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Vytenis Andriukaitis ist EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

© Kai-Uwe Heinrich

EU-Gesundheitskommissar Andriukaitis: "Bei der Gesundheit muss das Profitstreben aufhören"

Vytenis Andriukaitis im Interview über vegane Currywurst, Strafsteuern für Zucker und Salz und den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft.

Herr Andriukaitis, haben Sie schon mal vegane Currywurst gegessen?

Ehrlich gesagt, nein. Ich bin da ein bisschen konservativ. Veganes Fleisch oder vegetarische Wurst, solche Dinge finde ich irgendwie merkwürdig. Aber so etwas ist ja jetzt in Mode. Was ich wichtig finde, ist, dass die Lebensmittel vernünftig deklariert werden. Die Verbraucher müssen wissen, was sich dahinter verbirgt.

Agrarminister Schmidt hält vegane Chicken Nuggets oder vegetarische Buletten für eine Irreführung der Verbraucher und möchte die Bezeichnung verbieten. Er sagt aber, dafür brauche er die EU. Helfen Sie ihm?

Aber dafür braucht er mich doch gar nicht. Wir haben eine EU-Richtlinie über die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Danach kann jedes Mitgliedsland für sich gegen Verbrauchertäuschung beim Essen vorgehen.  Deutschland kann die Bezeichnung „vegane Currywurst“ also schon jetzt verbieten, wenn die Regierung eine  Irreführung der Verbraucher belegen kann. Auf EU-Ebene arbeiten wir an Regeln für die Bereitstellung von Informationen über die Eignung eines Lebensmittels für Vegetarier oder Veganer, um sicherzustellen, dass diese Informationen den Verbraucher nicht in die Irre führen oder missverständlich sind. Mit einem Verbot von bestimmten Bezeichnungen hat das aber nichts zu tun.

Kann veganes Essen Kindern und Jugendlichen schaden?

Ich bin Arzt, und ich weiß: Die Menschen durchlaufen verschiedene Entwicklungsstufen. Je nach Lebensalter  brauchen sie verschiedene Zutaten, Mineralien, Vitamine, Proteine. Bei Kindern und Jugendlichen drohen sehr schnell Mangelerscheinungen. Jede einseitige Ernährung ist gefährlich, vor allem aber in der Kindheit.  Wer auf wichtige Stoffe verzichtet, spielt mit seiner Gesundheit. Und: Vegane Ernährung ist ja nicht unbedingt gesünder.

Warum nicht?

Veganes Essen kann viel Rohkost beinhalten, die ist naturgemäß empfindlich  für Infektionsquellen -  Bakterien, Viren und Pilze. Bei verarbeiteten Lebensmitteln stellen sich diese Probleme nicht so sehr, die sind doch ziemlich sicher.

Darf der Staat die Menschen bevormunden?

Höhere Steuern auf Zucker, Salz und Fett: Der EU-Kommissar hält das für gut.

© picture alliance / dpa

Viele Menschen essen zu süß, zu salzig oder zu fett. Sollte sich der Staat da einmischen und etwa höhere Steuern auf ungesunde Lebensmittel erheben?

Wenn es um die Gesundheit geht, muss das Profitstreben ein Ende haben.  Vor 40 Jahren hätten Sie frische Tomaten nach zwei Tagen nicht mehr verkaufen können, die wären vergammelt. Heute liegen sie eine Woche oder noch länger im Regal. Verarbeitete Lebensmittel enthalten heute viel mehr Zucker, Salz und Zusatzstoffe als früher. Sie sehen hübsch aus, halten sich, und sie sind billig. Die Ernährungswirtschaft will günstige, sichere Lebensmittel. Aber die Frage ist  doch: Können wir auch erschwingliche Lebensmittel produzieren, die gesünder sind als die Massenware heute? Das ist eine Aufgabe für die Regierungen.

Inwiefern?

Salz, Zucker und Fette sind Risikofaktoren, wie Alkohol und Zigaretten auch. Die Menschen müssen weniger Fett, Salz, Fett, Tabak und Alkohol zu sich nehmen. Das ist eine Herausforderung für alle: Die Ernährungsindustrie muss weniger Salz, Fett und Zucker verwenden. Ich habe nichts gegen eine  Politik, die Steuern für ungesunde Nahrungsmittel wie Zucker, Salz oder Fett erhöht und Werbung sowie Verkauf reguliert. Fällt Ihnen auf, wie viele Süßigkeiten  immer noch  auf Augenhöhe von Kindern in der Quengelzone an der Kasse liegen?

Aber ist es nicht die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder zu erziehen?

Gesundes Essen ist eine Aufgabe für die Eltern, die Händler, die Hersteller, die Politik, NGOs, praktisch für jeden. Alles und alle müssen ineinander greifen. Es gibt viele Instrumente für eine bessere Prävention.  Fehlernährung führt zu Krebs, zu Herz-Kreislaufproblemen, Schlaganfällen und Diabetes.  Die Menschen nehmen das auf die leichte Schulter, sie werden erst wach, wenn sie krank werden. Aber dann ist es oft zu spät.

"Die grüne Gentechnik ist der richtige Weg"

Bayer will Monsanto kaufen: Die EU wird sich den Deal sehr genau anschauen, sagt Andriukaitis.

© AFP

Sie haben das Profitstreben der Konzerne kritisiert. Wie sehen Sie die geplante Übernahme von Monsanto durch Bayer?

Das fällt in den Verantwortungsbereich meiner Kollegin,  Wettbewerbskommissarin Vestager. Aber ich weiß, dass sie sich das sehr, sehr genau ansehen wird. Das neue Unternehmen hätte ja einen enormen Einfluss auf das Saatgut- und Pestizidgeschäft und auf die Bauern. In Deutschland sieht man den Einsatz von Pestiziden ja besonders kritisch. Aber dasselbe gilt für grüne Gentechnik, also für neue Pflanzen, die ohne Pestizide auskommen. Auch dagegen gibt es bei Ihnen eine große Skepsis. Unterm Strich führt das aber zu einer Blockade.

Sehe ich das richtig: Sie unterstützen die grüne Gentechnik?

Ja, wissenschaftlich gesehen, ist das der richtige Weg. Man braucht keine Pestizide, das ist doch gut. Es gibt heute Trauben, die komplett ohne Pestizide und Fungizide auskommen. Aber was passiert? Gentechnisch veränderte Pflanzen werden als „Frankenstein-Food“ gebrandmarkt. Wir brauchen eine viel offenere Diskussion.

Was ist mit dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, eines der Hauptprodukte von Monsanto? Die EU will in diesem Jahr entscheiden, ob es weiter eingesetzt werden darf oder nicht.

Wir warten noch auf die Einschätzung der EU-Chemikalienagentur ECHA,  ob Glyphosat nun krebserregend ist oder nicht. In der Vergangenheit gab es  unterschiedliche Stellungnahmen. Die Frage ist: Wie wahrscheinlich ist es, dass Glyphosat Krebs erzeugen kann? Ist das eine Frage der öffentlichen Meinung?  Kann man das Risiko managen oder nicht? Mein Job ist, eine Entscheidung auf Basis der Fakten zu fällen.

Vyentis Andriukaitis (65) ist seit 2014 EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Vor seinem politischen Aufstieg hatte der Litauer fast 20 Jahre als Arzt gearbeitet, darunter von 1985 bis 1993 als Kardiochirurg in Vilnius. Die politische Karriere des Sozialdemokraten begann parallel zum Arztberuf. Seit 1988 ist er parteipolitisch engagiert, 2012 wurde er Gesundheitsminister Litauens.

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