Die Dokumentation „Push“ : Ein Kinofilm über den ungezügelten Kapitalismus

Wer soll noch in den Städten leben, wenn diejenigen, die dort arbeiten, nicht mehr dort wohnen können? Ein neuer Film thematisiert das Menschenrecht auf Wohnen.

UN-Sonderberichterstatterin Leilani Farha. Foto: Mindjazz Pictures
UN-Sonderberichterstatterin Leilani Farha. Foto: Mindjazz PicturesFoto: Mindjazz Pictures

Es gibt ein paar Zahlen und Bilder in diesem Film, die einen erschüttern. Zum Beispiel die Vervierfachung der Mieten in Toronto in den vergangenen 30 Jahren – die Einkommen sind nur um ein Drittel gestiegen. Oder das Bild vom Skelett des Londoner Grenfell Tower, der 2017 brannte. 72 Menschen starben: ein schwarzes Mahnmal für die Verdrängung gewöhnlicher Bewohner aus einem Reichenviertel. Oder das Bild vom abgesackten, noch bewohnten Haus in Valparaiso, wo ein ganzer Stadtteil Luxusappartements weichen muss.

Oder die 217 Billionen Dollar, auf die der globale Vermögenswert von Immobilien beziffert wird, mehr als doppelt so viel wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt. Oder die London-Grafik mit den zahllosen roten Punkten. Jedes Pünktchen markiert ein Gebäude in ausländischem Besitz. 80 Prozent davon stehen leer. Einst lebendige Nachbarschaften voller Kneipen und kleiner Läden sind Geisterquartieren gewichen.

„Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ heißt der teils über Crowdfunding finanzierte Film des schwedischen Dokumentaristen Fredrik Gertten, der eine Weltreise überall dorthin unternimmt, wo die Wertabschöpfung von Wohnraum brutale Folgen hat. Es geht nicht um Gentrifizierung, sondern um ein weit größeres Monster, heißt es im Film: um anonyme Konzerne, die als Vermieter nur noch auf dem Papier existieren und Riesengewinne mit meist leerstehenden Wohnungen erzielen.

Gertten heftet sich an die Fersen der UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen, Leilani Farha. Ja, das right to housing steht in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. „Nicht der Kapitalismus ist das Problem“, sagt Farha, „sondern der ungezügelte Kapitalismus.“ Die Kanadierin ist eine rasende Reporterin in Sachen Wohnraumvernichtung. Ihre Recherchetour führt von Toronto über Notting Hill, Uppsala, Barcelona, Berlin-Kreuzberg und Mailand bis nach Südkorea und Chile.

Verzweifelte Mieter

Wer soll noch in den Städten leben, wenn diejenigen, die dort arbeiten und sie am Leben erhalten, nicht mehr dort wohnen können? Farha hört verzweifelten gekündigten Mietern zu, die von den Eigentümern zwecks Rausschmiss kriminalisiert werden, sie redet Politikern ins Gewissen und hält im halbleeren UN-Plenum flammende Reden vor Abgesandten, während die im Smartphone daddeln und sich Rolex-Uhren anschauen. Es ist ein David-gegen-Goliath-Kampf. Aber die engagierte Familienmutter denkt nicht daran aufzugeben. Auch wenn sie ihre Mission mitunter im Home-Office aus einem kleinen Kellerbüro heraus führen muss.

Gertten lässt sich von der Soziologin Saskia Sassen die Folgen der weltweiten Verstädterung erläutern und vom früheren Weltbank-Chefökonom Joseph Stiglitz die Dynamik, dank derer Investmentfirmen die großen Gewinner der Finanzkrise wurden. „Sie schaffen keinen Reichtum, sondern vernichten ihn“, sagt er. In Italien erklärt Roberto Saviano, wie die Mafia über Immobilienfirmen mit Adressen in Steueroasen Gelder wäscht.

Die Gegenseite kommt nicht zu Wort

Auch Berlin liegt auf der Reiseroute. Der Kreuzberger Bezirksstadtrat Florian Schmidt betont, wie tapfer hier der Mietwucher bekämpft werde; Dubravko Dordevic mit seiner Kuchenwerkstatt in der Lausitzer Straße glaubt ihm das nicht. „Wir verkaufen kein öffentliches Land mehr“, versichert der Regierende Michael Müller anlässlich der von Farha initiierten internationalen Städteallianz „The Shift“.

Klingt paradiesisch und ist es im Vergleich zum Hochfrequenzhandel mit leerstehenden Neubauten ja auch ein wenig. Die aktuelle Diskussion um die Enteignung börsennotierter Wohnungsgesellschaften nach dem Verkauf Hunderttausender landeseigener Wohnungen in den 90er und nuller Jahren wird allerdings nicht erwähnt.

Das Problem bei „Push“: Die Gegenseite fehlt, der Film predigt Bekehrten. Leilani Farha identifiziert die US-Investmentfirma Blackstone als größten Immobilieneigentümer der Welt – und als größten Übeltäter in zahlreichen Ländern. Sie glaubt an die Macht des Arguments, bittet um ein Gespräch, aber der Termin wird gecancelt.

Prompt sehnt man sich nach den frühen Dokumentarfilmen von Michael Moore zurück, der in Filmen wie „Roger & Me“ die Verantwortlichen für ökonomische und politische Missstände munter mit der Kamera in die Enge trieb. Die CEOs von Blackstone werden sich „Push“ wohl kaum ansehen. „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ läuft im City Kino Wedding und OmU im Babylon Kreuzberg, Brotfabrik, Delphi Lux, Filmtheater am Friedrichshain, Lichtblick, Sputnik.

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