hatte sich früh überlegt, was man in der kleinen vermauerten DDR werden sollte: Seemann. Irgendwo zwischen Rostock und Singapur kam dann dieser verrückte Funkspruch: Die Mauer ist offen! Andreas wollte von seinen Mitmatrosen nicht ausgelacht werden. Das Verlesen vor versammelter Mannschaft übernahm sicherheitshalber der Kapitän. Zu Hause beschloss der Seemann, die Seefahrt aufzugeben. Hatte ohne Mauer einfach keinen Reiz mehr.

Die Telekom suchte Fachleute, um das klägliche Fernmeldenetz der DDR aufzurüsten. Das Dasein als Union-Fan hatte wieder eine solide Grundlage.

Andreas war kein hysterischer Fan, sagen die Freunde. Er ging auch auf Rockkonzerte oder kümmerte sich um seine neue Freundin. Er konnte seine Freude herausbrüllen, wenn ein Tor fiel, betrachtete die Vereinsangelegenheiten aber insgesamt mit professionellem Understatement: „Einer muss es ja machen.“ Die Rubrik „Gastvorstellung“ im Vereinsblatt, die Excel-Dateien mit Spielstatistiken, etliche Regalmeter archivierter Programmhefte: Muss jetzt ein anderer machen.

Andreas wollte an seinem letzten Abend noch eine rauchen, stand im Schlafanzug auf dem Balkon. Warum er sich so tief über die Brüstung beugte, weiß niemand. Heute wird er beigesetzt, in einer Unionurne, rot-weiß. Beim 1. FC gibt es einen Spruch: Einmal Union, immer Union.

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