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US-Präsident Joe Biden verweist auf den guten Arbeitsmarkt. Angesichts dessen könne man nicht von einer echten Rezession sprechen.
© REUTERS/Jonathan Ernst

BIP sinkt erneut: Die USA rutschen in die Rezession – und leugnen es

Das zweite Quartal in Folge schrumpft die US-Wirtschaft. Damit ist die technische Rezession da. Doch Regierung und Fed verweisen auf den starken Arbeitsmarkt.

Sowohl US-Präsident Joe Biden als auch Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, hatten sich zuletzt überzeugt gezeigt, die Wirtschaft würde nicht in eine Rezession rutschen. Doch nun kommt es anders. Die US-Wirtschaft hat ihre Talfahrt im Frühjahr fortgesetzt.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im zweiten Quartal aufs Jahr hochgerechnet um 0,9 Prozent zurück, wie das Handelsministerium am Donnerstag auf Basis einer ersten Schätzung mitteilte. Im ersten Jahresviertel war die Wirtschaftsleistung bereits um 1,6 Prozent gesunken. Die Wirtschaft ist damit in eine sogenannte technische Rezession abgerutscht – also zwei Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung in Folge.

Im Weißen Haus war man schon im Vorfeld der neuen Zahlen bemüht, diese Entwicklung nicht zu hoch zu hängen. Es gebe viele Faktoren, die zu berücksichtigen seien, betonte Bidens Sprecherin, Karine Jean-Pierre. Sie verwies etwa auf den starken Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote liegt in den USA auf ähnlich niedrigem Niveau wie vor Ausbruch der Pandemie im Februar 2020.

Biden brüstet sich gern mit diesen Werten – gleichzeitig leiden seine Zustimmungswerte unter den steigenden Verbraucherpreisen. „Es ist nicht der Präsident, der die Inflation verursacht hat. Es gibt auch externe Faktoren, die uns dorthin geführt haben, wo wir heute sind“, betonte Jean-Pierre etwa mit Blick auf die Energiepreise und Probleme bei Lieferketten wegen der Corona-Lockdowns in China.

Die Teuerungsrate in den USA ist mit 9,1 Prozent so hoch wie seit rund vier Jahrzehnten nicht mehr. Damit liegt sie weit entfernt von jenen 2 Prozent, die sich die Fed zum Ziel gesetzt hat. Daher setzen die Zentralbanker auf eine straffe Geldpolitik – und könnten damit den Aufschwung abwürgen. Um 0,75 Prozentpunkte hatte die Fed den Leitzins am Mittwoch erhöht. Er liegt damit nun bei einem Wert von 2,25 bis 2,5 Prozent.

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Damit ist die Fed der Europäischen Zentralbank (EZB) endgültig enteilt. Die europäischen Währungshüter hatten sich erst im Juli zu einer Erhöhung auf 0,5 Prozent durchringen können. Der deutlich höhere Zins in den USA macht den Dollar tendenziell stärker und zieht Kapital aus Europa in die Vereinigte Staaten. Die Kehrseite aus US-Sicht: Amerikanische Waren werden für das Ausland teurer und damit unattraktiver. Zudem sorgt der hohe Zins dafür, dass die Investitionsbereitschaft der Wirtschaft sinkt – eine gefährliche Tendenz in Zeiten einer technischen Rezession.

Ökonomen üben sich in Zweckoptimismus

„Was für ein Schock!“, urteilt dann auch Thomas Gitzel, Ökonom von der VP Bank. „Die US-Notenbank ließ am gestrigen Abend auch keinen Zweifel daran, dass trotz bestehender wirtschaftlicher Risiken am Zinsanhebungskurs festgehalten wird.“ Doch auch Analysten teilen die Einschätzung der US-Regierung, dass die wirtschaftliche Lage besser ist als es das Wort Rezession vermuten lässt.

„Eine Rezession fühlt sich anders an: Dafür müsste der Rückgang der Wirtschaftsaktivität tiefer und viel breiter sein“, meint etwa Bastian Hepperle vom Bankhaus Aufhäuser Lampe. Besonders die Beschäftigungsentwicklung passe überhaupt nicht zu einer Rezession. Doch der Konjunkturabschwung, die Inflation, steigende Leitzinsen und deutlich schlechtere Finanzierungsbedingungen würden die Konsumlaune verderben. Auch Dirk Clench von der LBBW übt sich in Zweckoptimismus: „Angesichts des weiterhin erfolgenden Beschäftigungsaufbaus halten wir es wie Fed-Präsident Jerome Powell und glauben, dass sich die US-Wirtschaft noch nicht in einer Rezession befindet.“

Größtes Problem ist nach Expertenansicht also die Inflation. „Wenn wir es jetzt nicht in den Griff bekommen, erhöht das nur die Kosten, später damit fertig zu werden“, meint auch Powell. Dass der kräftige Zinsschritt die US-Aktienmärkte am Mittwoch zu einem kräftigen Plus führte, zeigt, dass auch die Börsianer das so sehen. Ist das Problem erst vom Tisch, so die Hoffnung, kommt auch das Wachstum zurück. (mit rtr/dpa)

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