zum Hauptinhalt
Preise an den Tankstellen steigen ebenfalls.

© imago images/Rolf Poss

Tagesspiegel Plus

Inflation schnellt auf 5,1 Prozent: Warum der Krieg die Verbraucherpreise noch weiter steigen lässt

Der Ukraine-Krieg befeuert die Teuerungsrate. Der EZB sind die Hände gebunden - und der Wirtschaft droht das Schreckgespenst der Stagflation.

Auf mehr als 120 Euro war der Gaspreis am Freitag, dem ersten Tag des Ukraine-Kriegs, in die Höhe geschnellt. Mit aktuell knapp 100 Euro je Megawattstunde am Spotmarkt ist der Preis zwar wieder etwas gesunken – bewegt sich aber dennoch auf enormer Höhe. Ähnlich ist die Lage bei Öl und Kohle. Für Unternehmen und Verbraucher im Westen ist das kein gutes Omen.

Das spiegeln auch die Inflationsdaten für den Februar. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im Februar vor allem wegen anziehender Energiepreise im Schnitt um 5,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mitteilte. Im Januar war die Inflationsrate noch auf 4,9 Prozent gesunken, nachdem sie im Dezember mit 5,3 Prozent den höchsten Stand seit fast 30 Jahren erreicht hatte.

Für Preisdruck sorgt vor allem teure Energie, die im Februar 22,5 Prozent mehr kostete als vor einem Jahr. In Nordrhein-Westfalen kostete Heizöl fast 38 Prozent mehr, Kraftstoffe verteuerten sich um knapp 24 Prozent. In Baden-Württemberg lag die Inflationsrate „nur“ bei 3,7 Prozent, wenn man Heizöl und Kraftstoffe ausklammert. Nahrungsmittel verteuerten sich bundesweit um 5,3 Prozent. Waren kosteten im Schnitt 7,9 Prozent und Dienstleistungen 2,8 Prozent mehr.

„Es ist unglaublich viel Preisdruck in der Pipeline“, sagte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. „Der Anstieg der Inflationsrate ist die direkte Folge des russischen Übergriffs auf die Ukraine“, ergänzte Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank.

Energiepreise treiben die Inflation

Immerhin: "Eine unmittelbare Gefährdung der sicheren Strom- und Gasversorgung liegt nicht vor“, sagte der neue Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, am Dienstag. "Nach unserer Einschätzung treffen die Unternehmen die erforderlichen Maßnahmen, um auf alle Szenarien bestmöglich vorbereitet zu sein", fügte er hinzu.

Die Gaspreise steigen - weil Deutschland große Mengen aus Russland importiert.

© imago images/Future Image

Da Russland ein großer Energielieferant ist, könnten die Sanktionen des Westens und Gegenmaßnahmen zu anziehenden Energiepreisen führen. Fachleute werfen ihre Prognosen für die Entwicklung der Inflation derzeit wegen des Ukraine-Kriegs über den Haufen. Auch die Bundesregierung war im Januar noch von einer Inflationsrate von 3,3 Prozent für 2022 ausgegangen. Diese Schätzung ist obsolet.

Der Chefberater von Finanzminister Christian Lindner (FDP), Lars Feld, rechnet mit einer Inflationsrate von „deutlich über vier Prozent“. Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser schätzt: „Eine Fünf vor dem Komma wird gerade wahrscheinlicher als eine Drei.“

IW Köln rechnet sogar mit 6 Prozent Inflation

Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) legen gar eine Rate von mehr als sechs Prozent nahe – allein durch die steigenden Gaspreise. Bei einem dauerhaften Anstieg der Gaspreise um 50 Prozent ergibt sich demnach eine Inflationsrate von 6,1 Prozent für 2022 und fünf Prozent 2023. Für einen Gaspreisanstieg dieser Größenordnung müsste es allerdings zu umfassenden Liefereinschränkungen kommen.

Doch auch ohne gravierende Liefereinschränkungen werden die Preise anziehen. Sollte der Gaspreis in diesem Jahr auf dem hohen Niveau des vierten Quartals 2021 bleiben, ergibt sich laut IW eine Teuerung von 4,3 Prozent in diesem und 4,5 Prozent im nächsten Jahr. Die IW-Berechnungen sind mit Vorsicht zu genießen: Effekte, wie ein Umschwenken auf andere Energieträger oder eine geringere Nachfrage, sind nicht enthalten. Allerdings enthalten sie genauso wenig weitere Inflationstreiber. „Der Ukrainekrieg macht eine Lohn-Preis-Spirale wahrscheinlicher“, warnt Ökonom Feld.

Droht jetzt die Stagflation?

Der Ukrainekrieg sorgt für Unsicherheit in der Wirtschaft insgesamt – weit über die Inflationsdaten hinaus. Laut den IW-Berechnungen könnte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2022 allein durch die höheren Gaspreise 0,2 Prozent geringer ausfallen. 2023 könne der Schaden bei 0,7 Prozent des BIP liegen. Kommt es zu gravierenden Engpässen, könnte das deutsche BIP laut IW in diesem Jahr um 0,6 Prozent geringer ausfallen, im nächsten Jahr betrüge das Minus 1,4 Prozent.

Der Ökonom Lars Feld ist Chefberater von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP).

© imago/Reiner Zensen

In Kombination mit den steigenden Preisen droht damit eine Stagflation. Darunter ist ein Stillstand des Wirtschaftswachstums bei gleichzeitiger Geldentwertung zu verstehen. Das gilt als besonders gefährlich: Unterstützungsprogramme für die Wirtschaft, um die Konjunktur anzukurbeln, könnten die Preise noch weiter treiben.

Dabei hatten Konjunkturforscher für das laufende Jahr Hoffnung auf einen großen Aufschwung nach der Coronakrise. Das steht nun infrage. „Die bislang erwartete konjunkturelle Erholung wird geschwächt. Es droht Stagflation“, warnt Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Die EZB in der Zwickmühle

Für die Europäische Zentralbank (EZB) werden die Entscheidungen, die sie in der kommenden Woche zu treffen hat, durch den Krieg noch schwieriger. Trotz hoher Inflationsraten war die EZB bislang eher vorsichtig und verwies auf eine prognostizierte Normalisierung im nächsten Jahr. Nun wachsen die konjunkturellen Sorgen, sodass eine Anhebung des Leitzinses als Reaktion auf die noch steigende Inflation der Wirtschaft schaden könnte.

Auch Lebensmittelpreise steigen - allerdings nicht so stark wie Energiepreise.

© Rolf Vennenbernd/dpa

Es wäre unklug, sich auf künftige Schritte festzulegen, solange die Auswirkungen des „dramatischen Konflikts in der Ukraine“ nicht klarer seien, sagte der EZB-Direktor Fabio Panetta am Montag. Es gelte, „moderat und vorsichtig“ vorzugehen, um die Konjunkturerholung nicht abzuwürgen.

Auf einen Konjunkturdämpfer stellt sich die EZB laut Insidern bereits ein. Beim Treffen der EZB-Spitze in Paris habe Chefvolkswirt Philip Lane vergangene Woche unterschiedliche Szenarien vorgelegt, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Im extremen Szenario würde das BIP der Euro-Zone im laufenden Jahr um fast ein Prozent geschmälert.

Die Bundesregierung kann nur umverteilen

„Die EZB wird voraussichtlich ihre Anleihezukäufe stoppen, das hat sie versprochen“, sagte Stefan Gerlach, Chefökonom der Schweizer EFG-Bank und früherer Vizechef der irischen Notenbank, dem Handelsblatt. Bisher hatte die EZB in Aussicht gestellt, danach sehr schnell die Zinsen zu erhöhen. „Aber jetzt ist es offen, wie es mit Zinserhöhungen weitergeht“, so Gerlach.

Regierungsberater Feld hält einen Zinsschritt in diesem Jahr für „wenig wahrscheinlich“. Kurzfristig aber kann die Regierung selbst nichts gegen die Inflation tun, sie kann die Belastungen nur umverteilen. Dafür hat sie zuletzt ein 16 Milliarden Euro schweres Paket angekündigt, in dem etwa die Erhöhung der Pendlerpauschale oder ein Sofortzuschlag für Hartz-IV-Empfänger enthalten sind.

BDI-Präsident Siegfried Russwurm fordert darüber hinaus, Energiesteuern zu senken. „Denn durch die im Zuge des Ukrainekriegs steigenden Preise verdient der Fiskus über die Steuern ab sofort noch mehr“, sagte Russwurm dem Handelsblatt. Zuletzt gibt es die Möglichkeit, dass die Politik etwa beim Gas Preisgrenzen vorgibt. Die Maßnahme gilt aber nicht als mehrheitsfähig, weil sie Anreize zum Ausbau der Erneuerbaren blockieren würde.

Dieser Text erschien zuerst im Handelsblatt.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false