Bürgerbeteiligung : Wie Pekinger triste Wohnblöcke aufwerten

In der chinesischen Hauptstadt haben findige Geschäftsleute Erdgeschosszeilen in lebendige Aufenthaltsorte verwandelt – ein Vorbild für Berlin?

Unten wird’s bunt. In Peking haben viele Läden eröffnet.
Unten wird’s bunt. In Peking haben viele Läden eröffnet.Foto: bbzl/böhm benfer zahiri

Wie können sich triste Erdgeschosszeilen in lebendige Aufenthaltsorte verwandeln? Diese Frage bewegt viele Stadtplaner beim Blick auf Siedlungen, die in den 1970er Jahren an deutschen Metropolenrändern entstanden sind. In Peking hat man anscheinend einen Weg gefunden. Aus einstmals grauen Wohnblöcken sind dort bunte Quartiere mit einem breiten Spektrum an Dienstleistungen für die Nachbarschaft geworden. Das Zauberwort lautet: Bürgerbeteiligung. Das fanden Studierende aus Deutschland heraus.

Bei der Suche nach neuen Konzepten für Erdgeschosse in den Siedlungen stießen die jungen Forscher von den Universitäten Hannover, Kaiserslautern und Kassel auf interessante Entwicklungen in der chinesischen Hauptstadt. In einstmals recht trostlosen Wohngebieten, errichtet in den 1960er bis 1980er Jahren, hat sich eine Art Selbstverwaltung herausgebildet, die durch Eigeninitiative Handel und Wandel vorantreibt.

Auf ihren Exkursionen und in zahlreichen Gesprächen zwischen 2013 und 2015 stellten die Studierenden fest, dass die Begeisterung der Bewohner, selbst Cafés, Schneiderstuben und Werkstätten zu organisieren, auch die seit Langem allein herrschende Kommunistische Partei überrumpelt hat. Die einst in strenge Hierarchien eingebundenen Kader ließen die Menschen gewähren. Ein altes Motto von Mao erlebte seine Wiedergeburt: „Lasst hundert Blumen blühen.“

Laufen die Geschäfte gut, steigen die Mieten

Seit Gründung der Volksrepublik China 1949 hatte die alles beherrschende „Partei“ in Peking ein System von „Danweis“ errichtet. Das waren zentralistisch geführte Einheiten, die sich um Arbeit, Gesundheit, Familie und Freizeit einer bestimmten Zahl von Menschen kümmerten. Eingehegt durch Mauern blieben die Wohn- und Lebensbereiche weitgehend verschlossen. Die Kontrolle durch die Parteikomitees war allgegenwärtig.

Die chinesische Hauptstadt mit inzwischen deutlich mehr als 21 Millionen Einwohnern hat seit den 1990er Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Die Reformpolitik hin zu einer sozialistischen Marktwirtschaft veränderte auch das urbane Gefüge. Das alte Danwei-System löste sich auf.

Umtriebige Bewohner, befreit von lähmenden Kontrollmechanismen, entfalteten ihre private Kreativität, bauten die Erdgeschosszonen nach eigenen Bedürfnissen um und holten sich den öffentlichen Raum zurück. Die Ordnungsämter tolerierten die Veränderungen, solange die Sicherheit in den Straßen nicht bedroht war. Ein Prinzip, das bis heute gilt. Zwar gibt es regelmäßige Kontrollen, aber der Initiative der Anwohner steht weiterhin viel Raum zur Verfügung. So wurden umgebaute Erdgeschosswohnungen angesichts der Nachfrage nach Imbissen und Mobilfunkshops auch gern vermietet. Manche Bewohner haben sich damit zusätzliche Einnahmen erschlossen, Laufen die Geschäfte gut, steigen die Mieten. Die Studierenden gingen in neun Wohnquartieren auf Spurensuche, etwa im östlich gelegenen Diplomatenviertel. Überall stießen sie auf belebte Fußgängerzonen. Das früher Peking beherrschende eintönige Fassadengrau ist verschwunden.

Gute Idee für Marzahn

Einen starken Impuls für die Stadtentwicklung brachten die Olympischen Sommerspiele 2008. Im Vorfeld wurde in Peking der Wohnungs- und Straßenbau angekurbelt. Das Engagement der Bewohner kam den Planern entgegen. Konnte sich die Stadt doch dank der Improvisationslust der Einheimischen als weltoffene Metropole präsentieren.

Kann Berlin von den Pekinger Do-it-yourself-Erfahrungen in der Transformation von Parterrebereichen lernen? Der an dem Forschungsprojekt beteiligte Architekt Cyrus Zahiri beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja: „Wir finden den Ansatz in Peking sehr interessant. Man könnte überlegen, zum Beispiel in Marzahn die Erdgeschosszonen für die Bewohner freizugeben. Das wäre doch eine Chance für Berlin.“

Nach ihren intensiven Vor-Ort-Untersuchungen haben die Studentinnen und Studenten von den drei Hochschulen gemeinsam mit dem Berliner Büro bbzl (Böhm, Benfer, Zahiri) und dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten Berlin-Brandenburg die Pekinger Erfahrungen auf großformatigen Zeichnungen, Fotografien und Textbeschreibungen festgehalten. Die Ausstellung ist im Metropolenhaus „feldfünf“ am Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz in Kreuzberg zu sehen. Dazu ist ein Band mit zahlreichen Fotos und Skizzen erschienen.

Die Ausstellung „DIY Beijing Fluid Spaces. Transformation im öffentlichen Raum“ ist noch bis zum 1. Juli von 14 bis 20 Uhr in den Räumen gegenüber des Jüdischen Museums in Berlin-Kreuzberg als Bestandteil von „MakeCity“ zu besichtigen.

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