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Stephan Schwarz ist seit 2003 Präsident der Berliner Handwerkskammer und führt das Gebäudereinigungsunternehmen GRG.
© imago/Mauersberger

Kammerchef Stephan Schwarz: „Dem Handwerk geht es sehr gut“

Der Präsident der Berliner Handwerkskammer, Stephan Schwarz, spricht über volle Auftragsbücher, Probleme mit den Behörden und die Zukunft von Tegel.

Herr Schwarz, wie ist die Lage?

Alles in allem sehr gut. Fast 90 Prozent der Berliner Handwerksbetriebe bewerten ihre Geschäftslage als gut oder zufriedenstellend. Die Auftragsreichweite beträgt im Schnitt zehn Wochen, einzelne Betriebe haben Aufträge für ein volles Jahr. Das bemerken dann leider auch die Kunden. Die gute Lage versperrt aber auch den Blick auf die Herausforderungen.

Die da wären?

Vor allem die Digitalisierung. Da gibt es gewaltige Umwälzungen. Der 3D-Druck zum Beispiel hat das Zeug, fast alle Teilbranchen zu verändern, nicht nur die klassischen Baugewerke. Sogar Kunsthandwerk, Gold- und Silberschmiede, oder das Lebensmittelhandwerk müssen sich darauf einstellen.

Nun muss ja nicht jeder Betrieb den Computer neu erfinden. Was tut die Kammer, um zu helfen?

Wir bieten Fortbildungen und Veranstaltungen rund um das Thema an. Auch unsere Betriebsberater bieten ihren kostenlosen Service. Aber wir wissen auch: Wenn das Geschäft brummt, dann fehlt manchem Inhaber die Muße, sich abends noch mit neuen Technologien zu beschäftigen.

Einige Handwerksbetriebe sind aber auch sehr aktiv.

Ja, einige Firmen befassen sich zum Beispiel mit der Plattformwirtschaft und bieten ihre Dienste über Portale an oder kooperieren mit Start-ups. Aber es gibt eben auch völlig neue Geschäftsmodelle, die bisher keine Anknüpfungspunkte zum Handwerk hatten. Als Kammer wollen wir den Betrieben aufzeigen, was da noch alles auf sie zukommt.

Vielleicht befassen sich Firmeninhaber mehr mit der Digitalisierung, sobald die Konjunktur wieder nachlässt.

Ja, so wird es wohl sein. Aber dann ist es für manchen vielleicht schon zu spät. Im Heizungsbau zum Beispiel gibt es Firmen ohne handwerklichen Background, die mit sehr standardisierten Produkten und schlanken Prozessen dahinter den Markt aufrollen könnten. Dabei ist ja die Stärke des Handwerks die individuelle Lösung, die Maßanfertigung.

Unabhängig von der Herausforderung der Digitalisierung. In welchen Segmenten läuft es derzeit nicht so gut?

Es geht durch fast alle Gewerbe gut. Sogar im Kfz-Bereich, wo es schwierige Jahre gab. Der einzige Bereich, den man ausklammern muss, sind die Gesundheitsgewerbe, also Optiker, Hörgeräteakustiker, Orthopädiemechaniker zum Beispiel. Die sind abgekoppelt, weil sie so stark gesetzlich reglementiert sind und stark von der Einkaufspolitik der Krankenkassen abhängen.

Eine Hilfe fürs Handwerk ist auch das Schulsanierungsprogramm des Senats über fünf Milliarden Euro. Wie viel davon wird am Ende wirklich bei den Firmen landen?

Das hängt davon ab, wie es gemacht wird. Schafft es der öffentliche Auftraggeber, die Aufträge schnell zu erteilen? Da gibt es ja Ideen, dass der Senat den Bezirken die Koordinierung abnimmt. Das ist im Prinzip vernünftig, weil unsere Erfahrung ist, dass Bezirke mit der Koordinierung größerer Baumaßnahmen personell oft überfordert sind. Ich mache mir aber Sorgen, dass derartige Strukturveränderungen sehr lange dauern. Es dauert vier bis acht Monate, bis eine Planungsstelle neu besetzt ist.

Wovon hängt es noch ab?

Ob die öffentliche Hand es schafft, für Handwerksbetriebe als Kunde wieder attraktiver zu werden. Derzeit müssen jedes Mal viele vergabefremde Kriterien überprüft werden – vom Umweltschutz bis zur Frauenförderung. Immer müssen extrem viele Nachweise geliefert werden. Gerade in Zeiten voller Auftragsbücher fragt sich mancher Betrieb, ob er sich so viel Bürokratie antun will. Man hört immer öfter von öffentlichen Aufträgen mit großen Volumen, die kaum Angebote bekommen.

"Viele gute Gründe, Tegel zu schließen"

Stephan Schwarz ist seit 2003 Präsident der Berliner Handwerkskammer und führt das Gebäudereinigungsunternehmen GRG.
Stephan Schwarz ist seit 2003 Präsident der Berliner Handwerkskammer und führt das Gebäudereinigungsunternehmen GRG.
© imago/Mauersberger

Wir sind im Wahlkampf – in Berlin auch um den Flughafen Tegel. Laut Umfragen möchte eine Mehrheit der Bürger den Airport offen sehen. Der Senat nicht. Und Sie?

Ich habe Verständnis für den Wunsch vieler Berliner. Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es jedoch viele gute Gründe, an dem Planfeststellungsbeschluss festzuhalten. Das heißt, Tegel sechs Monate nach der Eröffnung des BER zu schließen. Alles andere würde zu erheblichen Risiken führen – auch was die Ansiedlung von Gewerbe anbelangt. Das schlimmste Szenario wäre, wenn es eine lange Hängepartie nach dem Volksentscheid gäbe. Es stehen ja Investoren für das Tegel-Areal in den Startlöchern. Und trotz aller positiver Entwicklungen Berlins: Das Potenzial, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen, haben wir bisher nicht ausgeschöpft. In Adlershof klappt das hervorragend. Da gibt es auch Handwerksbetriebe, die zum Beispiel Bauteile für Satelliten fertigen. Wir brauchen aber mehr davon – auch in Tegel.

Alle Welt redet fast nur von den Start-ups in Berlin-Mitte.

Ja, das klingt immer toll. Und wir vergleichen uns auch gern mal mit dem Silicon Valley. Wir vergessen aber: Auch das ist mal aus der Kombination von Wissenschaft – nämlich der Stanford Universität – und Industrieansiedlungen entstanden. Ganz so gefestigt ist diese Szene nicht in Berlin. Langfristig wird Berlin keine Start-up-Metropole bleiben, nur, weil hier alles so billig ist. Wir brauchen auch die solide technologische und industrielle Basis.

Ein anderes Thema für die Stadt und das Land ist der Diesel. Es drohen Fahrverbote. Die würden Handwerksbetriebe massiv treffen, oder?

Die Debatte verfolge ich mit der geballten Faust in der Tasche – auch wenn ich an den Diesel-Gipfel vor wenigen Wochen denke. 90 Prozent der Fahrzeuge im Handwerk sind von Diesel angetrieben. Es kann nicht sein, dass Fahrzeuge von Privatleuten und Handwerkern durch Versäumnisse der Pkw- und Lkw-Hersteller innerhalb von zwei Jahren völlig entwertet werden. Da müssen Politik und Industrie einen neuen Anlauf nehmen, um Fahrverbote zu verhindern. Der Staat muss über finanzielle Anreize nachdenken, um auch Handwerkern zu helfen, den Umstieg zur Elektromobilität schneller zu vollziehen. Die bestehende Umweltprämie langt offenbar nicht.

Warum soll Ihnen der Steuerzahler auf die Sprünge helfen? Mit einer Elektromobil-Quote könnte man das Ziel auch erreichen.

Quoten sind nicht zielführend, weil die Anforderungen der Betriebe zu unterschiedlich sind. Eine Quote schert alle über einen Kamm. Das Handwerk nutzt viele Spezialfahrzeuge mit besonderen Aufbauten, die es noch nicht in einer E-Version gibt. Dann brauchte es dafür Ausnahmen, dann wird es alles nur kompliziert.

Welchen Beitrag kann das Handwerk leisten, um die Luft sauberer zu machen?

Auch wir werden Anstrengungen unternehmen. Wir beschäftigen uns mit alternativen Antriebssystemen, beteiligen uns an Pilotprojekten. Einige Betriebe setzen verstärkt Lastenfahrräder ein, was in einigen Gewerken erstaunlich gut funktioniert. Aber wir werden die Autoindustrie nicht aus der Pflicht entlassen, Verantwortung für ihre teilweise grob vorsätzlichen Fehler zu übernehmen.

Volkswagen und andere Hersteller zahlen jetzt Prämien. Ein Teil der Lösung?

Man muss sich diese Angebote im Einzelnen anschauen. Sind das echte Prämien, die zusätzlich zu bisher gewährten Rabatten für Firmenkunden gewährt werden? Dann kann das für einzelne Betriebe attraktiv sein – vor allem im Austausch für alte Fahrzeuge. Wer sich aber vor zwei Jahren Diesel-Fahrzeuge angeschafft hat, die also noch nicht steuerlich abgeschrieben sind, braucht zwingend eine technische Hardware-Umrüstung.

Zum 1. September beginnt in vielen Firmen das Ausbildungsjahr. Wie ist der Stand?

Wir sind relativ zufrieden, weil wir in Berlin auch in diesem Jahr wieder eine Steigerung der besetzten – nicht nur der angebotenen – Ausbildungsplätze registrieren. In 2015 und 2016 hatten wir elf Prozent mehr Ausbildungsplätze. Das ist ein deutlich stärkerer Anstieg als in der Gesamtwirtschaft, und Berlins Ausbildungsmarkt im Handwerk wächst stärker als in vielen anderen Regionen. Für 2017 hatten wir Ende Juli schon 2,5 Prozent Plus.

Woran liegt das?

Das liegt zum einen an der guten Auftragslage. Und es ist sicher auch ein Effekt unserer Imagekampagne, wo wir versucht haben, jungen Menschen in den sozialen Medien deutlich zu machen, dass eine Ausbildung im Handwerk ihnen eine gute Perspektive bietet. Handwerk ist für viele eine sehr gute Alternative zum Studium. In Berlin haben immerhin 20 Prozent der Auszubildenden die Hochschulreife. Damit liegen wir bundesweit im Spitzenfeld. Wenn zum Beispiel 54 Prozent aller Elektrotechnik-Studenten an der TU ihr Studium abbrechen, zeigt das, dass es viele falsche Vorstellungen bei den jungen Leuten gibt. Wir laden sie zum Umstieg ins Handwerk ein.

Noch ist die Ausbildungslücke aber nicht geschlossen.

Leider nein. Aktuell haben wir noch rund 830 freie Stellen bei unserer Online-Lehrstellenbörse. Im September werden sicher noch Ausbildungsverträge geschlossen. Erfahrungsgemäß bleiben aber Ende des Jahres noch 500 bis 600 Plätze unbesetzt.

Ihre Stelle als Präsident der Handwerkskammer ist von Ihnen schon seit 14 Jahren besetzt. Möchten Sie bleiben?

Bis 2019 bin ich gewählt. Und ich bin sehr motiviert, diese Zeit auch im Amt zu bleiben. Dann werde ich mir überlegen, ob ich noch einmal für fünf Jahre kandidiere.

Im Hauptberuf sind Sie Geschäftsführer Ihres Gebäudereiniger-Unternehmens GRG. Wie läuft es da?

Uns geht es sehr gut, wohl auch besser als im Schnitt der Branche. Wir wachsen im sechsten Jahr in Folge um jeweils rund zehn Prozent.

Ihr Geheimnis dahinter?

Das liegt wohl zum einen daran, dass wir uns nicht verzetteln, uns als Qualitätsanbieter weiter ganz auf Gebäudereinigung konzentrieren, wir machen kein Facility-Management. Zum anderen haben wir in Zeiten des Fachkräftemangels die GRG als starke Arbeitgebermarke etabliert und viele Preise als „Bester Arbeitgeber“ gewonnen. Kunden zu gewinnen ist derzeit nicht so schwer, wie gute Mitarbeiter zu gewinnen – und zu behalten.

Das Interview führte Kevin Hoffmann.

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