Dax-Aufsichtsräte : Es geht aufwärts mit dem Frauenanteil

Der Frauenanteil in Dax-Aufsichtsräten ist auf über 30 Prozent gestiegen. Bei den Vorständen aber gibt es Nachholbedarf. Die Politik droht mit Sanktionen.

Im Vorstand der Deutschen Telekom sind mit Claudia Nemat (l.) und Birgit Bohle verhältnismäßig viele Frauen.
Im Vorstand der Deutschen Telekom sind mit Claudia Nemat (l.) und Birgit Bohle verhältnismäßig viele Frauen.Foto: picture alliance/dpa

Langsam ändert sich was – wenn auch nur durch Zwang. So könnte man das Ergebnis einer neuen Studie zusammenfassen, die die Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (kurz FidAR) am Donnerstag veröffentlicht hat. Untersucht hat sie die Entwicklung der Frauenquote auf der Führungsebene der großen Aktienunternehmen. Vier Jahre nach Inkrafttreten der gesetzlichen Quote ist der Anteil der weiblichen Aufsichtsräte erstmals über 30 Prozent gestiegen. Lag der Wert 2015 bei den 185 großen im Dax, M-Dax und S-Dax notierten Unternehmen noch bei 19,9 Prozent, wurde mit Stichtag 1. Januar 2019 ein Anteil von 30,9 Prozent erreicht.

Immer wieder war in den vergangenen Jahren über die Notwendigkeit einer solchen Quote diskutiert worden, die Wirtschaft hatte sich lange gegen die Pläne gesträubt und auf Freiwilligkeit gesetzt. Für die Autoren der neuen Untersuchung ist diese Debatte nun endgültig geklärt. „Der WoB-Index zeigt deutlich, dass leider nur gesetzlicher Druck zu messbaren Veränderungen führt“, sagte FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow.

Tatsächlich zeigen die Details der Studie, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den 105 Unternehmen gibt, die unter die gesetzliche Regularien der Frauenquote fallen, und den Konzernen, die keine Sanktionen bei einer Missachtung der Quote zu befürchten haben. So stieg der Frauenanteil bei Ersteren seit 2015 um 12,5 Punkte auf 33,9 Prozent, bei den Firmen mit freiwilliger Verpflichtung im gleichen Zeitraum aber nur um 7,9 Punkte auf 21,6 Prozent. Das 2015 verabschiedete Gesetz verpflichtet Unternehmen, die sowohl an der Börse notiert als auch mitbestimmungspflichtig sind, fixe Geschlechterquoten von mindestens 30 Prozent für die Aufsichtsräte zu erfüllen.

och noch immer ist der Aufsichtsrat für Frauen das Ende der Karriereleiter. Obwohl die Rekrutierung der Vorstandsposten traditionell über die Aufsichtsräte erfolgt, bleiben über 90 Prozent der Vorstandssitze, so die Ergebnisse des WoB-Index, von Männern besetzt. Frauenministerin Franziska Giffey hat gemischte Gefühle gegenüber der Entwicklung: „Unser Gesetz wirkt. Den starken Anstieg des Frauenanteils in Deutschlands Aufsichtsräten hätten wir ohne den gesetzlichen Druck nie erreicht.“ Gleichzeitig kritisierte sie den geringen Anteil von Frauen in Vorständen deutlich. „Die zähe Entwicklung in den Vorständen grenzt an eine Verweigerungshaltung.“ Die SPD-Politikerin kündigte an, Druck auf die Unternehmen erhöhen zu wollen. „Wer weiterhin die Zielgröße „null“ meldet und dies nicht plausibel begründet, muss mit Sanktionen rechnen“, sagte Giffey. Gemeinsam mit der neuen Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) wolle sie dafür einen Gesetzentwurf vorlegen, der auch von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützt werde.

Dax-Unternehmen wie Bayer, Linde oder Heidelberg Cement leisten sich eine Null-Quote

Ein Gesetz scheint sogar bei vermeintlichen Vorreitern der Frauenquote notwendig. Bei Cewe, dem größten Fotodienstleister Europas, liegt die Quote im Aufsichtsrat bei 58 Prozent. Im Vorstand dagegen findet sich keine Frau. Warum das Unternehmen mit Sitz in Oldenburg trotz qualifizierter, weiblicher Aufsichtsräte keine in den Vorstand bestelle, wurde auf Nachfrage nicht beantwortet. Doch Cewe ist nicht allein. Dax-Unternehmen wie Bayer, Linde oder Heidelberg Cement leisten sich alle eine Null-Prozent-Quote.

Als Begründung zählen Unternehmen meist denselben Grund auf: keine qualifizierten Frauen. So heißt es beispielsweise im Geschäftsbericht 2018 der Heidelberg Cement, deren siebenköpfiger Vorstand rein männlich besetzt ist: „Hintergrund dieser Entscheidung ist, dass bisher noch keine Frauen im Unternehmen identifiziert werden konnten, die in diesem Zeitraum die Anforderungen für die Besetzung einer Vorstandsposition unserer Gesellschaft erfüllen würden.“

FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow fürchtet, dass sich die Vorstandsanteile in naher Zukunft kaum verändern dürften. Aus den Geschäftsberichten gehe hervor, dass 69 Unternehmen, die derzeit keine Frau im Vorstand haben, dies auch nicht für die nächsten Jahre zu ändern planen. „Zu viele Unternehmen scheinen die Zielgrößen weiterhin nicht ernst zu nehmen“, sagte sie.

Dass die gesetzliche Quote zu einem langsamen Umdenken in der Wirtschaft führe, beschreibt auch eine Studie der Allbright Stiftung, die sich für mehr Diversität in Führungspositionen einsetzt. Die Untersuchung aus dem April kam unter anderem zu dem Schluss, dass die Besetzung der Aufsichtsratsplätze „professioneller und transparenter“ geworden sei. „Die Aufsichtsratsmitglieder kommen nicht mehr in erster Linie aus dem persönlichen Netzwerk der Eigentümer, es werden Kompetenzprofile erstellt, fast immer sind Headhunter involviert.“

Trotzdem seien die Top-Positionen wie Aufsichtsratsvorsitz mit 94 Prozent oder Vorstand mit 91 Prozent praktisch für Männer gebucht. Dadurch entstehe ein Teufelskreis, so die Autoren: „Der Aufsichtsratsvorsitzende und der Vorstandsvorsitzende rekrutieren – bewusst oder unbewusst – jüngere Kopien von sich selbst und schaffen so in Geschlecht, Alter, Herkunft und Ausbildung extrem homogene Vorstände. Frauen und Ostdeutsche fallen dabei durchs Raster.“

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