Hate-Speech : Studie: Facebook fördert Hass auf Flüchtlinge

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Hate-Speech im Netz und realer Gewalt gegen Geflüchtete? Eine Studie zeigt, dass Facebook wie ein Brandbeschleuniger wirken kann.

Fördert Facebook Hass auf Flüchtlinge? Zwei Wissenschaftler legen das in einer Studie nahe.
Fördert Facebook Hass auf Flüchtlinge? Zwei Wissenschaftler legen das in einer Studie nahe.Foto: Jens Büttner/dpa

Die Datensammlung ist gewaltig: Mehr als 176.000 Posts, 290.000 Kommentare und 500.000 Likes haben Carlo Schwarz, 27, und Karsten Müller, 30, auf Facebook analysiert und in Zusammenhang gesetzt mit mehr als 3000 Gewalttaten, die es in Deutschland gegen Flüchtlinge zwischen Januar 2015 und Anfang 2017 gab. Das Ergebnis ihrer Studie, verkürzt zusammengefasst: Wenn auf Facebook flüchtlingsfeindliche Kommentare gepostet werden, steigt auch die Zahl von flüchtlingsfeindlichen Übergriffen in den Gemeinden, in denen es eine hohe Facebook-Nutzung gibt.

Interessant ist, dass die beiden deutschen Wissenschaftler von der Universität Warwick auch den umgekehrten Effekt nachgewiesen haben: Bei Internet- oder Facebook-Ausfällen sank die Zahl der durch Hass motivierten Gewalttaten ab. Ebenso, wenn andere Nachrichtenthemen die Anti-Flüchtlings-Stimmung in den sozialen Medien überlagerten.

Einen entscheidenden Grund für den Zusammenhang sehen Schwarz und Müller im Effekt der sogenannten Echokammern: Die Nutzer würden sich bei Facebook in Blasen befinden, in denen eine Minderheit von hasserfüllten Nutzern Usern den Eindruck gewinne, dass alle Menschen gegen Migranten seien. Dadurch würden sich einige Nutzer ermutigt fühlen, aus der Hate-Speech im Netz reale Gewalt werden zu lassen. Zwar betonen die Wissenschaftler, dass hassmotivierte Gewaltdelikte viele Ursachen und Verstärker hätten, doch sehen sie es als nachweisbar an, dass Facebook wie eine Art Brandbeschleuniger wirkt.

Es gibt auch Kritik an der Studie


Allerdings gibt es auch Kritik an der Studie, die im Januar 2017 veröffentlicht wurde und nun in einer aktualisierten Version erscheint: Die Datenbasis sei zu klein, dadurch sei nicht nachvollziehbar, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Hate-Speech und Gewalt gegen Geflüchtete gebe, sagt Jonas Kaiser, der in Harvard zu politischer Kommunikation forscht.

Die Studie liegt auch Facebook vor, das US-Unternehmen werde sich damit beschäftigten, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Direkt kommentiere wollte sie die Ergebnisse aber vorerst mit, sie teilte lediglich mit, dass Hassrede auf Facebook nicht erlaubt sei. "Wir entfernen Hassrede, sobald wir darauf aufmerksam werden", sagte sie.

Welche Wirkung hat das NetzDG?

Doch genau das passierte aus Sicht der Politik bisher nicht oder nicht schnell genug. Deshalb trat im Januar das so genannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Kraft, Betreiber sozialer Netzwerke müssen seither „offensichtlich rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden“ nach Eingang einer Beschwerde löschen oder sperren. Bei wiederholten und systematischen Verstößen gegen das Gesetz droht ein Bußgeld von bis zu 50 Millionen Euro.

Zeigt die Studie, dass das Gesetz nicht ausreichend ist?


Die Studie wird innerhalb der Bundesregierung „aufmerksam ausgewertet werden“, sagte Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) dem Tagesspiegel. Eventuelle Maßnahmen könnten aber erst nach einer sorgfältigen Auswertung der Studie erfolgen, über die auch die New York Times berichtet hatte. Der dort dargestellten Wirkung "von subtiler Meinungsbildung gegenüber offener Hate Speech wäre mit einem groben Werkzeug wie dem NetzDG allerdings kaum beizukommen", betonte Bär.

"Die Schlussfolgerungen der Studie sind mehr als beunruhigend"

Konkreter wird dagegen Dieter Janecek, Sprecher für digitale Wirtschaft der Grünen-Bundestagsfraktion: „Die Schlussfolgerungen der Studie sind mehr als beunruhigend und bestätigen leider die naheliegende Annahme, dass die Zunahme von Hass und Hetze im Netz sowie die bewusste Verbreitung von Falschmeldungen nicht nur psychische, sondern auch physische Gewalt zur Folge haben“, sagte er dem Tagesspiegel. Es sei nicht ausreichend, nur den bestehenden Strafkatalog auf das Internet zu übertragen, um gegen Hate-Speech vorzugehen. Es brauche „einen breiteren Ansatz, der die gesamte Diskussions- und Streitkultur in den Blick nimmt“.


Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesjustizministerium, sieht jedoch bereits erste Effekte durch das NetzDG: „Die ersten Berichte der Netzwerke zeigen, dass sich etwas ändert. Wir können einen ersten Einstellungswandel bei den Netzwerken erkennen. Dennoch, wir stehen erst ganz am Anfang", sagte er dem Tagesspiegel.

"Sprache schafft Bewusstsein"

Unabhängig von der Studie lasse sich aber festhalten, dass Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund oder Homosexuelle, aber auch Menschen, die sich vernehmbar für Demokratie und Toleranz einsetzen, Opfer von realer Gewalt werden können, wenn gegen sie im Netz gehetzt werde. "Sprache schafft Bewusstsein und in diesem Zusammenhang durchaus Gefahr", betonte Billen.

- Dieser Text stammt aus der Redaktion des Tagesspiegel Background Digitalisierung: background.tagesspiegel.de/digitalisierung


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