Deutschlands Chefinnovator Laguna : Auf der Suche nach Daniela Düsentrieb

Rafael Laguna soll bahnbrechende Innovationen aus Deutschland finden. Das erste Geld steckt er in ein Holodeck. An Erfinderinnen mangelt es noch.

Daniel Düsentrieb
Daniel DüsentriebFoto: Disney

Das MP3-Trauma sitzt tief in Deutschland. Der dominierende Standard, um Musikdateien digital zu speichern und zu übertragen wurde am Fraunhofer-Institut in Erlangen entwickelt. Die Musikbranche änderte sich dabei radikal, physische Tonträger verlieren immer mehr an Bedeutung. Doch das große Geschäft machen Konzerne wie Apple.  

Rafael Laguna soll dafür sorgen, dass künftig auch wieder deutsche Unternehmen mit neuen Ideen ganze Märkte umwälzen. Er ist der Leiter der Agentur für Sprunginnovationen (SprinD), die dafür im vergangenen Jahr in Leipzig gegründet wurde. Eine Milliarde Euro will die Bundesregierung dafür in den kommenden zehn Jahren zur Verfügung stelle.

30 Ideen werden intensiv geprüft

Vor knapp einem Jahr wurde Laguna ernannt, die Agentur selbst nahm dann erst Anfang des Jahres offiziell die Arbeit auf und ist erst jetzt noch dabei, ihr Personal aufzubauen. Trotzdem läuft die Suche nach neuen Ideen schon intensiv. „Wir haben bislang 153 Projektvorschläge gesichtet“, sagt Laguna, „davon beschäftigen wir uns mit 30 Ideen intensiv.“ Für die ersten vier Projekte fließen kleinere sechsstellige Fördersummen, um das Potenzial der Projekte genauer herauszuarbeiten. Mit fünf weiteren Teams laufen Vertragsverhandlungen.

Geld gibt es etwa für ein neuartiges Verfahren zur Entfernung von Mikroplastik aus Wasser. Gefördert wird auch die Entwicklung eines Analogcomputers, wie sie bis in die Achtziger Jahre gebräuchlich waren. Dann wurden sie durch Digitalrechner abgelöst. Doch diese verbrauchen einerseits viel mehr Energie und sind andererseits bei bestimmten mathematischen Problemen den alten Analogkisten deutlich unterlegen. Ein Mathematikprofessor versucht daher, diese Vorteile zu nutzen und eine neue Generation analoger Spezialrechner zu konstruieren.

Geheimniskrämerei um Star-Trek-Traum

„Ein anderes Projekt nennen wir Holodeck“, sagt Laguna. Wie dieser Traum aller Star-Trek-Fans Realität werden soll, will er nicht verraten. „Das ist eine neue, disruptive Augmented-Reality-Technologie, mehr können wir noch nicht darüber erzählen“, sagt Laguna.

So ist es bei einer ganzen Reihe von Ideen, mit denen sich die Agentur beschäftigt. Insgesamt drehen sich 40 Prozent der Ideen um Umwelttechnik und Energieerzeugung, ein Drittel sind Digitalprojekte und 20 Prozent wollen Gesundheitsfragen lösen. „Im Bereich Medizin gibt es im Moment vor allem einen Kandidaten“, sagt Laguna. „Wenn das funktioniert, könnte einer der schlimmsten Krankheitskomplexe geheilt werden.“

Konkreter wird er dafür beim vierten Vorhaben, für das bereits ein Validierungsauftrag erteilt wurde: Der so genannte Sovereign Cloud Stack. Dabei geht es um Open-Source-Software für das Dateninfrastrukturprojekt Gaia-X. Es wird gern als „Europa-Cloud“ bezeichnet und soll als Netzwerk verschiedener kleinerer europäischer Anbieter eine Alternative zu den Cloud-Computing-Riesen wie Amazon Web Services bieten. „Die entscheidende Frage ist: Wie kriegt man Gaia-X orchestriert?“, sagt Laguna. Und die Antwort soll der so genannte Sovereign Cloud Stack liefern. Denn das sei im Grunde die Infrastruktursoftware, die in den Rechenzentren laufen soll.

„Sprunginnovationen sind immer ein bisschen irre“

Doch auch mit Absagen machen es sich die Leipziger nicht leicht. „Wir sind sehr vorsichtig mit der Ablehnung“, sagt Laguna, „Sprunginnovationen sind immer ein bisschen irre“. Ein Dutzend Vorschläge landet daher zumindest im so genannten „Ideenspeicher“. Laguna hofft, dass sie beispielsweise in Kombination mit anderen Vorschlägen später doch noch zur Förderung taugen.

Etwas mehr als 90 Erfinder bekommen jedoch ein Ablehnungsschreiben. Entweder weil es zu große Zweifel an der Umsetzbarkeit gibt, oft aber auch, weil es sich bei den Ideen zwar um Innovationen handelt, aber eben nicht um Sprunginnovationen.

"Ein bisschen irre" - Rafael Laguna sucht die nächsten deutschen Sprunginnovationen.
"Ein bisschen irre" - Rafael Laguna sucht die nächsten deutschen Sprunginnovationen.Foto: SprinD

Doch wie und wo wird da die Grenze gezogen? Wie entscheidet die Agentur, was wirklich bahnbrechende Innovationen sein könnten? Sie orientiert sich dabei am so genannten „Heilmeier-Katechismus“, einem Fragenkatalog, den der frühere Direktor der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), George Heilmeier, entwickelt hat. Die Behörde des US-Verteidigungsministeriums ist ein Vorbild für Laguna und so hat er sich auch von Heilmeiers zunächst einfach klingenden Fragen inspirieren lassen. „Welches Problem lösen Sie? Was ist neu an Ihrem Ansatz und warum glauben Sie, dass er erfolgreich sein wird? Warum ist ihr Vorhaben wichtig?", sind einige der zwölf Punkte.

Letztlich geht es darum, dass Bewerber knapp beschreiben, was ihre Innovation ist. „Daran scheitert es oft schon“, sagt Laguna. Dann wolle er wissen, was sich durch ihre Erfindung dramatisch verbessern wird. Dadurch werde eine Innovation zur Sprunginnovation. Es reiche beispielsweise nicht, dass die Effizienz bestehender Verfahren gesteigert wird, sondern es gehe um „disruptive Ideen“, die ganze Branchen grundlegend verändern können.  

Eine Idee, bei der Laguna regelrecht ins Schwärmen gerät, ist eine Hochwindanlage, bei der sich die Rotoren in einer Höhe von über 250 Meter drehen. „In diesen Höhen hat man fast immer Wind“, erklärt Laguna. Daher könnte das Projekt nicht nur zu einer Effizienzsteigerung führen, sondern habe das Potenzial zur Sprunginnovation. „Wenn man Dauerstrom und damit eine Grundleistung anbieten kann, wird es disruptiv.“

"Coole" Innovationswettbewerbe geplant

Noch dazu, wenn man die Anlagen mit neuen Speichertechniken kombiniere. Auch dazu werden gerade Ideen gesammelt: Im Pilotinnovationswettbewerb „Weltspeicher“ werden hocheffiziente, kostengünstige dezentrale Energiespeicherlösungen für den Hausgebrauch gesucht. Es ist einer von gleich drei Sprunginnovationswettbewerben des Bundesforschungsministeriums (BMBF), die bereits  2019 vor der Berufung Lagunas gestartet sind.

Der konzipiert zudem gerade eigene Wettbewerbe, um weitere Kandidaten für Sprunginnovationen zu entdecken, einer soll dieses Jahr noch starten. In einem Interview hat er dabei einen „höheren Coolness-Faktor“ versprochen, als ihn die BMBF-Wettbewerbe versprühen. Auch bei den geplanten „SprinD Challenges“ lässt er sich von der DARPA inspirieren, die beispielsweise Wettbewerbe für autonome Fahrzeuge veranstaltet hatte.

Ein Erfinder ist schon 90 Jahre alt 

Von den bisherigen Ideen kommen viele aus den großen deutschen Forschungsinstituten. „Aber es gibt auch den Daniel Düsentrieb, der in seinem Keller sitzt“, sagt Laguna. So sei der Entwickler der Hochwindanlage schon 90 Jahre alt, der Ingenieur habe lange an großtechnischen Anlagen im Kohlebergbau gearbeitet und tüftele nun seit einigen Jahren schon an der neuartigen Windradkonstruktion. 

„Wir sind auch auf einige Leute aufmerksam geworden, die selbst nicht dachten, dass sie an so etwas Besonderem arbeiten“, sagt Laguna. Doch an einem altbekannten Problem knabbert er auch noch: Der Gleichberechtigung. „Wir müssen besser darin werden, Ideen und Vorschläge von Frauen zu bekommen“, räumt er ein. Denn Vorschläge von Erfinderinnen sind derzeit Mangelware. Und das könnte Folgen haben. „Da gibt es bestimmt noch eine ganze Innovationskategorie, die da schlummert“, sagt Laguna.

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