Berlins letzter Freiraum : Was wird aus dem RAW-Gelände?

Das RAW-Gelände hat jetzt ein „House of Music“ und wird sich weiter verändern - so viel steht fest. Zu sehr, befürchten Anwohner und Mieter.

Das ehemalige Gelände des Reichsbahnausbesserungswerks in Berlin-Friedrichshain.
Das ehemalige Gelände des Reichsbahnausbesserungswerks in Berlin-Friedrichshain.Foto: Magdalena Thiele

Bohren, Hämmern, Sägen. Auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) in Friedrichshain wird letzte Hand angelegt. Nach über drei Jahren Umbauphase eröffnet in der historischen Radsatzdreherei das „House of Music“ mit 4316 Quadratmetern Nutzfläche. Die Spielstätte findet ihren Platz in einer der ältesten Industriehallen Berlins. Das RAW-Gelände wurde 1867 eröffnet. Vor zwei Tagen wurden die neuen Räume der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Kombination aus Livemusik, Bildungsangeboten, Beratung und Musikunternehmen, soll neuen Raum für die Berliner Kreativszene schaffen. Das Angebot reicht von modernen Proberäumen (noisy Rooms), über Workshops und Meet-ups (Music Pool Berlin) bis hin zu international ausgerichteten Musikstudiengängen mit eigenen Auftrittsmöglichkeiten (BIMM Institute Berlin).

Investor Lauritz Kurth und sein Vater können sich vor Anfragen kaum retten - nachdem nun auch noch die Mieter aus dem „Rockhaus“ auf sie zukommen. Noch proben dort in Lichtenberg rund 1000 Musiker - aber im Juni müssen sie raus. Der Investor hat ihnen gekündigt. „Wir stoßen zwar jetzt schon an unsere Kapazitätsgrenzen, hätten aber kein Problem damit, wenn wir gleich ein zweites „House of Music“ neben das erste stellen könnten“, signalisiert Kurth junior Aufnahmebereitschaft. Denkbar sei auch, dass sich einmal ein „House of Image“ hinzugesellen könnte, für Fotokünstler.

Soziokultur unter Schutz

„Das House of Music ist eine gute Sache“, findet auch Mike Stolz. Er ist Mieter auf dem RAW-Gelände und Pressesprecher der Projektentwicklungsgenossenschaft RAW Kultur L (PEG), einem Zusammenschluss von RAW-Mietern, die im Dialogverfahren zwischen Eigentümer, Bezirk und Mietern mit einer gemeinsamen Stimme spricht. „Gegen Projekte wie das ,House of Music und generell gegen Investitionen hat niemand was, aber auch die Kulturstrukturen müssen bleiben.“ Und das „Soziokulturelle L“ wolle man unbedingt erhalten. Stolz spricht von der L-förmigen Fläche, an der östlichen Seite des Geländes gelegen, auf der soziale Projekte, Bars, der Cassiopeia-Club, der Kletterturm und die Skaterhalle beheimatet sind.

Stolz betreibt hier seit 2011 die „Bar zum schmutzigen Hobby“, eine Institution im Kiez. Das positive Denken habe er aufgegeben, berichtet er über seine momentane Gefühlslage. Hoffnung habe er aber dennoch, trotz der ungewissen Zukunft. Die Kurth-Gruppe (Göttingen) hat 52 000 von insgesamt 71 000 Quadratmetern auf dem RAW-Gelände gekauft. Das war 2015. Dass die Eigentümer jetzt bauen wollen, sei ja auch völlig legitim, sagt Stolz. Aber es wäre sehr schade, wenn das RAW-Gelände damit seinen Charme verliere.

Das soziokulturelle L ging aus dem 2018 abgeschlossenen Dialogverfahren aller Beteiligten schon einmal mit einem - wenn auch fragilen - Schutzstatus hervor. Die meisten Mietverträge laufen aber Ende 2019 aus. So können die jetzigen Mieter natürlich weder planen noch investieren. „Für uns ist es absolut wichtig, dass das Bezirksparlament und die Verwaltung die entsprechenden Entscheidungen treffen, um das städtebauliche Verfahren zu einem guten Abschluss zu führen. Wir alle brauchen Planungssicherheit und es darf auf keiner Seite weitere Verzögerungen geben“, sagt Stolz.

Mieter als Genossen

Der Barbesitzer votiert im Namen der PEG für die auch vom Bezirk favorisierte Genossenschaftslösung mit der Gesellschaft für StadtEntwicklung gemeinnützige GmbH (GSE). „Wenn die GSE als Hauptmieter gegenüber der Kurth-Gruppe auftritt, bietet das die Chance für ein wirkliches kulturelles Zentrum, indem die Mitglieder Sicherheit, Mitsprache- und Gestaltungsrechte haben“, glaubt Stolz. Die einzelnen Projekte des soziokulturellen L wären dann Mieter der GSE und hätten keine Einzelmietverträge, wie bisher. Der behutsamen Bebauung des Geländes im Interesse des Eigentümers stehe das ja nicht im Wege. Nicht nur für das Gelände, sondern für den gesamten Kiez sei es wichtig, dass die gewachsene Vielfalt erhalten bleibe. Die sozialen Projekte schaffen nämlich die Möglichkeit, sich auszuprobieren - und zwar unabhängig vom Geldbeutel.

Fiele das weg, würde das den ganzen Charakter des Kiezes verändern und wohl auch die sowieso schon angespannte Wohnsituation verschärfen - befürchtet Stolz. Zwar spreche sich auch die Kurth-Gruppe dafür aus, das jetzige Flair zu erhalten und die kulturellen Nutzungen mit günstigen Mieten zu stützen, aber „was ein soziokulturelles Zentrum ist, muss ja nicht der Eigentümer bestimmen“, sagt Stolz.

Und auch der für die alten Eisenbahn-Gebäude - kurioserweise auch für den Döner-Imbiss an der Warschauer/Ecke Revaler Straße - bestehende Denkmalschutz schütze ja nicht davor, dass das Gelände einen Imagewandel erleben könnte. Die Plakate und Graffitis, die Kunst, all das stehe schließlich nicht unter Denkmalschutz, aber mache nun mal den Reiz des RAW-Geländes aus, der ihm einen Ruf bis weit über die Stadtgrenzen hinaus beschert hat. „Das kann man zwar alles beseitigen, aber geil sieht das dann eben nicht mehr aus“, so Stolz.

Hoffen auf Einigkeit

Die „Berliner Mietergemeinschaft e. V.“ plakatierte in Friedrichshain in diesem Sinne Protestschreiben - und ist sauer ob der Ergebnisse des Dialogverfahrens. „Der Bezirk schafft Fakten auf der letzten großen Fläche in Friedrichshain“, heißt es da. Herausgekommen sei ein Strukturplan, der den Abriss des größten Teils des RAW vorsehe: „Übrig bleiben sollen nur die denkmalgeschützten Häuser an der Revaler Straße und die Gebäude rund um den Kletterturm.“

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Der Betreiber der RAW-Skaterhalle, Tobias Freitag, hofft, „dass sich Eigentümer, Bezirk und GSE schnell verständigen und die ganze Sache zu einem guten Abschluss kommt, damit wir Planungssicherheit haben“. Freitag beschäftigt dreißig Mitarbeiter. Sein Mietvertrag mit der Kurth-Gruppe läuft Ende 2019 aus. „Im Januar hatten Stadtrat Schmidt und Eigentümer Kurth in der Ausschusssitzung einen baldigen Vertragsschluss versprochen“, erzählt Freitag, „wir gehen davon aus, dass in Kürze die hierzu notwendigen Entscheidungen getroffen werden."

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