Arbeitsmarkt für Flüchtlinge : Im Beruf gut integriert – und plötzlich abgeschoben

Höflich, fleißig, zuverlässig: Unternehmen integrieren Flüchtlinge in Arbeit und Ausbildung. Dass viele dennoch des Landes verwiesen werden, ruft immer mehr Kritik hervor.

Flüchtlinge sind oft wichtige Hilfen für die Betriebe. Unternehmen protestieren gegen Abschiebung.
Flüchtlinge sind oft wichtige Hilfen für die Betriebe. Unternehmen protestieren gegen Abschiebung.Foto: Jens Büttner/dpa

Aus ihrem Ärger machte Tanja Burkhard keinen Hehl: Es sei eine „absolute Sauerei“, dass ihr Mitarbeiter G. Marof nach Afghanistan abgeschoben worden sei, schimpfte die Geschäftsführerin der Metallverarbeitungsfirma aus dem Allgäu. Jahrelang war der junge Afghane in dem Betrieb in Kaufbeuren tätig gewesen, hatte sich vom Hilfsarbeiter zum Schweißhelfer hochgearbeitet. Er sei „höflich, absolut zuverlässig und fleißig“ gewesen, lobt die Chefin. Der Betrieb hätte ihn gerne zum Schweißer ausgebildet, in der Region herrscht Mangel an Fachkräften. Doch am Morgen des 4. Juli erschien Marof überraschend nicht bei der Arbeit. Er gehörte zu den 69 Flüchtlingen, die an dem Tag nach Afghanistan abgeschoben wurden.

Eine Zeit lang hatte die Bundesregierung Abschiebungen nach Afghanistan auf Straftäter, Gefährder und sogenannte hartnäckige Identitätsverweigerer beschränkt, wegen der angespannten Sicherheitslage. Doch damit ist es nun vorbei, prinzipiell können die Bundesländer wieder jeden abgelehnten Asylbewerber zur Abschiebung melden. Bayern machte bei der letzten Sammelabschiebung davon in besonderem Umfang Gebrauch: Mit 51 Personen stelle der Freistaat „den Löwenanteil“, verkündete Innenminister Joachim Hermann (CSU) stolz.

Unverständnis über Abschiebung

Die meisten Männer, die in dem Flieger nach Kabul saßen, waren keine Straftäter, sondern junge Afghanen, die dabei waren, sich in Deutschland zu integrieren. Zu ihnen gehörte auch Esam M., dem eine Münchner Konditorei nach einem Praktikum eine Ausbildungsstelle angeboten hatte. Obwohl die Firma vor einem halben Jahr den Antrag bei den zuständigen Behörden stellte, erhielt der junge Mann keine Ausbildungsgenehmigung, sondern wurde nun abgeschoben. Bei den betroffenen Firmenchefs, die Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ als Auftrag verstanden hatten, stößt das auf Unverständnis.

So auch bei Jürgen Burkhard, Inhaber des Metallbetriebs im Allgäu. Sein Unternehmen habe wie viele andere die Herausforderung der Integration von Flüchtlingen in Arbeit gerne angenommen, sagt er. In Bayern seien bislang mehr als 60.000 Flüchtlinge in Arbeit und 8000 Flüchtlinge in Ausbildung integriert worden. G. Marof habe in seinem Betrieb mit 175 Mitarbeitern zur Stammbelegschaft gehört, sein Arbeitsplatz sei nun unbesetzt. Hier müsse besser differenziert werden, fordert Burkhard. „Es muss möglich sein, dass ein unbefristet Beschäftigter, der sich selbst finanziert und die deutsche Sprache erlernt hat, bei uns bleiben kann“, sagt er. „Wir brauchen die Möglichkeit eines Spurwechsels von der Flüchtlingsintegration zur Zuwanderung in unseren Arbeitsmarkt.“

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Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, fand in der "Bild"-Zeitung noch klarere Worte. Er bezeichnete die derzeitige Abschiebepraxis als "völlig unsinnig". "Wer bereits im Land ist, muss aus dem Asyl-System ins System der Einwanderung von Fachkräften wechseln können", sagte Hüther. "Bisher verhindert das Gesetz diesen Spurwechsel. Ist der Krieg im Herkunftsland vorbei, droht, dass ein oft gut integrierter, geschätzter Kollege mit sicherem Einkommen das Land verlassen muss. Das überzeugt nicht, es ist volkswirtschaftlicher Unsinn!"

Initiativen fordern Bleiberecht

Auch in Baden-Württemberg haben sich mittlerweile mehr als 100 Unternehmen zu einer Initiative zusammengeschlossen, die ein Bleiberecht für Flüchtlinge mit einem festen Arbeits- oder Ausbildungsplatz fordert. Der Outdoor-Hersteller Vaude gehört dazu, die Schraubenfirma Würth, die Brauerei Härle, etliche Handwerksbetriebe, zusammen beschäftigen sie mehr als 2000 Flüchtlinge. Gemeinsam haben sie sich vor einigen Wochen an Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) gewandt.

Ihre Botschaft an die Politik ist eine doppelte: Mit der Beschäftigung von Flüchtlingen sorgten sie dafür, dass Integration gelinge („auch ein wichtiger Beitrag, dem Anstieg von Kriminalität, einer sozialen Spaltung und Ausländerfeindlichkeit entgegenzuwirken“). Gleichzeitig hätten auch die Unternehmen etwas davon, in Zeiten akuten Mangels an Auszubildenden und Arbeitskräften. Die angestellten Flüchtlinge leisteten einen „wichtigen Beitrag“, um den laufenden Betrieb aufrechtzuhalten und weiteres Wachstum zu ermöglichen, heißt es in einem Brief an den Innenminister.

Der CDU-Mittelstandspolitiker Carsten Linnemann kann den Ärger der Firmenchefs zwar nachvollziehen. Einen „Spurwechsel“ findet der Bundestagsabgeordnete dennoch falsch. „Das würde nur dazu führen, dass mehr Menschen das Asylsystem nutzen, um hier einen Job zu suchen“, sagt der Unions-Fraktionsvize. Asylrecht und Einwanderungsrecht sollten nicht vermengt werden, fordert Linnemann. „Was wir endlich brauchen, ist ein Einwanderungsgesetz.“

Markus Söder will bayerische Abschiebepraxis mildern

Die Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben hingegen unterstützt die Initiative der Unternehmen. Hauptgeschäftsführer Peter Jany hofft, dass sich durch den Austausch zwischen betroffenen Unternehmen und Politik ein „praktikabler Weg“ finden lasse, mit dem Problem umzugehen. „Die Unternehmen investieren Geld, Zeit und Engagement in diese Menschen“, sagt er. Durch die Abschiebepraxis und wegen der damit verbundenen Unklarheiten stünden sie oftmals vor großen Herausforderungen, sagt Jany: „Sie fühlen sich hierbei alleingelassen.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) jedenfalls schlägt mittlerweile versöhnlichere Töne an – womöglich auch wegen der massiven Proteste gegen die bayerische Abschiebepraxis. Während CSU-Chef und Bundesinnenminister Horst Seehofer sich selbst noch vor Kurzem dafür gelobt hatte, dass ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben worden seien, kündigte Söder nun an, bei gut integrierten Flüchtlingen solle eine bessere Balance gefunden werden. Bayern werde Asylbewerbern bei „erbrachter Integrationsleistung“ künftig eher die Aufnahme von Arbeit oder Ausbildung ermöglichen, es werde eine „offenere Auslegung“ des Rechts geben. (mit AFP)

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