Das nächste Waldsterben : Ist der deutsche Wald noch zu retten?

Der Wald leidet unter Dürre, Bränden, Stürmen und dem Borkenkäfer. Alle wollen ihm helfen. Fragt sich nur, wie?

Das war einmal ein Wald: Die Fichten im Nationalpark Harz sind vertrocknet.
Das war einmal ein Wald: Die Fichten im Nationalpark Harz sind vertrocknet.Foto: dpa

Das Überleben im Wald ist keine leichte Sache - wenn man ein Baum ist. Rehe knabbern die jungen Triebe an. Borkenkäfer und Misteln versuchen, sich durch die Rinde zu bohren, um an das Wasser im Baum zu kommen. Stürme knicken schwache Bäumchen um wie Zahnstocher. Waldbrände haben allein im vergangenen Jahr eine Fläche vernichtet, die so groß ist wie 3300 Fußballfelder. Und dann ist da auch noch die Dürre, unter der vor allem der Osten Deutschlands leidet. Die Bäume haben Durst, aber sie finden kein Wasser.

"Selbst 180 Jahre alte Buchen vertrocknen von oben und von unten", sagt Bundeswaldministerin Julia Klöckner (CDU). Dabei gilt die Buche doch als der Paradebaum für eine natürliche Vegetation. Doch sie hat ein Problem: Ihre Wurzeln sind zwar weit verzweigt, aber sie reichen nicht besonders weit in die Tiefe. Für das zweite Dürrejahr in Folge ist der Baum, dessen schattige, märchenhafte Wälder Wanderer und Radfahrer an der ostdeutschen Ostseeküste bei Rostock oder in Usedom gleichermaßen anziehen, nicht so gut gewappnet wie man gehofft hatte.

Die Rettung? Traubeneichen können Hitze und Dürre verkraften.
Die Rettung? Traubeneichen können Hitze und Dürre verkraften.Foto: picture alliance / dpa

Neue Bäume müssen her, glaubt Klöckner. Am 25. September will sie einen Waldgipfel veranstalten, auf dem wichtige Fragen geklärt werden sollen: Wie kann man den deutschen Wald klimafreundlich umbauen? Wie viel Geld ist dazu nötig? Wer soll es bekommen?

Das ist schwieriger als man denkt. Denn der Baum, den man heute pflanzt, steht noch in 70 oder 80 Jahren da, falls er überlebt. Douglasien, Küstentannen, Rot- und Pflaumeneichen gelten derzeit als heiße Kandidaten für das neue Gesicht des deutschen Waldes. Doch wer weiß schon, wie sich das Klima entwickelt, wie sich die neuen Sorten bewähren und ob sie sich mit den Bäumen, die derzeit im Wald stehen, vertragen.

Deutschlands bekanntester Förster plädiert dafür, den Wald in Ruhe zu lassen. "Der Wald soll sich so entwickeln, wie er will", meint der Buchautor Peter Wohlleben. Auch im Bundesumweltministerium ist man dafür, mehr Urwald zuzulassen. Fünf Prozent der Gesamtwaldfläche sollten naturbelassen bleiben, forderte Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth kürzlich im Tagesspiegel-Interview, in etwa eine Verdopplung zu heute. Andreas Bolte vom staatlichen Thünen-Institut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, sieht das anders. Er warnt vor Erosionen und dem Verlust der Fruchtbarkeit im Boden. "Die Wälder sterben nicht", sagt der Waldökonom, "sie verändern sich. Wir können zuschauen oder steuern".

Keine Pauschallösung: Man müsse für jeden Standort die richtige Lösung finden, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU).
Keine Pauschallösung: Man müsse für jeden Standort die richtige Lösung finden, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner...Foto: dpa

Im Müritz-Nationalpark ist man fürs Zuschauen. Und hat damit gute Erfahrungen gemacht. Gesunde Bäume schaffen es, sich gegen ihre Feinde zu wehren, zumindest gegen einige, darunter den schlimmsten Schädling - den Borkenkäfer. Denn wenn die Rinde des Baums hart ist, tut sich der Käfer schwer durchzukommen. Schafft er es dennoch, sich durchzukämpfen, verschließen intakte Bäume die Wunden schnell mit Harz. Hinzu kommt: "Die Schäden breiten sich nicht weit aus, wenn der Wald gesund ist", sagt eine Rangerin.

Angst um den deutschen Wald: in den 80er Jahren setzen Industrieabgase den Bäumen zu.
Angst um den deutschen Wald: in den 80er Jahren setzen Industrieabgase den Bäumen zu.Foto: Imago

Doch der Wald ist eben nicht gesund. 90 Milliarden Bäume stehen in Deutschland, ein Drittel des Landes ist von Wald bedeckt, 11,4 Millionen Hektar sind Wald. Meist ist es Nadelwald. In Deutschland dominiert die Fichte. 26 Prozent aller Bäume sind Fichten. Die Fichtenwälder stammen noch aus der Nachkriegszeit, als es darum ging, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Holz zu bekommen. Fichten wachsen schnell, sind aber anfällig gegen Dürren, weil sie nur flache Wurzeln bilden. Jetzt sind sie gestresst und leichte Beute für den Fichtenborkenkäfer. Der vermehrt sich zu allem Unglück wegen der warmen Temperaturen gerade besonders schnell.

Plantagenland nennt Förster Wohlleben den deutschen Wald.

Auf Platz zwei der häufigsten Bäume steht die Kiefer, die vor allem in Brandenburg dominiert. Nur 47 Prozent der deutschen Wälder sind Laubwälder, doch wie man an Buche und Birke sieht, haben auch sie zu kämpfen.

Grafik: AFP

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) spricht bereits vom Waldsterben 2.0. Dem zweiten Waldsterben nach der großen Krise in den 80er Jahren.

Das Waldsterben fand nicht statt

Die Menschen im Westen des Landes fürchteten um ihren Wald. Bilder von dürren Stämmen, entlaubten Ästen und kahlen Landschaften schockten die Seelen der deutschen Waldliebhaber. Schwefel- und Stickoxide aus Industrie- und Autoabgasen schädigten die Pflanzen und übersäuerten den Waldboden. Der saure Regen setzte den Bäumen zu. Doch der Wald überlebte - dank verschärfter Abgasvorschriften für Industrieanlagen, Rauchgasentschwefelungsanlagen für Braunkohlekraftwerke und der Katalysatorpflicht für Autos. Und auch der Zusammenbruch der Industrien in der DDR und anderen Ostblockstaaten setzte zwar den Bürgern vor Ort zu, verschaffte dem Wald aber wieder Luft.

Umweltschützer fordern, dass Deutschland die neue Waldkrise nutzen soll. Die Ökosysteme müssten naturnäher und anpassungsfähiger werden, fordert der Naturschutzbund (Nabu). "Anstatt aktionistisch Geld mit der Gießkanne zu verteilen, sollte Julia Klöckner eine naturorientierte Waldwirtschaft unterstützen", fordert Nabu-Präsident Olaf Tschimpke.

Über 600 Millionen Euro sind als Hilfen geplant

Über 600 Millionen Euro sind derzeit als Finanzhilfen für die nächsten vier Jahre vorgesehen, sagt Klöckner. Über den gesamten Finanzrahmen und die Verteilung der Gelder soll auf dem Waldgipfel entschieden werden. Eines macht die Ministerin aber schon jetzt klar: Das Geld soll helfen, den Wald im Interesse der Allgemeinheit so umzubauen, dass er den Klimawandel übersteht. "Es geht nicht um Dürrehilfen für Waldbesitzer".

Doch die hoffen sehr wohl auf Unterstützung aus dem Ministerium. Rund 2,3 Milliarden Euro seien nötig, um das tote Holz aus dem Wald zu räumen und neue Bäume zu pflanzen, sagt Hans-Georg von der Marwitz, Präsident des Waldeigentümerverbands.

Die Herausforderungen sind gewaltig. Schon im vergangenen Jahr fielen 32 Millionen Festmeter Schadholz an, in diesem Jahr ist es mindestens genauso viel. Es handelt sich um das größte Schadensereignis seit dem zweiten Weltkrieg, meint Bolte. Die Großschäden drücken auf die Preise. Nur noch 25 bis 40 Euro gibt es für den Festmeter, vor einigen Jahren waren es noch 80 bis 150 Euro. Hinzu kommt, dass Sägebetriebe und die Holzindustrie gern frisches, normiertes Holz haben, das sie leichter weiterarbeiten können. Selbst wenn es um Transportkisten geht, in denen deutsche Maschinen ins Ausland exportiert werden. Andere Länder fürchten nämlich, sich sonst den Borkenkäfer einzuschleppen, weiß Agrarministerin Julia Klöckner.

Der Feind: Der Borkenkäfer setzt den Bäumen schwer zu.
Der Feind: Der Borkenkäfer setzt den Bäumen schwer zu.Foto: dpa

Die Ministerin will helfen. Das tote Holz soll aus dem Wald geholt werden, damit sich dort nicht der Borkenkäfer einnistet - obwohl Umweltschützer betonen, dass das tote Holz Insekten, Pilzen und Vögeln Lebensraum spendet und Kohlenstoff und Nährstoffe speichert. Notfalls hilft die Bundeswehr beim Abtransport. Sachsen und Sachsen-Anhalt haben schon um militärischen Beistand gebeten. Denn von den zwei Millionen Waldbesitzern, die es in Deutschland gibt, sind viele kleine Eigentümer, die sich um ihren Forst nicht kümmern oder nicht kümmern können. Auch eine neue Holzbauoffensive soll helfen, sagt Klöckner. Sie will, dass wieder mehr Holz verbaut wird. Das hilft nicht nur der Forstwirtschaft, sondern auch dem Klima. Holz speichert CO2. Ohne den Wald gäbe es 14 Prozent mehr CO2 in Deutschland.

Setzlinge gibt es genug

Zentrales Element in der Waldrettung ist die Wiederaufforstung. Setzlinge gibt es genug, haben die Baumschulen der Ministerin versichert. Eine Miliarde Pflanzen stehen bereit. Leider fehlt es an Menschen, die die Bäumchen einpflanzen können. Denn in vielen Regionen mangelt es an Forstarbeitern. Hinzu kommt: Pflanzen kann man nur im Herbst und im Frühling und auch nur dann, wenn genug Feuchtigkeit im Boden ist.

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Doch womöglich kommt Hilfe von unerwarteter Seite: den Bürgern. Sie bekomme viel Post von Schulklassen, die dem Wald helfen wollen, sagt die Ministerin. Und vielleicht würde es auch Bürgerinitiativen geben, die anpacken wollen.

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