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Insolvenz von Muun : Der Anfang vom Ende des Matratzen-Hypes

Das Berliner Start-up Muun ist Pleite, zuvor hatte sich Eve zurückgezogen. Der Verkauf von Einheitsmatratzen im Internet funktioniert doch nicht so leicht.

Die Gründer des Matratzen-Start-ups Muun, Frederic Böert und Vincent Brass, müssen aufgeben.
Die Gründer des Matratzen-Start-ups Muun, Frederic Böert und Vincent Brass, müssen aufgeben.Foto: promo

Sie heißen Emma, Max, Eve, Casper, Bruno, Felix oder Paul und versprechen revolutionäre Matratzen. Schlafunterlagen aus dem Internet, die nach dem One-size-fits-all-Konzept, quasi auf alle Körperformen und Bedürfnisse passen sollen, erleben seit drei, vier Jahren einen enormen Boom. Zahlreiche Matratzen-Start-ups drängten in den Markt, in Berlin gibt es beispielsweise Muun, Bruno, Snooze-Project oder den Home24-Ableger Smood. Ihr Vorbild ist Casper: Das US-Unternehmen wirbt mit prominenten Unterstützern wie Leonardo DiCaprio oder Kevin Spacey und hat inzwischen fast eine Viertelmilliarde Dollar von Risikokapitalgebern erhalten. Das lockte schnell zahlreiche Casper-Klone, die ebenfalls Einheitsmatratzen mit lustigen Vornamen verkaufen.

Muun insolvent, Eve gibt in Deutschland auf

Doch nun scheint der Hype vorbei. Das Berliner Start-up Muun hat beim Amtsgericht Charlottenburg vorläufige Insolvenz angemeldet. Das von Vincent Brass und Frederic Böert gegründete Unternehmen setzte auf schickes Design und hatte einen spektakulären Showroom in der Mulackstraße, gestaltet vom Architekturbüro Graft. Bekannte Investoren wie Dirk Graber, Gründer des Onlinebrillenhändlers Mister Spex hatten investiert. Doch das Geschäft lief nicht wie erhofft. Wegen der "intensiven Wettbewerbslage auf dem deutschen Matratzenmarkt hat das Unternehmen eine strategische Neuausrichtung forciert", erklären die Gründer. Dabei setzten sie auf einen strategischen Partner aus der Industrie. "Nach mehrmonatigen Verhandlungen sind die Verhandlungen kurz vor Unterschrift eingestellt worden", heißt es. Nun sollen weitere Gespräche mit Investoren unter Aufsicht des Insolvenzverwalter Jesko Stark laufen.

Welche Chancen es dabei gibt, muss man sehen. Denn das Fachportal "Deutsche Startups", das zuerst über die Muun-Insolvenz berichtete, schreibt gar schon von "Endzeitstimmung in der Szene". Tatsächlich hatte gerade erst einer der prominentesten Vertreter hierzulande aufgegeben. „Es tut uns leid, aber wir nehmen nicht länger Bestellungen für Deutschland entgegen“, heißt es auf der Seite des britischen Anbieters Eve. Ex-Manager von Zalando und Rocket-Internet hatten das Start-up gegründet. Ihr selbst erklärtes Ziel: „Die Schlafmarke Nummer Eins in Europa zu werden“. Im vergangenen Jahr ging Eve an die Börse, doch seit dem Frühjahr stürzte der Kurs von mehr als 120 auf 20 Pfund ab. Der Chef und Gründer musste gehen und nun folgt der Rückzug aus Deutschland.

"Wettbewerber bekommen Schwierigkeiten", sagen die Bruno-Gründer Andreas Bauer und Felix Baer.
"Wettbewerber bekommen Schwierigkeiten", sagen die Bruno-Gründer Andreas Bauer und Felix Baer.Foto: Promo

Ist das der Anfang vom Ende des Matratzen-Hypes oder ist Eve ein Sonderfall? Schließlich hatte es das Unternehmen nach einem „mangelhaften“ Urteil der Stiftung Warentest in Deutschland besonders schwer. „Der Markt ist sehr umkämpft und wird sich sicher weiter konsolidieren“, glaubt Alexander Behr, Gründer von Snooze Project. Ähnlich sieht man es auch bei Brunobett. „Wir rechnen damit, dass einige Wettbewerber bald in Schwierigkeiten kommen werden“, erklärt das Unternehmen. Einen eigenen Ableger unter dem Namen Leo-Matratze haben die Bruno-Macher auch schon wieder dichtgemacht.

Matratzenfirma schaltet meiste Spots bei Fußball-WM

Sie sagen, die Marketingausgaben vieler Start-ups seien unverhältnismäßig und von der „übertriebenen Hoffnung“ auf das Erreichen einer großen Markenbekanntheit getrieben. So gab Eve im Vorjahr für die Gewinnung jedes Kunden durchschnittlich 275 Euro aus. Eine enorme Investition, wenn man bedenkt, dass im Schnitt nur alle acht Jahre eine Matratze gekauft wird. Auch deswegen bieten die Start-ups mehr und mehr Zusatzprodukte an: Von Kissen über Schlafanzüge bis hin zu Betten. Auch Bruno hat seine Produktpalette entsprechend erweitert, welchen Anteil die Zusatzangebote inzwischen am Geschäft ausmachen, will das Unternehmen nicht sagen. Trotzdem sind die Umsätze vieler Matratzen-Start-ups derweil überschaubar. Bei Snooze Project war es im vergangenen Jahr weniger als eine Million Euro, Bruno kam auf fünf Millionen. Beide wirtschaften nach eigenen Angaben profitabel.

Eine Ausnahme ist da Bett1. „Unser Umsatz betrug letztes Jahr 120 Millionen Euro“, sagt Gründer Adam Szpyt. Damit hat er die Einnahmen fast verdreifacht. Das Berliner Unternehmen profitiert enorm davon, „die beste jemals getestete Matratze“ bei Stiftung Warentest zu sein. Der Online-Anbieter bewirbt das auch massiv. 20 Millionen Euro hat Szpyt 2017 in TV-Werbung gesteckt. Während der Fußball-WM schaltete Bett1 die meisten Spots.

Bett1 kämpft gegen Fake-Testseiten

Viele Wettbewerber setzten dagegen auf eine andere Strategie: dubiose Testseiten. „Fast alle Start-ups buchten die extrem verbrauchertäuschenden Fake-Matratzentestseiten und zahlten hohe Provisionen für diese gekauften Produktempfehlungen“, sagt Szpyt. In Dutzenden Fällen ging er dagegen vor. „Viele der Fake-Matratzentestseiten und falschen Behauptungen haben wir über Gerichte verbieten lassen.“ Nun sei das Problem kleiner geworden. Auch deswegen funktioniere das Geschäftsmodell vieler Anbieter nicht mehr.

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