Kritik an Preispolitik der Pharmahersteller : Milliarden für neue Medikamente

Die Preise für neuentwickelte Medikamente schießen ins Uferlose. Das belastet die gesetzlichen Kassen – und womöglich bald auch die Beitragszahler.

Immer teurer. Experten kritisieren die Preispolitik der Pharmaindustrie.
Immer teurer. Experten kritisieren die Preispolitik der Pharmaindustrie.Foto: Daniel Reinhardt/dpa

41,2 Milliarden Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für Arzneimittel ausgegeben. Das war eine Steigerung um 3,2 Prozent, mit der die Versicherer eigentlich noch ganz gut leben können. Dennoch zeigen sich Experten besorgt über die Entwicklungen im Pharmasektor. Hersteller und Apotheker machen ihr Geschäft immer stärker mit neuen Medikamenten für kleine Patientengruppen. Das Gros ihrer Umsätze konzentriert sich auf immer weniger Therapiegebiete. Und die Preise für die entsprechend entwickelten Arznei-Innovationen schießen ins Uferlose.

Apothekenumsatz mit Patentarznei hat sich verdreifacht

Patentgeschützte Medikamente seien die mit Abstand stärksten Kostentreiber bei den Arzneiausgaben, heißt es im neuen Arzneiverordnungsreport, den das wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) gemeinsam mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft am Dienstag in Berlin präsentierte. Pro Verordnung habe sich der Apothekenumsatz mit solchen Mitteln in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht – von 163 auf 471 Euro. Und insgesamt seien 2018 damit 19,8 Milliarden Euro erzielt worden.

„Das ist fast die Hälfte des gesamten Umsatzes in der Apotheke“, sagte WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Dabei mache Patentmedikamente gerade mal 6,4 Prozent aller verkauften Arzneipackungen aus. Ein ähnlich schiefes Bild ergibt sich beim Blick auf die Arzneiausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. 18,8 Milliarden gaben die Versicherer im vergangenen Jahr für die Behandlung mit den vergleichsweise wenigen patentgeschützten Medikamenten aus. Damit stieg deren Kostenanteil an den Gesamtausgaben in 20 Jahren von 33 auf 47 Prozent.

Bis zu 320 000 Euro für ein neues Medikament

Allerdings ist das kein Wunder, wenn man sich die Preisentwicklung betrachtet. Für die 20 teuersten Markteinführungen der vergangenen drei Jahre wurden dem Report zufolge 10.000 bis 320.000 Euro verlangt. Zehn Jahre zuvor lag diese Spanne noch zwischen vergleichsweise bescheidenen 3000 und 23.000 Euro. Und mit 6,89 Euro pro Tag und 2500 Euro für die Jahrestherapie kommt eine Behandlung mit Patentarznei inzwischen 20 Mal so teuer wie eine mit Nachahmerpräparaten, den sogenannten Generika.

Spitzenreiter bei den 30 neuen, nutzenbewerteten Arzneimitteln des Jahres 2018 sei ein Medikament zur Behandlung einer lysomalen Speicherkrankheit namensVestronidase alfa, berichtete der Heidelberger Pharmakologe und Report-Herausgeber Ulrich Schwabe. Die Jahrestherapiekosten pro Patient lägen hier bei 1,1 Millionen Euro. Da die Krankheit aber sehr selten sei, blieben die Kassenausgaben im einstelligen Millionenbereich.

Migränemittel könnte rechnerisch mehr als 30 Milliarden Euro pro Jahr verschlingen

Ganz anders verhalte es sich mit einem neuen Mittel zur Behandlung von Brustkrebs namens Abemaciclib. Trotz Jahrestherapiekosten von „nur“ 41.000 Euro entstünden den Kassen wegen hoher Patientenzahlen hier rein rechnerisch Kosten von 3,5 Milliarden Euro.

Und "der krasseste Fall von potenziellen Milliardenkosten" sei ein neues Mittel zur Migräne-Prophylaxe namens Erenumab. Da es für 2,4 Millionen Patienten in Frage komme, könnten den Kassen hier – bei Jahrestherapiekosten von 12.000 Euro – rein rechnerisch Gesamtkosten von 30,3 Milliarden Euro ins Haus stehen. Zwar sei ein Zusatznutzen für dieses Medikament nur für 14.500 Patienten belegt, betonte Schwabe. Der Gemeinsame Bundesausschuss habe aber dennoch keine Verordnungseinschränkung beschlossen. „Wir dürfen daher gespannt sein, wie dieses Kostenproblem von der GKV gelöst wird.“

AOK-Institut warnt vor "tickender Zeitbombe"

Auch der AOK-Wissenschaftler Klauber warnte vor einer „tickenden Zeitbombe“, die schnell beitragsrelevant werden könne. Dabei stünden der Hochpreispolitik der Pharmakonzerne enorme Umsätze und Gewinnspannen gegenüber. Mit einer Gewinnmarge von 21 Prozent vor Zinsen und Steuern kämen die Arzneihersteller "auf das Dreifache der gleichfalls finanzkräftigen Automobilindustrie".

Dabei konzentrierten sich die hohen Umsätze im Patentmarkt auf immer weniger Therapiegebiete. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Mittel zur Behandlung von Krebs, Schmerz und entzündlichen Prozessen, Diabetes und Multiplen Sklerose sowie zur Beeinflussung der Blutgerinnung und der Immuntherapie. Auf diese Therapien entfielen im vergangenen Jahr zwei Drittel des patentgeschätzten Umsatzes, zehn Jahre zuvor lag ihr Anteil noch bei rund einem Drittel.

Hohes Einsparpotenziell durch Orientierung an den Verkaufspreisen anderer Länder

Deutschland leiste sich „immer noch den Luxus einer freien Preisbildung von neuen Patentarzneimitteln im ersten Jahr nach der Markteinführung“, klagte Schwabe. Doch selbst wenn es bei den bisherigen gesetzlichen Regelungen bleibe, gebe es Einsparpotenziale in Milliardenhöhe, betonten die Wissenschaftler. Allein durch die stärkere Orientierung an den Verkaufspreisen anderer Länder ließen sich die Ausgaben für Patentarznei und sogenannte Biosimilars im Jahr um bis zu 2,7 Milliarden Euro verringern.

Eine echte Nutzenbewertung beziehungsweise das Aus für „uralte umstrittene Arzneimittel“ und Homöopathika könne weitere 500 Millionen Euro bringen, die rückwirkende Verrechnung von Erstattungsbeträgen für vormals patentgeschützte Mittel nochmal 200 Millionen.

Kassenfunktionärin wünscht sich gesamtgesellschaftliche Debatte

Die Pharmafirmen testeten die Zahlungsbereitschaft der gesetzlichen Kassen immer weiter aus, sagte Sabine Richard, Versorgungsexpertin beim AOK-Bundesverband. „Wir brauchen daher eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, wie die Solidargemeinschaft dauerhaft vor einer Überforderung geschützt werden kann.“

Dass die Ausgaben für Arzneimittel bisher nicht aus dem Ruder liefen, ist schließlich auch nur den bereits bestehenden Steuerungsinstrumenten der Kassen zu verdanken. Das größte Einsparvolumen ergibt sich dem Report zufolge aus der Möglichkeit der gesetzlichen Versicherer, Höchstpreise für bestimmte Arzneimittel festzusetzen. Diese sogenannten Festbeträge brachten den Kassen im vergangenen Jahr 8,2 Milliarden Euro. Über Rabattverträge sparten sie sich sich 4,5 Milliarden Euro. Die Einsparungen über Erstattungsbeträge aufgrund der Nutzenbewertung für neue Medikamente summierten sich auf 2,65 Milliarden Euro.

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