Enttäuschung für Bahnfahrer : Bombardier liefert wieder mit Verspätung

Vorerst gibt es keine neuen Züge im Stuttgarter Netz. Kunden kritisieren die Unzuverlässigkeit des Konzerns.

Thomas Wüpper
Ein Monteur arbeitet an einem Bombardier-Zug
Ein Monteur arbeitet an einem Bombardier-ZugFoto: Kembowski/dpa

Der Zughersteller Bombardier enttäuscht die Bahnfahrer beim wichtigen Pilotprojekt im Südwesten erneut. Zum Start des neuen Anbieters Abellio am 9. Juni auf dem Stuttgarter Netz werden auf der ersten Linie bis Pforzheim und Heidelberg vorerst überhaupt keine neuen Züge fahren.

Denn Bombardier hält die Verträge und Lieferzusagen nicht ein. Das bestätigten auf Tagesspiegel-Anfrage Abellio und die Landesregierung. Dort ist man nun richtig sauer. „Bombardier ist erneut wortbrüchig geworden“, erklärte eine Abellio-Sprecherin. Das Vertrauen in den lange Zeit größten Bahnhersteller der Welt sei „nachhaltig erschüttert“. Erst im Februar hatte Bombardier eingeräumt, statt der vertraglich vereinbarten 16 nur zehn Züge zum Betriebsstart liefern zu können. Nun klappt nicht mal das.

Abellio hatte auf das späte Eingeständnis ebenso wie Landesverkehrsminister Winfried Hermann mit scharfer Kritik reagiert und dann einen Plan B entwickelt. Jetzt aber sei klar, dass sogar bestenfalls sechs neue Fahrzeuge pünktlich kommen, „wenn überhaupt“, so die Sprecherin. Das aber reiche für das Ersatzkonzept nicht aus. Deshalb will der Anbieter nun Plan C umsetzen, der schon in der Schublade lag, weil man Bombardier nicht mehr traut. Demnach sollen vorerst komplett geliehene Züge der DB Regio, der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und der Agilis Verkehrsgesellschaft fahren. Man sei optimistisch, ausreichend Fahrzeuge zu erhalten.

Weiter nur ältere Züge

Für Reisende und Pendler bedeutet der Lieferverzug, dass auf den Strecken zwischen Stuttgart, Mühlacker, Pforzheim/Bretten und Heidelbergvorerst weiter ältere Züge fahren. Anders als die bestellten Bombardier-Modelle Talent 2 im schmucken weiß-gelb-schwarzen Landesdesign werden die Gebrauchten kein WLAN an Bord haben. Die neuen Fahrpläne sollen fast unverändert bleiben, je nach Ersatzzug gibt teils weniger und auch mehr Sitzplätze.

Auch Klimaanlagen können anders als im bestellten Talent fehlen. Für Minister Hermann (Grüne) und die Landesregierung ist die Unzuverlässigkeit von Bombardier bei ihrem Musterprojekt besonders ärgerlich. Für die Stuttgarter Netze hatte ehemals die bundeseigene Deutsche Bahn AG unter der früheren CDU-Regierung in zeitlicher Nähe zur Entscheidung für Stuttgart 21 hoch bezuschusste Langzeitverträge erhalten. Hermann ließ die Strecken nach seinem Amtsantritt erstmals ausschreiben.

Zu weit günstigeren Kosten für die Steuerzahler erhielten Abellio, ein Ableger der holländischen Staatsbahn, und die britische Go-Ahead den Zuschlag, die DB zog den Kürzeren. Im Auftrag der landeseigenen Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg bestellten die künftigen Betreiber darauf die Züge. Bombardier bekam für das Abellio-Netz den Zuschlag der Schweizer Hersteller Stadler mit seinen Flirt-Zügen bei Go-Ahead. „Wir sind höchst verärgert, dass Bombardier seine Zusage auf pünktliche Lieferung der Züge nicht eingehalten hat“, sagte Uwe Lahl, der Amtschef des in Urlaub befindlichen Ministers, unserer Redaktion. Auch andere Kunden seien von Lieferproblemen betroffen, die Zuverlässigkeit des Unternehmens stehe nun auf der Tagesordnung.

Schon länger Zweifel an Bombardier

In Branchenkreisen wurde schon länger bezweifelt, ob Bombardier pünktlich liefern kann. Der kanadische Konzern, dessen Zugsparte rund 40000 Mitarbeiter hat und von Berlin aus gesteuert wird, steckt seit Jahren in Turbulenzen. Seit Jahren gibt es Berichte über zahlreiche Lieferprobleme, Qualitätsmängel und hohe Schadenersatzzahlungen. Aktuell ist die Auslieferung von 137 neuen ICE 4 von Siemens an die Deutsche Bahn AG gestoppt, weil in einem polnischen Bombardier-Zulieferwerk Schweißnähte falsch gesetzt wurden.

Die Züge für den Südwesten kommen aus dem Bombardier-Werk in Hennigsdorf bei Berlin, wo die Produktion bald auslaufen soll. In Deutschland werden noch 8500 Mitarbeitern in sieben Werken beschäftigt, nach vielen Umstrukturierungen, heftigen Arbeitskonflikten und einer Sanierungsvereinbarung sind noch bis Ende 2019 betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Auf Anfrage begründete ein Bombardier-Sprecher den Lieferverzug knapp mit verschärften Sicherheitsnormen für Züge in Europa. Die nötige Software sei leider nicht rechtzeitig fertig geworden, das Zulassungsverfahren laufe aber „auf Hochtouren“.

Neue Züge sollen im August kommen

Beim zuständigen Eisenbahn-Bundesamt hört sich das anders an. Zwar habe Bombardier für die Stuttgarter Talent-Züge 2016 „formal“ die Genehmigung zur Inbetriebnahme beantragt. Die nötigen Unterlagen und Dossiers seien aber „erst vor wenigen Tagen“ bei der Bonner Behörde eingegangen. Nun gehe es darum, alles zu prüfen und „gegebenenfalls noch offene Fragen zu klären“. Der Talent ist ein Verkaufsschlager von Bombardier, mehr als 400 Züge sind bereits unterwegs. Wegen der neuen Bestimmungen und der geänderten Software müssen die Modelle für den Südwesten aber behördlich geprüft werden.

Nach Abellio-Angaben hat Bombardier die Lieferprobleme auch mit Verzögerungen beim Bau der Wagenkästen begründet, die aus Tschechien kommen. Der Hersteller habe nun versprochen, im August alle 16 Züge zu liefern.

Nach dem bereits zweifachen Wortbruch stehe die Glaubwürdigkeit dieser Aussagen jedoch in Frage, so die Abellio-Sprecherin. Bombardier sei vertraglich verpflichtet, für fristgerechte Zulassung der neuen Züge zu sorgen, heißt es bei Abellio weiter. Man hoffe, dass bald der Regelbetrieb mit den bestellten Fahrzeugen starte und die weiteren Linien des Stuttgarter Netzes ab Dezember 2019 und Juni 2020 stabil in Betrieb genommen werden können. Nun gehe es erst einmal darum, einen stabilen Verkehr auf der wichtigen Linie zu sichern. Danach Abellio will Schadenersatzansprüche gegen Bombardier prüfen.

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