Gutes Jahr, unklare Aussichten : Rocket Internet fehlen die Visionen

Nach einigen erfolgreichen Börsengängen fehlt bei Rocket Internet der Nachschub an Start-ups. Künftig will die Samwer-Firma auch in autonome Autos oder künstliche Intelligenz investieren.

Kritik an fehlenden Visionen. Ein Aktionär von Rocket-Internet studiert bei der Hauptversammlung in Berlin den Geschäftsbericht.
Kritik an fehlenden Visionen. Ein Aktionär von Rocket-Internet studiert bei der Hauptversammlung in Berlin den Geschäftsbericht.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Intern ist Oliver Samwer für seine hohen Ambitionen bekannt. Als „aggressivster Typ im Internet“ hat er sich in einer legendären Mail an Mitarbeiter einst bezeichnet. Nach außen gibt er sich dagegen sehr zurückhaltend. Mit „Demut“ wolle er ins neue Jahr gehen, erklärte der Chef von Rocket Internet auf der Hauptversammlung. Das abgelaufene sei kein „Super-super-Jahr“ gewesen, aber doch ein Gutes.

Vielen Aktionären ist das viel zu abwartend. „Mehr Visionen“, forderte Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Auch er gestand ein, dass 2017 für Rocket gut gelaufen sei. Die Essenslieferdienste Delivery Hero und Hello Fresh sind an die Börse gegangen. Allein der Kochboxenversender Hello Fresh habe seinem Unternehmen einen Gewinn von fast einer halben Milliarde Euro gebracht, rechnete Samwer vor. Es sei zudem ein Beispiel dafür, dass auch Berliner Start-ups zum Marktführer in den USA werden können.

Samwer empfindet Aktienkurs als "persönliche Ohrfeige"

Der kleinere Konkurrent Marley Spoon, an dem Rocket ebenfalls beteiligt ist, kündigte gerade einen Börsengang in Australien an, wo das Unternehmen besonders erfolgreich ist. Und schon kommende Woche will Rocket den Online-Möbelhändler Home24 aufs Parkett bringen. Doch die große Frage ist, was danach kommt?

An größeren Unternehmen hat Rocket noch den Innenausstatter Westwing im Portfolio, dazu Modeaktivitäten oder Jumia, das in Afrika Onlinehandel, Essenslieferungen oder Kleinanzeigen bietet. Samwer verwies zudem auf Traveloka, eine führende Reiseplattform in ostasiatischen Ländern wie Indonesien. Doch die Aktionäre stellt das nicht zufrieden, wie auch der Kurs zeigt. Im Vorjahr legte er zwar um etwa zehn Prozent auf zuletzt 25,30 Euro zu, liegt damit aber weiter deutlich unter dem Ausgabekurs beim Börsengang 2014 von 42,50 Euro. „Mir ist nicht ganz klar, wie sie aus dieser Falle herauskommen wollen“, sagte Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger und sprach von einem desaströsen Aktienkurs. Auch Samwer räumte ein, dass er das als „persönliche Ohrfeige“ empfinde.

Was hat Rocket noch im Köcher?

„Wieviel Power ist noch in ihrem Haus? Was ist die nächste große Sache in fünf oder zehn Jahren?“, wollte Tüngler wissen. Überzeugende Antworten blieb Samwer schuldig. Genau könne er das nicht sagen, erklärte der Rocket-Chef. Das Gründen und Finden von neuen Firmen verlaufe nicht so am Fließband, wie die Produktion von Autos. Doch mit diesem Image ist Rocket als Start-up-Fabrik einst angetreten. Inzwischen hat sich das Unternehmen jedoch gewandelt. Wurden einst vor allem erprobte Modelle aus den USA kopiert, setzt Rocket inzwischen mehr auf wirklich neue Ideen. Die sind freilich schwieriger zu finden. Statt Start-ups selbst im Rekordtempo aufzubauen, investiert Rocket so verstärkt in erfolgreiche Unternehmen. So wurden in Deutschland 2016 vier eigene Firmen gegründet, im Vorjahr dann nur noch zwei.

Dafür hat Rocket sich beispielsweise an dem boomenden Unternehmens-Messenger Slack beteiligt oder dem britischen Fintech Revolut. Finanztechnologien sollen künftig auch stärker im Fokus stehen. Zudem kündigte Samwer auf der Hauptversammlung und der Noah-Konferenz auch Investitionen in neue Felder an. Statt dem Online-Handel stehen auch Hightech und Hardware wie Künstliche Intelligenz, oder selbstfahrende Autos auf Samwers Einkaufszettel. So richtig scheint Rocket offenbar nicht zum Zug zu kommen, denn die Ankündigung gab es auch schon im Vorjahr. Eine Beteiligung am Fahrdienstvermittler habe er beispielsweise verpasst, räumte Samwer auf der Noah ein.

Dabei ist die Kasse mit 2,6 Milliarden Euro hervorragend gefüllt. „Wir haben letztes Jahr über 100 Millionen Euro investiert“, sagte Samwer. Doch in vielen Fällen war die Bewertung zu hoch. Das liegt auch an Unternehmen wie Softbank und dessen Gründer Masayoshi. „Er investiert in die besten Unternehmen, egal was der Preis ist“, sagte Samwer bei der Noah. Trotzdem werde er damit Erfolg haben, prophezeit Samwer. Dabei klang dann auch eine Vision für Rocket durch, doch mit den Japanern kann auch der ambitionierte Samwer nicht mithalten: In Softbanks „Vision Funds“ stecken 100 Milliarden Dollar. Oliver Voss

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