Härtere Auflagen beim Nasdaq : Wie Trump seinen Kampf gegen China an die Börsen verlagert

Mit neuen Auflagen will die US-Regierung chinesischen Firmen den Gang an die Wall Street erschweren. Am Ende könnte aber China davon profitieren.

Ning Wang
Luckin Coffee debütierte im Frühjahr 2020 an der US-Börse Nasdaq.
Luckin Coffee debütierte im Frühjahr 2020 an der US-Börse Nasdaq.Foto: imago images / Levine-Roberts

Obwohl der chinesische Kaffeehauskettenbetreiber Luckin das Glück im Namen trägt, hat er nun schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen mehr als nur Unglück. Erst wurde bekannt, dass rund die Hälfte seiner Verkaufstransaktionen gefälscht waren, nun droht die US-Technologiebörse Nasdaq dem Unternehmen auch noch mit dem Delisting.

Die Aktie, die im Januar einen Rekord von über 51 Dollar erreicht hatte, fiel in diesem Jahr um mehr als 90 Prozent. Die Nasdaq will nach der Blamage mit Luckin die Regeln für Börsengänge verschärfen. Bei der US-Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission reichte sie im Mai einen Antrag ein, wonach Unternehmen künftig mindestens 25 Millionen Dollar bei einem Börsengang einsammeln müssen, oder einen Betrag, der dem Viertel des Wertes des gelisteten Unternehmens entspricht.

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Diese Regeln gälten für mehrere Länder, darunter China, betont eine Sprecherin von Nasdaq gegenüber dem Tagesspiegel. Die Nasdaq will auch sicherstellen, dass sich die Firmen an internationale Rechnungslegung und Bilanzprüfungsstandards halten.

Trumps Fehde mit China

US-Präsident Donald Trump macht hingegen keinen Hehl daraus, gegen wen sich die Maßnahme richtet. In einem Memo des Weißen Hauses von Anfang Juni sagte Trump, die chinesische Regierung habe die Prüfung chinesischer Unternehmen durch das US Public Company Accounting Oversight Board (PCAOB) verhindert.

Diese aber soll die Interessen der Anleger schützen und wahrt das öffentliche Interesse an der Erstellung von informativen, genauen und unabhängigen Prüfungsberichten für Unternehmen, deren Wertpapiere an Börsen gehandelt werden. Die PCAOB ist eine Non-Profit-Organisation, die durch den Sarbanes-Oxley Act (SOA) von 2002 gegründet wurde.

Dieses Bundesgesetz gilt für alle Firmen, deren Aktien an US-Börsen oder außerbörslich in den USA gehandelt oder angeboten werden. Der SOA entstand nach den Finanz- und Betrugsskandalen während der Dotcom-Blase. Börsennotierte US-Unternehmen müssen seitdem US-Beamten Einsicht in ihre Bücher und Konten geben.

SEC wie ein zahnloser Tiger

China argumentiert jedoch, dass das gegen seine Gesetze zum Staatsgeheimnis verstoße, sodass chinesische Unternehmen keine Einsicht in ihre Bücher erlauben dürften. Während die Börsenaufsicht SEC wie ein zahnloser Tiger in dieser Auseinandersetzung wirkt, hat Trump seine Arbeitsgruppe für Finanzmärkte angewiesen, binnen 60 Tagen Strategien für ein Vorgehen gegen in den USA gelistete chinesische Unternehmen zu entwickeln.

Dabei soll vor allem der Börsengang chinesischer Unternehmen eingedämmt werden, die sich nicht an die US-amerikanischen Rechnungslegungsstandards halten würden. Schon länger sind die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt angespannt. So hat der Senat erst Ende Mai ein Gesetz verabschiedet, das vorsieht, chinesische Unternehmen zu delisten, wenn dessen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft drei Jahre nicht mehr von amerikanischen Aufsichtsbehörden überprüft wurde.

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„Es ist dumm, dass wir chinesischen Unternehmen die Möglichkeit geben, fleißige Amerikaner auszubeuten – Menschen, die für ihre Alters- und College-Vorsorge in unseren Börsen investieren –, weil wir nicht darauf bestehen, ihre Bücher zu prüfen“, sagte der republikanische Senator John Kennedy. Viele in der Regierung wollen chinesische Börsengänge in den USA sogar vollständig stoppen.

US-Börsen sind für kleine chinesische Firmen attraktiv

Im Herbst hatte die Nasdaq die Zulassungsbedingungen schon einmal zulasten chinesischer Firmen verschärft. Damals ging es darum, Börsengänge von kleinen chinesischen Unternehmen zu beschränken, deren Aktien kaum gehandelt werden. Die geringe Liquidität macht deren Papiere für große institutionelle Investoren unattraktiv.

Für kleinere chinesische Firmen sind Börsengänge in den USA attraktiv, weil sie damit die Kapitalkontrollen in China umgehen können und gleichzeitig an US-Dollar gelangen. Eine Notierung an einer US-Börse erleichtert ihnen gleichzeitig den Zugang zu Krediten im eigenen Land, die sie sonst nicht bekämen.

Jesse Fried, Rechtswissenschaftler an der Harvard Law School, erwägt in einem „Financial Times“-Beitrag, dass ein Handelsverbot von chinesischen Unternehmen an US-Börsen am Ende China in die Hände spielt. Seit Langem will Peking seine großen Technologieunternehmen wie Alibaba und Baidu lieber an chinesischen Börsen in Schanghai oder Shenzhen gehandelt sehen als im Ausland. Die Hongkonger Börse hatte zuletzt Regeln zum Mitspracherecht der Investoren gelockert, um attraktiver im Wettbewerb mit anderen Börsen zu werden. Der Internetkonzern Alibaba entschied sich daraufhin für ein Zweitlisting in Hongkong.

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