Kantstraße : Start-ups sollen die Kant-Garagen rocken

Gastronomie, Kunst und Büros für das Zukunftsprojekt „Neue Mobilität“: Das Bezirk gibt grünes Licht für die künftige Nutzung des Baudenkmals in Charlottenburg.

Gerd W. Seidemann
Die Kant-Garagen in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg.
Kant-Garagen-Palast. Die historischen Vorhangfassaden bleiben künftig sichtbar.Foto: Thilo Rückeis

Plötzlich ging es ganz schnell: Mehr als ein Jahr hat das Gerangel um das Konzept einer künftigen Nutzung der denkmalgeschützten Kant-Garagen in Charlottenburg gedauert, jetzt gibt es „grünes Licht“ vom Bezirksamt. Und damit freie Bahn für die anfangs umstrittenen Pläne von Unternehmer Dirk Gädeke, der die heruntergewirtschaftete Immobilie Kantstraße 126–127 Ende 2015 aus dem Pepper-Imperium erworben hatte. Der Käufer darf nunmehr Kunst, Gastronomie und eine Penthouse-Wohnung verwirklichen, nebenan gar noch ein Hotel bauen.

Wie der zuständige Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf Oliver Schruoffeneger (Grüne) auf Anfrage dieser Zeitung mitteilt, steht einer Baugenehmigung nichts mehr im Weg. „Ungeklärte nachbarschaftliche Zustimmungen“, wie es noch Ende Dezember hieß, haben sich nach Auskunft des Stadtrats erledigt. Außerdem sei Eigentümer Gädeke bereit, mehrere Etagen an den – noch zu findenden – Träger eines Zukunftsprojekts Mobilität zu vermieten. Das Projekt, an dem das Bezirksamt beteiligt ist, liegt dem Stadtrat sehr am Herzen. Die „Initiative zur Erhaltung des Kant-Garagen-Palasts“, die wesentlich für die Rettung des Baus vor der Abrissbirne verantwortlich war, zeigt sich von der plötzlichen Einigung überrumpelt. Sprecher Andreas Barz fürchtet um die Wahrung aller relevanten denkmalschutzrechtlichen Aspekte.

Seit der Eröffnung 1930 zählt der Bau zu den stillen Attraktionen der Stadt

Kant-Garagen – das war doch dieses Parkhaus mit der Tankstelle unten drin, die man nie ansteuerte, weil es – im Vorbeifahren betrachtet – dort irgendwie eng und unübersichtlich schien. Besucher hingegen, an Architektur interessierte zumal, pilgerten von Beginn an zu dem auch äußerlich ungewöhnlichen Gebäude, gelegen zwischen Leibniz- und Krumme Straße. Seit seiner Eröffnung am 1. Oktober 1930 zählte der „Garagen-Palast“ zu den stillen Attraktionen der Stadt. Der Ingenieur und Unternehmer Louis Serlin, seinerzeit wohnhaft in der Leibnizstraße, hatte während eines USA-Aufenthalts in den 1920er Jahren die Zeichen des automobilen Aufbruchs erkannt, erwarb ein Grundstück nebst Villa in der Kantstraße und ließ für 1,5 Millionen Reichsmark (heutiger Wert: etwa 5 Millionen Euro) eine Hochgarage für 300 Automobile bauen, die bis heute zu den weltweit spektakulärsten ihrer Art zählt.

Irgendwie eng. Wendelrampe und Waschplatz im Parkhaus in der Kantstraße.
Irgendwie eng. Wendelrampe und Waschplatz im Parkhaus in der Kantstraße.Foto: Thilo Rückeis

Der Wiener Architekt Hermann Zweigenthal entwarf ein Gebäude im „Stil der neuen Sachlichkeit“, mit Vorhangfassaden aus Glas und Stahl, einer außergewöhnlichen Wendelrampe zu abschließbaren, beheizten Einstellplätzen auf den Parkebenen sowie mit Serviceeinrichtungen wie Tankstelle, Werkstatt und Waschanlagen. Louis Serlin musste mit seiner Familie 1938 vor den Nazis nach New York fliehen, die enteignete Immobilie, die, anders als die angrenzende Villa, den Bombenhagel weitgehend unbeschadet überstanden hatte, bekam er nach dem Weltkrieg (unter Mühen) zurück und betrieb die Garage bis zum Verkauf 1961 an den Berliner Immobilienkaufmann Karl Heinz Pepper, auch bekannt als „Mr. Europa Center“.

Dass das architektonische Kleinod überhaupt noch steht, grenzt fast an ein Wunder, wenn man bedenkt, wie Berlin so manches Mal mit seinen Denkmälern umgeht. Beinahe hätten 2013 auch die Kant-Garagen einem Neubau weichen müssen, obwohl ein paar Jahre vorher der Landesdenkmalrat ein – eher ungewöhnlich klares – Bekenntnis formuliert hatte: „Die Kant-Garagen sind nicht nur ein herausragendes Denkmal des Neuen Bauens, sondern auch ein einzigartiges – und hier ist der Ausdruck wirklich wörtlich zu nehmen – technisches Denkmal für den Automobilismus in Deutschland.“ Der damalige Eigentümer, Erbe Christian Pepper, sah allerdings in der immer dringender notwendigen Instandsetzung des maroden Gebäudes keinen wirtschaftlichen Vorteil für sich und beantragte deshalb den Abriss. Doch auch noch so umfangreiche Gutachten halfen ihm nicht.

Gädeke wurde als „Retter der Kant-Garagen“ gefeiert

Peppers 2003 verstorbener Vater Karl Heinz hatte keinen Einspruch erhoben, als der sechsgeschossige Garagenpalast 1991 auf die Berliner Denkmalliste gesetzt wurde. Allein, Pepper wurde weder von Amts wegen an seine Pflicht erinnert, das Denkmal so zu pflegen, wie es das Gesetz vorsieht, noch zeigte das Immobilienimperium in mehr als 50 Jahren irgendeine Initiative, in den Erhalt der Bausubstanz zu investieren.

Gleich nach dem Kauf („zum Freundschaftspreis“, wird kolportiert) wurde Immobilieninvestor Gädeke in der Öffentlichkeit als „Retter der Kant-Garagen“ gefeiert. Hingegen formulierte die Initiative um Stadtplaner Andreas Barz in einem offenen Brief konkrete Vorstellungen über die künftige Nutzung, die die automobile Vergangenheit zumindest ansatzweise abbilden sollte. Es begann ein Diskurs, der zum Stillstand des Vorhabens beitrug, weil auch das Bezirksamt nicht recht am Gädeke-Strang mitziehen wollte.

Stadtrat Schruoffeneger: Platz für zukunftsweisende Mobilitätskonzepte

Jetzt also die Wende. „Auf zwei oder drei Etagen können im Rahmen des Projekts ,Neue Mobilität‘ unter anderem Start-ups Platz finden“, sagt Stadtrat Schruoffeneger. Jetzt liege der Ball beim Bezirksamt. „Wir haben nicht ewig Zeit“, gibt Schruoffeneger zu, „doch wenn wir nicht spätestens in einem halben Jahr einen Träger gefunden haben, finden wir nie einen.“ In den vergangenen Monaten war von dem Grünen-Politiker die Technologiestiftung Berlin als möglicher Partner ins Gespräch gebracht worden. Wie deren Vorstandsvorsitzender Nicolas Zimmer, ehemals CDU-Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung, auf Anfrage mitteilt, sei die „Neue Mobilität“ fraglos ein spannendes Projekt, als Träger komme seine Einrichtung jedoch nicht infrage. „Wir sind ja kein Finanzinvestor, und ich muss auf das Geld der Stiftung aufpassen. Wenn das Land nun sagte, es übernehme für mehrere Jahre eine finanzielle Absicherung, müssten wir noch mal sprechen.“

Das Vorbild ist die „Markthalle 9“ in Kreuzberg

Abgesehen davon, ob nun in absehbarer Zeit das Mobilitätsprojekt auf die Beine kommt und damit ein eher geduldeter Mieter in den Kant-Garagen gefunden wird, gehen die Pläne des Investors Gädeke auf. Kunstgalerien sowie Läden und Cafés nach dem Vorbild der „Markthalle 9“ in Kreuzberg können ebenso realisiert werden wie die Vision, auf dem Dach ein Penthouse für seine Familie herzurichten und auf dem angrenzenden Grundstück Kantstraße 126 ein „art’otel“ mit 63 Zimmern zu bauen. Mit dem „art’otel“ am Kurfürstendamm verwirklichte das Familienunternehmen Gädeke & Sons bereits 1989 eines der weltweit ersten Designhotels.

Und wo bleibt der Denkmalschutz? „Wir haben Zustand und Erhalt des Gebäudes in der Unteren und Oberen Denkmalbehörde diskutiert“, sagt Stadtrat Schruoffeneger. „Auch die historischen Glasfassaden werden erhalten, wo das nicht möglich ist, werden sie nachgebaut. Unter dem Strich bleibt: Mit den Plänen sind jetzt alle happy.“

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