zum Hauptinhalt
Mit "li01" in Friedrichshain gewannen Zanderroth Architekten und Smart Homing den "Mipim Awards".

© Zanderroth / Simon Menges

Ein Baugruppenprojekt aus Berlin erhält Auszeichnung der internationalen Fachmesse "Mipim".

Im Zentrum und im Grünen zu wohnen, ist in Berlin fast ein Widerspruch in sich. Entweder rauscht der Verkehr direkt vorm Fenster oder es herrscht tote Hose in grüner Idylle. Dieses Dilemma möchte das Projekt „li01“ in Friedrichshain zumindest ansatzweise lösen.

144 Eigentümerparteien taten sich zu einer Baugruppe zusammen und planten mit dem Büro Zanderroth Architekten und ihrem Projektentwicklungsbüro Smart Homing einen Wohnpark mit sechs Häusern. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Dichte und Freiraum im Städtebau zu finden und umzusetzen, stellte für Architekt Sascha Zander die größte Herausforderung dar.

Dieser Spagat gelang ihm durch eine 5000 Quadratmeter große Gartenfläche. Die Gestaltung übernahmen Herrburg Landschaftsarchitekten, die bereits für mehrere Baugruppenprojekte von Smart Homing tätig waren. Ein Spielplatz, Wiesen, aus Holz gebaute Ruheareale und Wege gliedern die gemeinschaftlich genutzten Flächen der Baugruppe und geben ihnen eine ruhige Anmutung, die momentan höchstens von den benachbarten Baustellen gestört wird.

Im Durchschnitt zahlten die Bauherren 2690 Euro pro Quadratmeter, weniger, als wenn sie bei einem Bauträger gekauft hätten, betont Sascha Zander. Außerdem wurden sie in den Planungsprozess einbezogen. Während die Fassade und die Gestaltung des Gartens durch den Entwurf der Architekten vorgegeben waren, konnten die Bauherren bei den Innenräumen mitbestimmen. Sie legten selbst die Grundrisse, aber auch die Ausstattung wie Bäder, Böden und Küchen fest. Dank wohnungsbreiter Balkone lässt sich der Wohnraum im Sommer nach draußen vergrößern; raumhohe Verglasungen verhelfen den Gebäuden zu großer Leichtigkeit.

Zwei Wohneinheiten auf gleicher Höhe kann man zu einer Wohnung zusammenschließen

Als KfW-Effizienzhaus-Standard 55 hält das Haus die Energierechnung seiner Bauherren niedrig. Sascha Zander sieht es aber auch auf anderen Gebieten als ein nachhaltiges Projekt an, zum Beispiel im Hinblick auf die Nutzungsflexibilität. Dadurch, dass Wohnflächen zusammengelegt werden können, sind die Häuser auf unterschiedliche Weise bewohnbar, und es ergeben sich eine Vielzahl an Variationsmöglichkeiten. Immer zwei Wohneinheiten auf gleicher Höhe können entweder als einzelne Wohnungen mit 52 Quadratmeter und 64 Quadratmeter genutzt werden oder flexibel zu einer großen Wohneinheit zusammengeschlossen werden.

„Auch das städtische Bauen in einem verdichteten Stadtraum spielte als ökologische Überlegung eine Rolle“, sagt Sascha Zander. Denn auf diese Weise müssen die Häuslebauer nicht in die Stadt pendeln, und ländliche Regionen werden weniger zersiedelt. Sein Projekt wolle „suburbane Qualität mit urbaner Dichte“ verbinden.

Durch die großen Fenster zu allen Himmelsrichtungen dringt viel natürliches Licht. Obwohl die Häuser mit ihren insgesamt 143 Wohneinheiten nur 15 Meter voneinander entfernt stehen, ist die Privatsphäre der Bewohner geschützt, da die Gebäude zueinander versetzt sind. Im Inneren befinden sich dank einer Split-Level-Bauweise jeweils zwei der vier Wohnungen eines Geschosses auf einer Ebene. Die anderen sind um eine Ebene versetzt. Terrassenartige Balkone geben viele Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung.

Rigaer Straße: Widerstandsnest oder Erlebnispark für Reiche?

Der Wohnkomplex Li01 besteht aus sechs Wohnhäusern.
Der Wohnkomplex Li01 besteht aus sechs Wohnhäusern.

© Zanderroth / Simon Menges

Das Ziel von Smart Homing lautet, „ambitionierte Architektur zu erschwinglichen Preisen“ anzubieten. Als Sascha Zander und sein Büropartner Christian Roth nach dem Architekturstudium auf der Suche nach Aufträgen waren, kamen sie auf die Idee, sich ihre Projekte selbst zu schaffen. Sie sicherten sich die Option auf ein freies Baugrundstück und suchten Interessenten, die darauf als Baugruppe mit ihnen als Architekten bauen wollten. Das von Zanderroth gegründete Projektentwicklungsbüro Smart Homing koordiniert jetzt die Baugruppen. 144 Parteien wie bei „li01“ sind sich eben nicht immer sofort einig. Inzwischen haben Zanderroth Architekten und Smart Homing Baugruppenprojekte in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg realisiert. Viele davon bekamen Architekturpreise verliehen.

Mit „li01“ gewannen Zanderroth Architekten und Smart Homing jetzt bei den „Mipim Awards“, die in diesem Jahr zum 27. Mal verliehen wurden, den Preis für das beste Wohnprojekt. Im Rennen um den internationalen Immobilienpreis waren die Berliner zusammen mit Häusern in Prag, Sao Paulo und Asnières-sur-Seine in Frankreich nominiert. Im Projekttext heißt es unter anderem, dass sich das Hausprojekt ideal in seine Umgebung einfüge.

Linksautonomen sind solche Projekte ein Dorn im Auge

Das sehen nicht alle so. Im Kiez werden Neubauten wie „li01“ mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Die Rigaer Straße und zahlreiche alternative Hausprojekte sind nur einen Steinwurf entfernt – und das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen.

„Rigaer Straße: Widerstandsnest oder Erlebnispark für Reiche?“ titelte eine linksautonome Website, als die Bagger anrollten, und bedrohte die neuen Kiez-Bewohner. Das an die Liebigstraße 1 angrenzende und in der Fertigstellung begriffene Baugruppenprojekt Rigaer Straße, das ebenfalls von Smart Homing realisiert wird, wurde immer wieder attackiert. Mehrere Scheiben sind zersprungen und die weiße Fassade durch Farbbeutel verunziert.

„In der Rigaer Straße ist alleine bei unserem Projekt ein Schaden von einer halben Million Euro durch Vandalismus entstanden“, sagt Sascha Zander. Er würde dieses Geld gerne sinnvoller einsetzen. „Unser Büro arbeitet seit Jahren an Lösungen zur Querfinanzierung sozialer Infrastruktur. Leider sind solche Projekte in Berlin sehr schwer zu etablieren.“

Zur Startseite