Ideen beim Hackathon „WirVsVirus“ : Klebebänder mit QR-Codes zum spenden

Die Tech-Szene engagiert sich bei einem Hackathon im Kampf gegen das Coronavirus. Das Ergebnis sind Hilfsprojekte - und Visionen für die Zeit nach der Krise.

Eine Herz aus Klebeband mit der Aufschrift Cyber auf einem Hackathon.
Eine Herz aus Klebeband mit der Aufschrift Cyber auf einem Hackathon.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der sogenannte Hackathon „WirVsVirus“ hat ein Fenster mit Blick in die Zukunft geöffnet. Würden alle Ideen, die im Rahmen der spontanen Tech-Initiative eingebracht worden sind, schon morgen in die Tat umgesetzt, dann wäre das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland schlagartig ein anderes: vernetzter, effizienter, fürsorglicher. In der Realität geht es aber nur schrittweise vorwärts. Die zehntausend Entwickler, Programmierer, Designer oder Netzwerker, die seit vorletztem Wochenende gemeinsam an digitalen Lösungen basteln für Probleme, die mit der Ausbreitung des Coronavirus offenbar werden, benötigen mehr Ressourcen. Vor allem Zeit und Geld.

Die Bundesregierung hat das Potenzial der Initiative erkannt und unterstützt sie. Montagabend kürt eine Jury aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Tech und Medien jene Projekte oder Applikationen, die möglicherweise finanziell gefördert werden. „Wir als Bundesregierung wollen dafür sorgen, dass diese tolle Initiative heute und hier nicht vorbei ist“, versprach Bundeskanzleramtsminister Helge Braun (CDU) in einer Videobotschaft an alle Teilnehmer. Braun ist Schirmherr der Initiative, die von sieben Tech-Netzwerken vor knapp zwei Wochen ins Leben gerufen worden war. Ihr Höhepunkt war am vergangenen Wochenende der laut eigenen Angaben weltweit größte Hackathon aller Zeiten mit mehr als 40 000 Menschen, die sich einbrachten. Organisatoren und Kanzleramt arbeiten nun hinter den Kulissen an einem Unterstützungsprogramm, um so viele Projekte wie möglich in die Praxis zu bekommen.

Die meisten Lösungsvorschläge suchen praktische Ansätze. Wie kann unser Gesundheitssystem besser organisiert und eine optimale Verteilung von medizinischer Ausrüstung und Personal gewährleistet werden? Wie können Patientendaten zentral gesammelt und wie ein Krankheitsverlauf in Echtzeit nachvollzogen werden? Wie lassen sich kleine und mittelständische Unternehmen durch die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung unbürokratisch vor der Pleite retten?

Spenden, während man mit Abstand wartet

Zahlreiche Projekte widmen sich dem Kampf gegen die Verbreitung von Fake News. Der Wahr-O-Mat oder Facts for friends wollen helfen, den Wahrheitsgehalt von Argumenten zu ermitteln und gleichzeitig entkräftende Fakten zur Verfügung stellen. Auch Jan-Philipp Sass aus Berlin zählt zu einer Gruppe, die der Verbreitung falscher Nachrichten Einhalt gebieten will. Sass hat die Funktion des Projektmanagers übernommen in einem Team von zwölf Leuten, die sich vor dem Hackathon noch nicht kannten.

„Klar denken“, heißt ihre Applikation. Das Programm versucht in sechs Schritten, dem Wahrheitsgehalt einer Information näher zu kommen. Es fragt nach der Quelle, nach einem möglichen Impressum, nach der Gestaltung oder nach dem Schreibstil. Ganz gleich, ob das „Klar denken“ von der Jury ausgezeichnet wird oder nicht, will das Team über den Wettbewerb hinaus am Ball bleiben. „Das Tool an sich müsste noch programmiert werden und benötigt Partner für eine Start-Phase. Wir sind aber von der Idee überzeugt“, sagt Sass.

Unter #AbstandmitAnstand wollen sechs Frauen und ein Mann das gesundheitlich dringend Notwendige mit dem Sozialen verbinden. „Wir brauchen Abstand in Zeiten von Corona, aber mehr menschliche Nähe“, sagen die Hackerinnen. Ihre Idee: Robuste Klebebänder für den Boden, wie sie jetzt schon in vielen Supermärkten verwendet werden, die mit „starken Sprüchen“ auf einen QR-Code aufmerksam machen sollen. Darüber könnten die Wartenden kleine Geldbeträge für soziale schwache Bevölkerungsgruppen spenden. Die Psychologie dahinter ist, dass der Wartende viel Zeit hat, sich über eine mögliche Spende Gedanken zu machen und nicht wie an einem Bettler in der Fußgängerzone rasch vorbeilaufen kann.

Die IT-Projektleiterin Sarah Simon und der Entwickler und Mathematiker Patrick Beyerle indes schlagen ein digitales Werkzeug vor, das seine Nutzer motivieren soll, das eigene Verhalten langfristig so zu ändern, dass man gesünder, nachhaltiger oder familienfreundlicher lebt. „A photo a day“, heißt die Idee und soll positives Verhalten in Krisenzeiten in das digitale Langzeitgedächtnis eines Smartphone-Nutzers speisen. Dazu ist ein Foto notwendig, dass einen Augenblick dokumentiert, den man für sich als positiv bewertet. Wer sich darauf einlässt, bekommt in der Zukunft zu festgelegten Zeiten einen Stupser von der App. Das Foto des „positiven Augenblicks“ erinnert an das für gut befundene Verhalten und regt zur Wiederholung an.

Lange Staus an den Grenzen verhindern

Bereits online ist ein Prototyp des Stimmungsbarometers, der im Laufe des Hackathons in nur 48 Stunden entwickelt wurde. Über detaillierte Fragen zur Laune und Gefühlswelt des Nutzers soll eine Stimmungslandkarte entstehen, die anzeigt, in welchen Regionen welche Stimmungen vorherrschen. Das Ziel: Transparenz und die Möglichkeit den Stimmungen entgegenzusteuern. Besonders in Krisenzeiten sei das wertvoll, um seitens der Politik oder Medien entsprechend gegensteuern zu können, argumentiert die Gruppe.

Die Bundespolizei sucht derweil nach Lösungen, um lange Staus an den Grenzen zu verhindern. Sie fragt sich, „wie man effektiver und schneller Grenzkontrollen durchführen kann“, sagte Kanzleramtsminister Braun. Wenn es beispielsweise gelingen würde, die Pendler aus den üblichen Schlangen herauszuhalten, wäre schon viel Zeit und Kapazität gewonnen. Als Idee gilt ein Barcode, mit dem jene, die von Berufs wegen tagtäglich von einem ins andere Land reisen, ihre Identität digital und unkompliziert nachweisen können.

Die Wucht des Erfolges von „WirVsVirus“ macht sich die Politik bereits zunutze. Das Bundeswirtschaftsministerium verbreitete auf Twitter einen Aufruf der Plattform Cleverackern.de. Das Portal vermittelt Erntehelfer. 300 000 sollen in Deutschland zurzeit fehlen. Das bereitet nicht nur den Landwirten Sorge. Auch die Endverbraucher müssten sich auf Knappheit von bestimmten Lebensmitteln einrichten, wenn die Erträge nicht eingeholt werden.
Die Initiatoren des Hackathons ermutigen derweil zu Open-Source-Lösungen, um den gesellschaftlichen Mehrwert der Aktion zu erhöhen. Die technischen Lösungen sollen also für jeden Nutzer frei zugänglich und verwendbar sein, und sie sollen die Basis bieten für ihre Weiterentwicklung.

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