Helfer machen sich vom Acker : Landwirte suchen Saisonkräfte

Spargel stechen, Erdbeeren pflücken – polnische Saisonarbeiter verlieren das Interesse an der Knochenarbeit auf deutschen Feldern.

Alexandra Duong
Unentbehrlich. Erntehelfer pflücken Erdbeeren, ein anstrengender Job.
Unentbehrlich. Erntehelfer pflücken Erdbeeren, ein anstrengender Job.Foto: dpa

Lust auf Spargel? Für nur zwei Euro kann man ein halbes Kilo im Discounter bekommen. Der Spargel hat Hochsaison, bei dem Wetter schießt das Gemüse und die Preise sind auf dem Tiefstand. Dabei ist die Ernte knüppelharte Handarbeit, Stange um Stange muss gestochen werden. Diese Arbeit erledigen in den deutschen Anbaugebieten vor allem Erntehelfer aus Polen und Rumänien. Traditionell kommen sie zur Saison und ernten Spargel und Erdbeeren im Frühsommer und Weintrauben und Äpfel im Herbst. Auch die Spargelbauern im Raum Beelitz sind abhängig von den günstigen Arbeitskräften. Kommen sie nicht, bleiben die Stangen im Boden.

„Wir hatten 350 Zusagen, aber nur 265 sind gekommen“, sagt Jürgen Jakobs. Gut 30 Erntehelfer hätten sie im Nachhinein noch anwerben können. Jakobs ist Vorsitzender des Beelitzer Spargelvereins; er selbst baut das Saisongemüse auf 250 Hektar an. Einige Hektar lässt er jetzt liegen, „da wächst der Spargel durch“, sagt er. Zurzeit komme ihm das entgegen, es gebe zu viel Spargel am Markt, aber für die Zukunft macht er sich Sorgen um die Verfügbarkeit von Erntehelfern. Eine Möglichkeit, die auch Jakobs unterstützt, ist ein so genanntes Drittstaatenabkommen mit der Ukraine.

Aus Polen kommen weniger Saisonkräfte nach Deutschland

Eine EU-Richtlinie regelt die saisonale Beschäftigung von Bürgern aus Drittstaaten. Mitgliedsstaaten können bilaterale Abkommen mit Ländern außerhalb der Union schließen; der bürokratische Aufwand für Betriebe und Arbeitnehmer soll dadurch sinken. Burkhard Möller ist Hauptgeschäftsführer des bäuerlichen Arbeitgeberverbandes GLFA, er setzt sich auf politischer Ebene für das Drittstaatenabkommen ein. Wenn sich die wirtschaftliche Lage in den östlichen EU-Ländern weiter verbessere, könnten in einigen Jahren weniger Erntehelfer kommen. Beim Rheinischen Landwirtschafts-Verband (RLV) hätten die Mitglieder schon dieses Jahr Schwierigkeiten, genügend Arbeitskräfte zu finden. „Wir hören von Betrieben, die Erdbeeren anbauen und einen großen Bedarf an Arbeitskräften haben“, sagt RLV-Chef Reinhard Pauw. Viele Jahre seien Polen gekommen, seit einigen Jahren verstärkt Rumänen. Die Zahl polnischer Saisonarbeitskräfte gehe zurück. Auch Pauw drängt auf das Drittstaatenabkommen, schließlich benötige es einige Zeit, bis es umgesetzt sei. Von den Staaten, die in Frage kommen, sei die Ukraine am nächsten dran. Und für ukrainische Arbeitnehmer sei die Bezahlung gut.

Die Erntehelfer erhalten in der Regel den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde. Dazu kommen Prämien; arbeiten sie im Akkord und werden pro Kilo bezahlt, kann der Stundenlohn höher ausfallen. Haben sie Verträge über eine kurzfristige Beschäftigung – nicht länger als drei Monate oder 70 Tage – müssen die Bauern keine Sozialversicherungsbeiträge für ihre Helfer zahlen. „Höhere Löhne kommen schnell an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit“, sagt Pauw, „die Marktpreise bröckeln sehr schnell ab.“ Soll heißen: Am Anfang der Saison sind die Preise hoch, je mehr Ware auf den Markt kommt, desto stärker sinken die Preise. Zwar bevorzugen die Verbraucher deutschen Spargel gegenüber der Importware aus Südeuropa und Polen. „Aber Luft nach oben ist nicht vorhanden“, sagt Pauw über die Möglichkeit, Löhne und Preise anzuheben.

Erntehelfer aus dem Ausland bekommen keinen Tariflohn

Der Tariflohn, den die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) mit dem Arbeitgeberverband GLFA ausgehandelt hat, liegt bei 9,10 Euro. Das Problem: Die Erntehelfer aus dem Ausland bekommen meist keinen Tariflohn. Das anvisierte Abkommen mit der Ukraine ist laut Ruprecht Hammerschmidt, IG-BAU-Sprecher, „keine zielführende Lösung“. Die Arbeitgeberseite wolle selbstverständlich günstige Arbeitnehmer; deutsche Erntehelfer könnten aber nicht zu ukrainischen Mietpreisen wohnen. „Eine unverantwortliche Haltung“, sagt Hammerschmidt.

Die Bauern wiederum klagen, Deutsche hätten keine Lust auf die Arbeit auf dem Acker. Etliche Betriebe wenden sich an Agenturen, die gegen Gebühr Arbeitskräfte aus Osteuropa anheuern. Aber das sei eine schwierige Angelegenheit geworden, sagt der Chef einer Vermittlungsagentur für polnische Arbeitskräfte. Er möchte anonym bleiben. „Dieses Jahr ist eine reine Katastrophe“, sagt er. Früher seien auch gut qualifizierte Menschen als Erntehelfer gekommen, die das hierzulande verdiente Geld in Polen investiert hätten. Mittlerweile sei das Lohnniveau in Polen gestiegen, und selbst dort fehlten inzwischen saisonale Arbeitskräfte. „Es gibt dort viele Möglichkeiten, lukrativere Jobs zu finden“, sagt er.

Agenturen machen mit der Vermittlung ein gutes Geschäft

„Wir werden für mehr Mitarbeiter angefragt, als wir vermitteln können“, sagt einer, der die deutsche Kundschaft einer Agentur betreut, die rumänische Arbeitskräfte vermittelt. In Rumänien sei die Situation anders, die wirtschaftliche Entwicklung bei weitem nicht so positiv wie in Polen. Der Rückgang an polnischen Erntehelfern lasse sich mit rumänischen Kräften jedoch nicht ausgleichen.

Es gibt jedoch auch Höfe, die keine Probleme haben, zum Beispiel der Spargelhof Simianer in Beelitz. „Wir sind keiner der ganz großen Betriebe, wir haben hundert bis 110 Erntehelfer“, sagt Gerald Simianer. Die meisten Arbeiter, Polen und Kroaten, kämen seit zehn bis 15 Jahren. Ähnlich ist es auf den Spargelhöfen Märkerland und Schlunkendorf, beides kleinere Betriebe. Aber die Größe ist nicht ausschlaggebend: „Wir haben genug Erntehelfer“, sagt Maike Ziehl vom Spargelhof Klaistow. Sie beschäftigen 800 Erntehelfer, vor allem Polen und Rumänen. „Wir haben einen festen Stamm von Leuten, die immer gerne wiederkommen.“

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