E-Mobilität und Digitalisierung : VW-Konzern investiert 60 Milliarden Euro in Zukunftsfelder

Volkswagen gibt mehr Geld für Elektroautos aus. Bis 2029 sollen 75 reine E-Modelle auf den Markt kommen. Den Wettbewerb mit Tesla fürchtet der Konzern nicht.

Volkswagen-Spitze. Volkswagen-Chef Herbert Diess (v.l.), Aufsichtsratsvorsitzender Hans Dieter Pötsch, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Betriebsratschef Bernd Osterloh am Freitag in Wolfsburg.
Volkswagen-Spitze. Volkswagen-Chef Herbert Diess (v.l.), Aufsichtsratsvorsitzender Hans Dieter Pötsch, Niedersachsens...Foto: REUTERS

Der VW-Konzern erhöht deutlich seine Investitionen in Zukunftstechnologien in den kommenden fünf Jahren. Ungeachtet hoher Belastungen für die Aufarbeitung der Dieselaffäre (rund 30 Milliarden Euro) wird der Konzern bis 2024 knapp 60 Milliarden Euro für Hybridisierung, Elektromobilität und Digitalisierung ausgeben – zehn Prozent mehr als zuletzt geplant. Das teilte Volkswagen nach einer Aufsichtsratssitzung am Freitag mit.

Bis 2029 will der Zwölf-Marken-Konzern bis zu 75 reine E-Modelle und etwa 60 Hybridfahrzeuge auf den Markt bringen. Die Investitions- und Modell-Planungen in China sind in diesen Zahlen noch nicht enthalten.

Duesmann soll Chef der Volkswagen-Tochter Audi werden

Der Aufsichtsrat entschied am Freitag außerdem, den früheren BMW-Einkaufsvorstand Markus Duesmann zum Chef der Volkswagen-Tochter Audi zu machen. Duesmann übernimmt den Posten zum 1. April 2020, der bisherige Audi-Chef Bram Schot verlasse das Unternehmen Ende März.

Volkswagen unterstreicht mit seiner Investitionsplanung die strategische Neuausrichtung, die ab 2026 den Abschied vom Verbrennungsmotor einläuten soll. Gerade erst hat der Konzern in Zwickau mit der Produktion seines neu entwickelten E-Modells ID.3 begonnen. 1,2 Milliarden Euro wurden in die Umrüstung des Werks investiert. Schritt für Schritt sollen nun auch die Werke in Emden und Hannover „elektrifiziert“ werden.

Auch in China und in den USA werden Werke umgestellt. Mit den beiden chinesischen Joint-Venture-Partnern FAW und SAIC sind ebenfalls große Investitionen vorgesehen. Die wegen des Nordsyrien-Konflikts auf Eis gelegte Entscheidung für ein Werk in der Türkei, ist nur vertagt.

VW-Chef Herbert Diess sagte, es gebe zwei mögliche Alternativen, man hoffe aber, dass sich die politische Situation in der Türkei wieder beruhige. Eine Entscheidung solle nun rund um den Jahreswechsel getroffen werden.

"Wir sind davon überzeugt, dass wir es schaffen"

Kern der gesamten „E-Offensive“ von Volkswagen ist der Modulare Elektrobaukasten (MEB), der in immer mehr Fahrzeugvarianten standardisiert zum Einsatz kommen soll. „Etwa 20 Millionen der geplanten E-Fahrzeuge bis 2029 basieren auf dem MEB“, teilte VW mit. Zudem werde ein Großteil der weiteren sechs Millionen Fahrzeuge auf der High-Performance-Plattform PPE von Audi und Porsche produziert.

Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte, dass auch Audi in ein Werk für E-Fahrzeuge investieren werde. Details dazu könnte es nach der Aufsichtsratssitzung kommende Woche geben. Das VW-Werk in Chattanooga (Tennessee) bekommt ebenfalls eine Montagelinie für den MEB, ab 2022 sollen hier auch E-Autos entstehen. Volkswagen gibt dafür 800 Millionen Dollar aus, etwa 1000 Jobs werden geschaffen.

Allein rund 33 Milliarden Euro fließen in die Elektromobilität

Der Aufsichtsrat billigte am Freitag damit die Ergebnisse der „Planungsrunde 68“ des Vorstands: Gut 40 Prozent aller Investitionen in Sachanlagen und der Forschungs- und Entwicklungskosten werden in den Jahren 2020 bis 2024 für die drei Zukunftsfelder verwendet. Allein rund 33 Milliarden Euro fließen den Angaben zufolge in die Elektromobilität.

Damit werde sich Volkswagen „an die Spitze des Wandels in der Automobilindustrie setzen“, sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. „Wir sind fest davon überzeugt, dass wir es schaffen.“

Gezwungen durch die Verschärfung der CO2-Ziele in der EU gehe der Konzern mit der vorliegenden Planung „sehr konsequent weiter auf dem Weg der Elektromobilität in Richtung CO2-Neutralität und Klimaschutz“, erklärte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

Weil sitzt im Aufsichtsrat, das Bundesland hält rund 20 Prozent an VW. Der Konzern investiere in den kommenden fünf Jahren mehr als 16 Milliarden Euro in Niedersachsen. „Niedersachsen wird ein Zentrum der Elektromobilität sein“, glaubt Weil. Mit Blick auf Tesla sagte er, die Investition in Berlin-Brandenburg werde „nicht die letzte Errichtung einer Batteriefertigung sein“.

Tesla als "Vorbild und Maßstab"

Diess rechnet damit, dass Tesla den Wettbewerb am Standort Deutschland befeuern wird. Eine Kooperation mit dem US-Autobauer sei nicht geplant. Tesla verwende eine andere Zellchemie und -formate sowie eine andere Produktionsarchitektur.

Generell sei aber davon auszugehen, dass die Kalifornier vom Know-how deutscher Autoproduzenten und -zulieferer profitieren wollten. Tesla sei sehr schnell. „In der Konsequenz der Umsetzung ist Tesla Vorbild und Maßstab“, räumte Diess ein. „Wir beobachten uns gegenseitig.“

Kritik am stockenden Ausbau der Erneuerbaren Energien

Besorgt zeigten sich Diess und Weil über den stockenden Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland. Die Schieflage des Windanlagenbauers Enercon sei ein „Alarmsignal“,sagte der VW-Chef. Volkswagen sei auf dem Weg zur CO2-Neutralität „abhängig vom Umbau der Primärenergieversorgung“.

Diess betonte, die Elektrifizierung sei keine Wette: „Wir haben sie mit einem konkreten Umsetzungsplan unterlegt“. Allerdings müssten sich die Investitionen aus dem laufenden Geschäft finanzieren, also bislang vor allem aus dem Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor. Volkswagen müsse deshalb noch effizienter werden. Im kommenden Jahr und 2021 müsse die Volkswagen-Flotte zudem im Schnitt noch 30 Gramm CO2 pro Kilometer einsparen, damit der Konzern die EU-Grenzwerte einhalte. „Das Jahr 2020 wird extrem anstrengend“, sagte Diess.

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